Zwei Dinge sind hierbei jedoch zu beachten: Erstens kritisieren Vul und Kollegen nur ein bestimmtes Vorgehen; die in Bildgebungsstudien am häufigsten berichteten Vergleiche zwischen experimentellen Bedingungen beanstanden sie dagegen nicht. Zweitens ist es sehr unwahrscheinlich, dass die gefundenen Korrelationen in Wahrheit nicht existierten – sie sind vermutlich jedoch schwächer als von den Autoren der untersuchten Studien berechnet.
Vul und Kollegen haben ihre Kritik derweil auch abgeschwächt: In ihrem inzwischen veröffentlichten Artikel sprechen sie nicht mehr von "Voodoo"-Korrelationen (wie noch im Titel der Vorabversion im Internet), sondern von "verblüffend hohen Korrelationen".
Sirotin und Das haben in ihrer Arbeit gezeigt, dass der Blutfluss im primären visuellen Kortex von Makaken ansteigen kann, ohne dass dies von lokaler neuronaler Aktivität verursacht sein muss. Das ist zweifellos eine wichtige Erkenntnis, da die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) neuronale Aktivität nicht direkt misst, sondern über den Umweg der Sauerstoffsättigung des Bluts. Der neue Befund ist aber für die kognitiven Neurowissenschaften nicht so kritisch, wie Fritz Strack vermutet. Dafür gibt es mehrere Gründe, der wichtigste ist unserer Ansicht nach folgender: In fast allen Bildgebungsstudien werden verschiedene Stimulationsbedingungen miteinander verglichen. Wenn nun also die von Sirotin und Das beschriebenen Effekte auch beim Menschen auftreten, so sollten sie sich zwischen diesen einzelnen Bedingungen nicht unterscheiden und somit beim Vergleich derselben "heraussubtrahieren".
Auch in den einschlägigen Fachjournalen sind methodenkritische Beiträge seit Langem an der Tagesordnung. Verfeinerungen und Neujustierungen der Bildgebung verändern die Forschungspraxis in den kognitiven Neurowissenschaften laufend. Zu unterstellen, ihre Vertreter würden eine längst überfällige Methodenkritik scheuen, erscheint uns somit unangemessen.
Schließlich wehren wir uns gegen den Vorwurf, bei den mittels bildgebender Verfahren gewonnenen Erkenntnissen handele es sich um eine moderne Version der Phrenologie. Die Anhänger dieser im 19. Jahrhundert verbreiteten Lehre versuchten, die Ausprägung von Charaktereigenschaften an den Schädelformen einzelner Menschen abzulesen. Obwohl sich das bald als unhaltbar erwies, kann man durch den historischen Verweis auf die Phrenologie nicht jeden Versuch, geistige Leistungen im Gehirn zu verorten, als Unfug verwerfen.
Kognitive Funktionen wie Entscheiden, Lernen und Erinnern sind nicht beliebig im Gehirn verteilt; sie sind andererseits auch nicht an einer bestimmten Stelle zu finden. Die Wahrheit liegt dazwischen – und es ist unsere Aufgabe, herauszufinden, wo und wie genau solche Leistungen neuronal realisiert sind.
Den kognitiven Neurowissenschaften geht es aber nicht allein darum, bestimmten Hirnregionen geistige Funktionen zuzuordnen. Vielmehr streben sie nach einem umfassenden Verständnis davon, wie Kognition und Verhalten mit der Anatomie und Physiologie des Gehirns zusammenhängen. Dazu gehört auch, die Dynamik neuronaler Netzwerke und deren Entwicklung im Zusammenspiel mit Genen und Umwelt besser zu durchschauen. Nur so werden wir das Wo und Wie geistiger Prozesse aufklären können.
