Doch gibt es bei der auf fossilen Brennstoffen basierenden Energieinfrastruktur einen Punkt, an dem eine Spitzenposition nicht mehr erreichbar ist, weil sich die Quellen erschöpfen. Nach Ansicht des SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer ist dieser bereits überschritten. Nach seiner Ansicht erreichen Volkswirtschaften wie China oder Indien niemals den Industrialisierungsgrad der westlichen Welt, wenn sie ausschließlich auf die traditionellen Energieträger setzen.
Die Energieinfrastruktur stößt an ihre Grenzen
Offenkundig verursacht das Energiesystem aber so dramatische Klimaveränderungen, dass Stimmen nach einer Energiewende lauter werden. Ob die noch gelingt bevor die Eisschilde der Polkappen schmelzen oder Umweltkatastrophen wie extreme Stürme, Dürren oder Hungersnöte über uns hereinbrechen, ist angesichts der aktuellen Studien des Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC fraglich. Für den US-amerikanischen Ökonomen Dennis Meadows, der bereits im Jahr 1972 für den Club of Rome eine ähnlich Aufsehen erregende Studie anfertigte, ist die Sache klar: "Wir haben dreißig Jahre geschlafen!", sagte er kürzlich in einem Interview mit Spektrum der Wissenschaft. Bleibt abzuwarten, ob die Prognosen des IPCC ähnlich schnell in Vergessenheit geraten wie Meadows Analysen.
Die neue Energieinfrastruktur wird dezentral sein
Eine oft gestellte Frage lautet: Schaffen es die regenerativen Energien überhaupt, Kohle, Gas und Erdöl zu ersetzen? Die Frage aber ist falsch gestellt. Die fossilen Energieträger sind endlich, worauf das Attribut "fossil" sehr deutlich hinweist. Irgendwann einmal – egal ob in zehn, fünfzig oder hundert Jahren – sind diese Quellen versiegt. Daran ändern auch die immer wieder ins Spiel gebrachten Funde von Ölschieferlagerstätten, Ölsanden oder gar Methanhydraten nichts; sie verlängern das fossile Zeitalter ausschließlich graduell und belasten in dieser Zeit weiterhin das Weltklima.
Schon heute könnte der gesamte Strombedarf Europas mit erneuerbaren Quellen gedeckt werden
Das zeigt beispielsweise der Kasseler Wissenschaftler Gregor Czisch. Selbst unter konservativen Annahmen lässt sich mit heutigen Technologien der gesamte Strombedarf Europas mit regenerativen Energieträgern decken. Voraussetzung dafür ist ein weit verzweigtes Stromnetz, ein SmartGrid, das Stromschwankungen rasch ausgleicht. Czisch taxiert die Stromkosten inklusive der Erzeugung und aller Aufwendungen für den Stromtransport auf weniger als fünf Cent pro Kilowattstunde. Das entspricht heutigen Preisen wie sie an der Energiebörse in Leipzig gehandelt werden. Dabei verzichtet der Kasseler Physiker vollkommen auf die umstrittene Kernenergie.
Diese Betrachtungen sind vielen Versorgern nicht recht. Im Gegenteil: Sie sträuben sich beharrlich, ihre Kalkulationen offen zu legen. Und sie sorgen sich, die Souveränität über ihre Netze zu verlieren, weshalb sie zögern, diese zu modernisieren. Doch ist das eine Voraussetzung für den Wandel zu einem dezentral strukturierten, nachhaltigen Energiesystem.
Hoffen auf die Kernfusion
Ähnlich sieht es mit einigen Solarenergieprojekten aus. Statt die ansonsten kaum genutzten Dachflächen von Häusern in Städten und Dörfern – dort wo die Energie gebraucht wird – systematisch mit Solarpaneelen auszustatten, spuken immer neue Ideen in der Welt herum, riesige Flächen in entlegenen Gegenden mit Lichtfängern zuzupflastern. Sicherlich haben auch derartige Konzepte ihre Berechtigung. Doch sollte man zunächst die Potenziale vor der eigenen Haustür ausschöpfen.
Energieeffizienz ist das Zauberwort
Doch so lange kann Wirtschaft und Klima kaum warten. Spät wurde die einfachste und schnellste Option erkannt: Das Energiesparen. Mittlerweile hat es sich sogar als Schwerpunktthema auf der Hannover Messe Industrie gemausert. Kein Wunder. Schließlich gehen Experten davon aus, dass sich rund ein Drittel des Energieverbrauchs durch clevere Lösungen – technische wie organisatorische – einsparen lassen: Indem Antriebe elektronisch geregelt werden, Lecks abgedichtet, Räume isoliert oder Energie nur bei Bedarf bereit gestellt wird.
