Kaum öffnet der Louvre des Morgens seine Tore, strömen Menschenscharen in den Saal mit der "Mona Lisa". Leonardo da Vinci vollendete das Bild Anfang des 16. Jahrhunderts. Die durchgeistigte Schönheit und das rätselhafte Lächeln des Antlitzes erzielte er mit einer von ihm erfundenen Maltechnik, die er "sfumato" (verraucht, verschwommen) nannte. Um Linien und Farbübergänge weicher zu zeichnen, als wäre das Bild von einem leichten Nebelschleier eingehüllt, legte er über Jahre bis zu 30 hauchdünne, durchscheinende Schichten auf.
Hinter Schöpfungen wie der "Mona Lisa", den Meisterwerken eines Mozart oder Michelangelo steht der erfindungsreiche Geist eines Ausnahmekünstlers. Letztlich sind sie höchster Ausdruck einer uralten menschlichen Gabe: des Drangs, zu verbessern, zu erfinden, aber auch zu gestalten und sich auszudrücken.
Wie und wann diese schier unermessliche Erfindungsgabe und Schöpferkraft einst aufkam, das fragen sich Forscher weltweit. Denn unsere Hominidenvorfahren besaßen diese Eigenschaften nicht von Anfang an. Vor ungefähr sechs Millionen Jahren tauchten

Heather Pringle ist Wissenschaftsautorin. Die Kanadierin arbeitet als Redakteurin für das US-amerikanische Magazin "Archaeology".
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1. Jagdglück an der Höhlenwand
23.05.2013, Hans-Peter Nicolai, Schwäbisch GmündBeim Lesen des Artikels habe ich ein leichtes Unwohlsein verspürt, einerseits wegen der Verwendung des Worts "Geburt", andererseits wegen des Worts "Kreativität". Ich nehme an, dass es sich bei diesen Begriffen nicht nur um Artefakte aus der Übersetzung handelt.
Im Zusammenhang mit einer Geburt entwickelt sich neues Leben sozusagen im Verborgenen und mit der Geburt tritt es ans Tageslicht, für alle erkennbar. Ich denke aber nicht, dass das, was im Artikel Kreativität genannt wird, eines Tages (oder zu einem von uns nachträglich zu definierenden Zeitpunkt) plötzlich sichtbar wird. Aus meiner Sicht der Evolution ist natürlich die Bereitstellung von Ressourcen (in diesem Fall besondere Strukturen des Gehirns) nötig, aber diese (unsichtbare) Veränderung hat mit Sicherheit bereits einen positiven Wert für den Träger, auch wenn er selbst und erst recht wir heute das nicht wahrnehmen. Aber die Natur entwickelt nichts umsonst und auch nicht im Vorgriff auf eine zukünftige Evolutionsstufe. So wie aus einem kleinen laufenden Saurier im Lauf der Zeiten ein fliegender Vogel wurde, ist doch der Zeitpunkt, wann es denn nun genau ein Vogel war, kaum bestimmbar. Hingegen erbrachte jedes Lebewesen im Lauf dieser Entwicklung zu jeder Zeit, egal wo es sich auf dieser (von uns nachträglich so gesehenen) Entwicklungsroute befand, einen positiven Nettoertrag a) in Form seines eigenen Überlebens und b) in Form von lebens- und fortpflanzungsfähigen Nachkommen. Insofern haben die Veränderungen im Gehirn der frühen Hominiden wohl auch immer einen positiven Beitrag zum täglichen Überleben erbracht -sonst hätte es sie (die Entwicklung und auch uns) nicht gegeben. So sammeln sich die Veränderung in infinitesimalen Schritten an, bis nachträglich jemand einen Umschlag von der Quantität in die Qualität feststellt, nachdem es im Grunde aber schon "immer schon da" war. Insofern sollte man nicht von einer Geburt sprechen, sondern von einem gleitenden Auftauchen einer Eigenschaft.