An diesem Ziel sollten verschiedene Disziplinen wie die Biologie, die Medizin und die Neuroinformatik gemeinsam arbeiten – so wie es vielfach bereits passiert. Die Psychologie mit ihrem experimentellen Knowhow und ihren ausgefeilten Modellen kann und soll hierbei eine wichtige Rolle spielen. Die Erkenntnisse der kognitiven Neurowissenschaften wirken aber auch auf die Psychologie selbst zurück. Neuroimaging-Verfahren wie die fMRT erweitern das psychologische Methodeninventar auf faszinierende Weise. Mit Hilfe der Bildgebung können wir geistige Prozesse in ihrem biologischen Substrat verorten – und so zu einer biologisch plausiblen Modellbildung in der Psychologie beitragen.
Die jüngst vorgestellten Arbeiten sind wichtig, denn sie zeigen, dass wir unser Wissen über die neurophysiologischen Grundlagen des fMRT-Signals weiter verfeinern und die gewonnenen Befunde kritisch prüfen müssen. Dies scheint auch deshalb notwendig zu sein, weil laut aktuellen psychologischen Untersuchungen oft allein schon die Präsentation von Hirnaufnahmen ausreicht, um wissenschaftliche Artikel überzeugender erscheinen zu lassen – selbst wenn die Bildgebung für deren Argumentation irrelevant ist. Hier stimmen wir mit Fritz Strack überein: Neurowissenschaftler und -Journalisten sind dazu aufgerufen, mit der "Macht der bunten Bilder" verantwortungsvoll umzugehen.

Jan Derrfuß ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für neurologische Forschung in Köln.



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1. Es geht um viel mehr!
04.05.2009, Ingo-Wolf Kittel, Augsburg - FA für pt. MedizinSelbstverständlich ist es legitim zu erforschen, wie Aktivitäten von uns wie beispielsweise "Kognition und Verhalten mit der Anatomie und Physiologie des Gehirns zusammenhängen". Die Frage ist lediglich, was daraus folgt! Zur Veranschaulichung: Was erfahren wir - auch nur prinzipiell - über einen Walzer, wenn wir aus der anatomischen Forschung erfahren, welche Muskeln beim Walzertanzen insgesamt (alle!) oder vorwiegend (z.B. in den Schultern) betätigt werden, und Muskelphysiologen imstande wären, uns auf Fotos den gemittelten Blutdurchfluss in der Körpermuskulatur bei Walzer-tanzenden Personen zu zeigen?!
Es gilt nicht nur, mit der "Macht der bunten Bilder" aus der Neurophysiologie verantwortlich umzugehen, wie die Autoren meinen. Vielmehr geht es darum, mit den neurophysiologisch gewonnenen Daten selbst verantwortlich umzugehen! Dass hier vieles im Argen liegt, hat soeben Peter Janich in seinem Essay "Kein neues Menschenbild" dargestellt, der als Nr. 21 in der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags erschienen ist. Fritz Strack hat meinem Eindruck nach nur die gegenwärtige neurophysiologische Methodendiskussion genutzt, auf dasselbe hinzuweisen.
2. Denken und Gehirn
05.05.2009, Tigris Seyfarth, München - Allgemeinarzt- Kein Mensch kann sein Gehirn wahrnehmen (die KST-Darstellungen sind technisch vermittelte Darstellungen "von außen").
- Beim Zustand des Denkens nimmt man jedoch etwas wahr (Gedankeninhalte, Gedanken-Kreisen, Kopfrechnen).
- Also kann das, was man beim Denken wahrnimmt, kein Zustand des Gehirns sein (falsch wäre der Schluss, dass beim Denken das Gehirn nicht beteiligt ist).
- Es ist zu fragen, wo die sensorischen Zellstrukturen sind, deren Stoffwechsel (ohne erkennbare Bewegung) variiert und so wahrgenommen wird.
- Das Nervensystem hat keine andere Funktion (simple Neurophysiologie) als die der Übertragung sensorischer Abläufe auf Muskulatur (diese aber ist die Voraussetzung für Veränderung bei beweglichen Organismen).
- Antwort: Spannungsveränderung von Muskeln kann unterschiedlich wahrgenommen werden ohne Bewegung, wenn sie 1) mit Sinnesstrukturen verbunden sind und 2) antagonistisch angelegt sind. Die Muskeln, die beim Menschen die Grundlage für das Sprechen darstellen, sind weit gehend antagonistisch.