Bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) versprechen, über die Erfassung von Stoffwechselaktivitäten neuronale Prozesse mit eindrucksvollen Bildern zu illustrieren. Der "Geist im Gehirn" werde so sichtbar gemacht. Kein Wunder, dass auch Geistes- und Sozialwissenschaftler mit den Methoden liebäugeln, um der höheren Weihen einer "harten" Wissenschaft teilhaftig zu werden. Das Neuro-Präfix schmückt heute nicht nur Teile der Psychologie, sondern auch der Philosophie, Ökonomie, Pädagogik und sogar der Theologie.
Statt nach dem Wie geistiger Prozesse zu fragen, stellt die Bildgebung das Wo in den Vordergrund. Zwar verschaffte uns diese "Lokalisationsforschung" ein paar kurzfristige Ahaerlebnisse, doch unterm Strich förderte sie unser Verständnis der psychischen Abläufe wenig, sondern bestätigte oft nur, was man bereits wusste.
In jüngster Zeit hat sich die Kritik dramatisch zugespitzt. Auslöser sind zwei Publikationen, die grundlegende Zweifel am methodischen Vorgehen äußern. Hauptautor der ersten Arbeit ist Ed Vul, ein Doktorand der Neurowissenschaften am MIT in Cambridge (USA). Vul und seine Kollegen betrachteten das Vorgehen bei der statistischen Erfassung von Übereinstimmungen zwischen Hirnaktivitäten und psychologischen Variablen. Dabei stellten sie fest, dass durch die verwendeten Verfahren die Wahl der jeweils analysierten Hirnareale (Voxel) nicht unabhängig vom parallel registrierten Verhaltensmaß war. Unter Hunderttausenden von Voxeln flossen oft gerade jene in die Auswertung ein, in denen die neuronale Aktivität am höchsten mit dem psychologischen Kriterium korrelierte. Die so ermittelten extrem hohen statistischen Zusammenhänge stehen unter dem dringenden Verdacht, ein Methodenartefakt zu sein – etwa so, als würde man um die von einem blinden Schützen verursachten Einschüsse nachträglich eine Zielscheibe zeichnen und behaupten, er habe ins Schwarze getroffen.
Der zweite Artikel geht noch weiter und stellt gar die Grundannahme in Frage, auf welcher die Bildgebung letztlich beruht: dass nämlich lokale Hirnaktivität am Blutfluss ablesbar sei. Die Autoren verglichen im Tierexperiment das durch Einzelzellableitung direkt erfasste neuronale Feuern mit der Intensität des Blutstroms. Siehe da: Die beiden Parameter variierten nicht immer im Gleichtakt. Die durch den Blutfluss verstärkte Sauerstoffversorgung wird wohl mitunter schon bei Erwartung eines Reizes ausgelöst statt allein durch dessen tatsächliche Darbietung.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Aussagekraft der bildgebenden Verfahren fragwürdiger denn je. Vorbei die Hochstimmung, in der jeder neue Befund mit Begeisterung aufgenommen wurde. Es ist höchste Zeit für eine intensive Methodendiskussion, wie sie in der Psychologie immer wieder auf der Tagesordnung steht. Bleibt zu hoffen, dass die bildgebenden Verfahren in Zukunft über die zerebrale Lokalisierung psychischer Phänomene hinausgehen. Nur dann können sie, zusammen mit anderen Methoden, die grundlegenden Prozesse menschlichen Denkens, Fühlens und Verhaltens besser verstehen helfen.

Fritz Strack ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität Würzburg. 

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1. Bildgebung in der Krise
08.05.2009, Ingo-Wolf Kittel, Augsburg - FA für pt. MedizinDagegen hat Prof. Strack am 5.5.09 dem Autor der Zuschrift hier persönlich bestätigt, seine "Intention ... genau getroffen" zu haben: in der Tat trage s.E. "die zerebrale Lokalisierung von psychischen Funktionen ... wenig zum tieferen Verständnis der ablaufenden Prozesse bei."
... wenn überhaupt etwas! Hirnforscher beziehen sich bei der Erforschung sog. "höherer kognitiver Leistungen" nämlich auf traditionell psychisch oder "geistig" genannte Aktivitäten von uns, die sie bereits vorab und daher aus anderen Quellen kennen müssen, um ihnen die Daten überhaupt zuordnen zu können, die sie bei der Messung der elektrischen Aktivität von Neuronengruppen oder des (ggf. unterschiedlichen) Energiebedarfs in anatomisch oder funktionell unterscheidbaren Hirnregionen erheben.
Dies wurde von einem der bekanntesten deutschen Hirnforscher vor Sachkennern auf einem wissenschaftlichen Kongress vor Jahren (2005) offen eingeräumt - und bei der Gelegenheit auch zugestanden, dass deswegen "Psychologie und Psychiatrie gegenüber neurophysiologischer Forschung" unabhängig und eigenständig sind.
Darauf hat jüngst auch der bekannte Wissenschaftstheoretiker Peter Janich in seinem, in der "edition unseld" des Suhrkamp Verlags erschienenen Essay "Kein neues Menschenbild - Zur Sprache der Hirnforschung" hingewiesen. Demnach ist es keineswegs so, wie die jungen Wissenschaftler Derrfuß, Fiebach und Heekeren in ihrer o.a. Stellungnahme ohne weitere Begründung behaupten, dass "die Psychologie ... auf den Blick ins Gehirn nicht verzichten" könne; das gilt am ehesten für die medizinische Psychopathologie in der Psychiatrie und Neurologie, speziell in der sog. "Neuropsychologie".
Im Hinblick auf die Psychologie verhält es sich dagegen genau umgekehrt! Hirnforscher können auf exakte psychologische Kenntnisse all der Aktivitäten von uns nicht verzichten, die sie daraufhin "unter"-suchen, welche physischen Gehirnvorgänge "(dar)unter liegen" oder ihnen "zugrunde liegen", wie im Deutschen gesagt werden kann, sachlich genauer und vor allem adäquat ausgedrückt: welche Körperprozesse mit den Messinstrumenten, die in der Neurophysiologie benutzt werden, bei ihrer Ausführung gleichzeitig registriert werden können.