Ich habe auch ein Unwohlsein bei der Verwendung von Begriffen wie Kreativität und Künstler (Steinzeitkünstler wird häufig gebraucht), für mich sind diese Begriffe zu sehr jetztzeitlch geprägt, ich würde in diesem Steinzeitzusammenhang eher von Könnern sprechen. Da es sich bei allen Eigenschaften innerhalb der Grenzwerte um Normalverteilungen handelt, wie man an Menschen und auch Affen immer wieder feststellen kann, können wir auch nicht davon ausgehen, dass alle Vorfhren Könner waren, es gab sicherlich auch rechte Stümper unter ihnen. Ich habe zudem den Eindruck, dass manchmal zu sehr unterschieden wird zwischen der Herstellung eines Steinwerkzeugs, der Herstellung einer Jagdwaffe, dem Schnitzen von Elfenbeinfiguren und dem Bemalen von Höhlenwänden. Aus meiner Sicht ist das aber ein und dasselbe Können, immer mit den Händen gemachtund immer wird etwas hergestellt, was vorher (so) nicht da war. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Witz hinweisen, in dem der Künstler gefragt wird, wie er denn die herrliche Venusfigur aus einem so groben Steinklotz hat meißeln können. "Ganz einfach", so die Antwort, "man muss nur das wegschlagen, was nicht dazugehört." Im Grunde ist das aber kein Witz, sondern die Wahrheit, allerdings nur die halbe. Denn um zu wissen, "was nicht dazugehört", muss der Bildhauer schon ein Bild der Venusfigur im Kopf haben.
Meine Schlussfolgerung aus dieser Überlegung: Natürlich können wir Menschen uns an die Vergangenheit erinnern wie auch die Affen und viele andere Tiere, aber wir können so manches besser als unsere Affenvorfahren, wir können besser sprechen, wir können sprechend Erfahrungen und Wissen weitergeben, mittels Schrift sogar an jene, die wir nie gesehen und mit denen wir nie gesprochen haben. Wir können besser Werkzeug herstellen, auch solche, die nur der Erbauung dienen wie Musikinstrumente, und wir sind zum Mond geflogen. Aber das sind aus meiner Sicht nur quantitative Unterschiede. Wir konnten diese Qualität erreichen, weil wir eins können, was meinse Wissens Affen nicht oder nur in außerordentlich begrenztem Maß können und was bei uns eben einige hunderttausend Jahre bis zur Vervollkommnung gebraucht hat: Wir können in die Zukunft denken, wir können uns in Gedanken ein Bild von morgen machen. Wir können auf den buckligen Höhlenwänden bereits sehen, wo der Bison rennt, und dann malen wir ihn da, wo er rennt, wir können dem Stück Elfenbein schon ansehen, wie die Venus aussieht, und dann befreien wir sie nur noch, wir sehen der Steinknolle schon an, wie der Faustkeil darin auf das Herausholen wartet und der hohle Knochen ist schon Flöte, lange vor dem ersten Ton. Wir können aber nicht nur denkend das "morgen" sehen, wir sehen es sogar so deutlich, als sei es schon da, und dann können wir von dem so "gewussten morgen" auch an das "übermorgen" denken.
Ich habe noch nie davon gelesen, dass sich Affen Sorgen um den nächsten Tag machen. Aber wenn wir das "übermorgen" denken und (beinah real) sehen können, wird uns auf einmal klar, dass es vielleicht morgen - im Gegensatz zu heute - nichts zu essen geben könnte, dass es keine Jagdglück geben könnte, dass wir einen Unfall haben oder sogar sterben könnten6nbsp;- und dann malen wir eben das Jagdglück an die Höhlenwand, um es zu beschwören und zu erzwingen, dann schnitzen wir unsere Sehnsüchte und Hoffnungen in Elfenbein und wir zaubern mit Flötentönen. Und einige von uns kleiden und benehmen sich besonders und beschwören die Geister oder erbitten den Segen eines Gottes.
Insofern möchte ich den Menschen als das Tier definieren, welches Gedachtes als Realität zu betrachten und auf der neuen gedanklichen Basis weiterzudenken vermag. Aus dieser Betrachtung ist es auch müßig, einen Zeitpunkt einer Menschwerdung bestimmen zu wollen, wir können zwar anhand der Knochenfunde zwischen Pithecinen und Hominiden unterscheiden, aber die eigentliche Menschwerdung beschreibt einen Zeitraum, eben diesen Zeitraum, den es gebraucht hat, vom "hier und jetzt" an das "morgen und danach" denken zu lernen.