Wirtschaft und Politik haben mittlerweile die Zeichen der Zeit erkannt: Denn jede Kilowattstunde, die nicht erzeugt werden muss, kostet weder Geld noch belastet sie die Umwelt.
Mit Sicherheit ist dies ein richtiger Ansatz. Denn ob erneuerbar oder konventionell erzeugte Energie. Stets hat deren Produktion Einfluss auf das Ökosystem. Die Umwelt so schonend wie möglich zu behandeln, sollte aber stets oberstes Ziel sein. Damit sich unsere Enkel und Urenkel künftig genau so an Mutter Erde erfreuen können wie wir.


Freier Journalist für Wissenschaft und Technik






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1. Erfreuliche Erkenntnisse
26.07.2008, Kurt Kress, Kesslertstr.9, 60431 FrankfurtDas gewohnte Denken in großtechnischen Dimensionen beeindruckt leider mehr, als ein Denken, das durch dezentrale Energieversorgung auch wirtschaftliche Macht dezentralisieren und so demokratisieren will. Schon vor Jahren lobte Claassen, damals noch Chef von EnBW, die Pläne der DLR, die vorrechneten, dass man mit Wind- und Solarstrom aus Nordafrika die ganze Welt ausreichend mit elektrischer Energie versorgen kann, und das mit nur 1% der dafür geeigneten Flächen, während Claassen die dezentrale Nutzung regenerativer Energien in Deutschland, also eine breitere Streuung von Eigentum, entschieden ablehnte.
Die Faszination dieser teils weltumspannenden Mammutprojekte lässt leicht vergessen, dass es auch weniger spektakuläre, dafür aber schneller und billiger zu realisierende Lösungen des Energieproblems gibt: Die dezentrale Energieversorgung durch Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien, die Strom und Wärme dort erzeugen, wo sie benötigt werden. Das ermöglicht - im Gegensatz zu die Landschaft und Wälder zerschneidende Hochspannungstrassen - kurze, verlustarme Erdkabel und Nahwärmenetze.
Wem das unrealistisch, zu blauäugig erscheint, dem seien als Beispiel aus der BRD einige Zahlen des Statistischen Bundesamtes oder des BMU (AGEE-Stat) genannt: Sie zeigen, dass wir uns durchaus mit "heimischen" Energien ausreichend versorgen können. So wuchs z.B. die Summe der Leistung dezentraler Anlagen, die nur mit erneuerbaren Energien betrieben werden, in Deutschland in der Zeit von 2001 bis 2006 um 16 571 MW. Diese 16 571 MW entsprechen etwa einer Leistung von 16 großen Kohle- oder Atomkraftwerken. In diesen sechs Jahren hätte man aber kein einziges Großkraftwerk fertig stellen können, da deren Planungs- und Bauzeiten den Zeitrahmen von sechs Jahre bei weitem überschreiten.
Nicht nur die Leistung dieser dezentralen Anlagen, sondern auch die Summe ihrer jährlichen Stromproduktion steigt kontinuierlich. Nach der genannten Statistik betrug die Summe der Stromerzeugung dezentraler Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien in Deutschland 24 505 GWh 1997 und 87 450 GWh 2007, Tendenz steigend. Das entspricht einem jährlichen Zuwachs von durchschnittlich etwa 6300 GWh. Im Jahr 2007 betrug dieser Zuwachs aus neu errichteten Anlagen sogar 15 400 GWh. Das entspricht etwa der Stromproduktion von zwei Grundlastkraftwerken mit einer Leistung von 1000 MW und jährlich 8000 Volllaststunden, also einer Stromproduktion von ca. 16 000 GWh. In einem Jahr hätte man aber nicht zwei Großkraftwerke fertig stellen können.
Hermann Scheer hat also recht, wenn er sagt, dass keine Energietechnik schneller zu realisieren ist, als der Bau von Anlagen zur dezentralen Nutzung erneuerbarer Energien. Von diesen Energien gibt es in Europa mehr, als wir benötigen. Die Förderung des Baus von Wind- und Solaranlagen in Afrika wäre eine sinnvolle Entwicklungshilfe für die dort lebende, meist arme Bevölkerung, jedenfalls sinnvoller als die aufwendige Verlegung von HGÜ-Stromkabeln durchs Mittelmeer.