Natürlich brachten und bringen die Methoden der Neurowissenschaft unbestreitbar einen enormen Erkenntnisgewinn. Bildgebende Verfahren ermöglichen es heute, Hirnaktivierungen oder neuroanatomische Befunde zu visualisieren – eine Form der Erkenntnisvermittlung, die gerade für Laien höchst attraktiv ist.
Die rasante Ausbreitung neurowissenschaftlicher Ideen in die Psychologie ist auch dem Vermarktungswillen einiger Forscher zu schulden. So verspricht die US-Firma NoLie fMRI, man könne mittels Bildgebung und anderer Tests entdecken, ob eine Person die Wahrheit sagt oder nicht. Aufträge von Gerichten und dem Pentagon sind den Firmeninhabern – allesamt Neurowissenschaftler – so gut wie sicher. Doch ist deren Vorgehen unseriös, denn die Methoden der Hirnforschung sind für solch komplizierte Fragestellungen ungeeignet. Das wäre etwa so, als würde man bereits Flüge zum Mond kommerziell anbieten, nachdem man gerade die ersten erfolgreichen Raketentests absolviert hat.
Die einseitige Fokussierung auf die Neurowissenschaft wird für die psychologische Forschung mehr und mehr zu einem Problem – und zwar in verschiedener Hinsicht:
- Die Dominanz neurowissenschaftlicher Befunde lenkt von wichtigen Erkenntnissen der Psychologie ab. Gute Beispiele hierfür findet man etwa in der aktuellen Debatte über schulisches Lernen. Hier hat sich der falsche Eindruck verfestigt, die Hirnforschung habe die Lernforschung quasi umgekrempelt. Bei genauerem Hinsehen stellt man jedoch fest, dass die wesentlichen Argumente von Neuroforschern psychologischer Art sind (zum Beispiel, dass positive Emotionen den Lernerfolg fördern) und sich andererseits viele Laborbefunde kaum auf den schulischen Alltag übertragen lassen. Der Wissensfundus der Kognitiven Psychologie ist insofern immer noch nutzbringender für die Praxis.
- Fächer wie die Allgemeine Psychologie oder die Kognitive Psychologie werden an den Universitäten heute bereits mancherorts mit Nichtpsychologen besetzt; an medizinischen Fakultäten verläuft die Entwicklung ähnlich. Das birgt die Gefahr, dass den Studierenden psychologisches Grundlagenwissen nicht mehr ausreichend vermittelt wird. Zudem gefährdet die Dominanz der Neurowissenschaften bisweilen sogar die Finanzierung originär psychologischer Arbeiten. Das könnte in Zukunft dazu führen, dass wichtige psychologische Themenbereiche nicht mehr genügend Unterstützung bekommen und mit der Zeit verkümmern.
- Die Dominanz der Neurowissenschaften fördert eine einseitig biologisch-mechanistische Sicht auf den Menschen. Das Gehirn des Menschen besteht aus schätzungsweise 100 Milliarden Nervenzellen, von denen jede bis zu 10 000 Verbindungen zu anderen Neuronen unterhält. Damit ist es eines der komplexesten Systeme überhaupt. Von einem umfassenden Verständnis seiner Funktionsweise sind wir noch weit entfernt, weshalb deutlich mehr Zurückhaltung bei der Interpretation neurowissenschaftlicher Daten angeraten ist. Um das Gehirn zu verstehen, müssen wir in methodisch ausgefeilten Studien verschiedene Techniken kombinieren: Dazu zählen Hirnstrommessungen (EEG) ebenso wie Untersuchungen mittels bildgebender Verfahren oder Läsionsstudien an Tieren. Vor allem aber müssen wir auch brauchbare theoretische Ansätze entwickeln, denn nur so kann es gelingen, die Grundlagen kognitiver Prozesse zu entschlüsseln.
Hirnforschung und Psychologie zusammenzuführen ist eine der schwierigsten Aufgaben, vor der die Wissenschaft aktuell steht. Ganz besonders wichtig erscheint es uns dabei, neurowissenschaftliche Befunde in psychologische Theorien zu integrieren, damit wir menschliches Erleben und Verhalten angemessen beschreiben und erklären können. Das erfordert entsprechende Kenntnisse auf beiden Seiten.
Insofern bleibt zu wünschen, dass Psychologen in Studium und Forschung die Neurowissenschaften keinesfalls ablehnen, sondern sie zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Ausbildung und ihrer wissenschaftlichen Arbeit machen. Letztlich sind wir auf die neurobiologische ebenso wie auf die psychologische Betrachtungsweise angewiesen, um zu den Wurzeln menschlichen Erlebens und Verhaltens vorzudringen.

Lutz Jäncke ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich.


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1. Es ist doch alles bekannt, ...
06.12.2010, Stefan PscheraNur ein Beispiel:
In der Psychologie gibt es die klassische Konditionierung. Gleichzeitige Ereignisse verbinden. Ereignisse aktivieren Erregungsleitungen. Und diese berühren sich, kreuzen, verlaufen nebeneinander. Warum zwei Bahnen wiederholt gleichzeitig? Eine reicht doch. Und schon ist die Konditionierung da. Diesmal ein psychologischer Fakt neurobiologisch erklärt.
Was bewirkt die Hemmung? Ein Neuron ist an etwa 20 000 Erregungsleitungen beteiligt und leitet vorwiegend dissipativ. Was bewirkt die Hemmung? Welche Folgen haben die Abweichungen vom Status quo durch die Hemmung?
2. Teil 2
12.12.2010, Stefan PscheraDies wiederum ein Ansatz zur psychologischen Kategorie Psychosomatik.
Was bewirkt die neurobiologische Hemmung? Erregungsleitungen können nicht mehr bestimmen, sondern nur noch fordern. Kommt eine andere Erregungsleitung zum Ziel (zum Erfolgsorgan) kann die verhinderte Leitung ihr Missfallen äußern. Da sind nur noch wenige Überlegungen nötig zur psychologische Kategorie: Wille, Appetenz, Positiv-/Negativgefühl.
Erregungsleitungen bestehen aus verketteten Fließgleichgewichten. Schon ein Neuron kann etwa 20 000 solcher Erregungsleitungen (in Nanokompartimenten) beherbergen. Was passiert bei Hemmung. Eine Unmenge von Status-quo-Zuständen wird verletzt. Wie diese ausgleichen? Einfach feuern? Muskeln würden zucken, die ganze Informationsverarbeitung wäre gestört. Aber es gibt eine Lösung: Die Motorik hemmen. Die verhinderten Erregungsleitungen können sich austoben. Dies ein Ansatz für die Kategorien Schlaf und Traum.
Und all diese logischen Folgerungen mit dem eigentlich billigen Ansatz: Bündel spezifischer Erregungsleitungen sind die funktionellen Teile.
Bitte umdenken: Die Erde zeigt sich als Scheibe, aber es eine Kugel.