Deutschland hat seinen nächsten Lebensmittelskandal: Auf Hähnchenfleisch hat die Umweltorganisation BUND nach eigenen Angaben in mehr als der Hälfte der Proben antibiotikaresistente Bakterien gefunden – Mikroorganismen, die mit vielen gängigen Medikamenten nicht mehr bekämpft werden können und inzwischen ein großes Problem für die menschliche Gesundheit darstellen. Nun sehen Umweltschützer und Verbraucherverbände sich bestätigt, die widerstandsfähigen Keime seien unmittelbare Folge des "Antibiotikamissbrauchs" in der Landwirtschaft, die industrielle Tierhaltung müsse "zurückgedrängt" werden, um "Kollateralschäden" zu vermeiden.
Dabei ignorieren die Protagonisten allerdings geflissentlich, dass das eigentliche Problem der Antibiotikaimmunität aus der Humanmedizin kommt. In einer jüngeren Studie in Schottland kamen 90 Prozent aller untersuchten resistenten Erreger vom Menschen, und diese Stämme wurden doppelt so häufig vom Menschen auf Tiere übertragen wie umgekehrt. Auch das multiresistente Ehec-Bakterium, das letzten Sommer die Republik in Atem hielt und 50 Menschen tötete, kam letztendlich nicht von Tieren, sondern vom Menschen.
Zweifellos ist es in höchstem Maß Besorgnis erregend, wenn resistente Keime im Umfeld des Menschen auftauchen, zum Kronzeugen gegen die heutige Landwirtschaft taugen sie dennoch nicht. Antibiotikaresistenzen sind inzwischen so weit verbreitet, dass resistente Keime an allen Orten auftauchen, an denen es Bakterien gibt – in den Rückständen von Kläranlagen ebenso wie auf den Schleimhäuten vieler gesunder Menschen. Und natürlich in Lebensmitteln, denn diese sind nie völlig keimfrei. So finden sie sich nicht nur auf dem Hühnerfleisch, sondern inzwischen überall. Wir täten gut daran, das nicht zu vergessen.
Man darf die Gefahr, die von diesen Erregern in der Tierhaltung ausgeht, nicht unterschätzen. Doch die meisten resistenten Stämme – und damit auch die größere Gefahr für die menschliche Gesundheit – haben ihren Ursprung zuerst beim Menschen selbst: durch mangelnde Hygiene, leichtfertige Verschreibung von Antibiotika und in deren Rückständen im Abwasser. Angesichts der Tatsache, dass nicht einmal klar ist, ob die auf dem Hühnerfleisch gefundenen Bakterien tatsächlich aus der Tierhaltung stammen, ist es vorschnell, die Landwirtschaft zum Hauptschuldigen zu erklären – vorschnell und gefährlich, denn wer einen Sündenbock benennt, will es sich hinterher wieder bequem machen. Und das können wir uns bei Antibiotikaresistenzen nicht erlauben.


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1. Nee
10.01.2012, Torben2. Keine Bagatellisierung
10.01.2012, Sören ScheweIch glaube, Du hast die Aussage des Kommentars nicht ganz verstanden. Es geht nicht darum, etwas zu bagatellisieren. Lars warnt lediglich - völlig zurecht - davor, dass wir uns jetzt mit großer Begeisterung auf die Tierhaltung stürzen und darüber völlig vergessen oder ausblenden, dass es in der Humanmedizin ein ähnlich drängendes Problem gibt.
PS: "Die Veterinärmedizin" hat damit übrigens auch nichts zu tun.
3. Nicht verstanden?
11.01.2012, Torben4. Ein umfassendes Problem
11.01.2012, Sören Schewe5. Schuld sind immer die anderen
11.01.2012, Dr.Hans-Joachim Scheel6. Antibiotika prophylaktisch?
11.01.2012, Erich HannakDas hat dann wohl die Konsequenz, dass mehr und mehr resistente Keime entstehen.
Es ist an der Zeit, dass durch entsprechende Gesetze in der Tierzucht die prophylaktische Verabreichung von Antibiotika verboten wird.
7. Neue Antibiotikarichtlinien
11.01.2012, Dr. Peter Altreuther1.entsprechende Regeln für die Anwendung von Antibiotika im Futter schon bestehen - Dokumentation beim Tierarzt, beim Tierhalter, beim Hersteller des Futtermittels;
2.sich die großflächige Anwendung von Antibiotika, besonders in der Geflügelhaltung,über Futter oder Trinkwasser nicht vermeiden läßt;
3.der Verbraucher, trotz anderslautender Beteuerung,nicht bereit ist, das 10-20-fache für seine Hähnchen zu bezahlen (was er heute schon könnte, wenn er wollte).
Zu Punkt 2:In Geflügelställen mit mehreren tausend oder zehntausend Tieren, die oft auch noch verschiedene Herkunft haben,sind Infektionen Kettenreaktionen - 1,2,4,8... - man kann nicht bis zu einer Diagnose warten (das machen nicht einmal die Humanmediziner), weil schon nach einem Tag nichts mehr zu behandeln ist. Über die angewandten Wirkstoffe und die Dauer ihres Einsatzes, wie sie im Bericht des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in NRW berichtet sind, kann man im einzelnen streiten, nicht aber über die Notwendigkeit der Behandlung.
Geflügelfleisch enthält oft Keime, meist Salmonellen oder Campylobacter, die bei fehlender Küchenhygiene gelegentlich für Infektionen sorgen. Selbst im Normalhaushalt wären Gummihandschuhe,(die anschließend zu entsorgen sind) und sorgfältige Reinigung der Geräte und Flächen (und Finger) anzuraten. Nach üblicher Zubereitung durch Braten oder Kochen sind keine Keime mehr zu befürchten.
8. Problem erkannt ...
11.01.2012, Jörg9. Na endlich
11.01.2012, f@f-kronberg.de10. Was heißt kleinere Einheiten?
12.01.2012, Daniel"Oder wäre die Produktion in kleineren Einheiten, die das nicht notwendig machen, nicht die bessere Alternative."
Was heißt kleinere Einheiten? Wie viele Tiere je Betrieb sollten es maximal sein? Wären maximal 5.000 Tiere in Ordnung?
In Deutschland wurden 2007 insgesamt 128,5 Mio. Geflügel gehalten. Darunter waren allein 108,6 Mio. Legehennen, Masthühner (Hähnchen) und Puten. Von diesen werden 95 % (102,8 Mio. Tiere) in Beständen mit über 5.000 Tieren gehalten (bei den Hähnchen sind es sogar 99% (!) in Beständen über 10.000 Tieren). Diese Hennen, Hähnchen und Puten werden in 2.433 Betrieben gehalten.
Würde man nun den Bestand auf 5.000 Tiere begrenzen, um nur noch kleinere Einheiten zu zulassen, bräuchten wir mehr als 18.000 zusätzliche geflügelhaltende Betriebe! Das wären bei 80 Mio. Einwohnern in Deutschland je 4.400 Einwohnern ein neuer Geflügelstall mit 5.000 Tieren. Also in jedem größeren Dorf ein neuer Stall.
Na, die Bürgerproteste kann ich mir jetzt schon lebhaft vorstellen.
Die Forderung nach kleineren Einheiten sind schnell aufgemacht. Nur sollte man sich dann auch die Zahlen vor Augen halten, denn sie heißt auch: bedeutend mehr Ställe im Land verteilt.
11. Kommentar zu Na ENDLICH
12.01.2012, WawczyniakAuf Grund seines Textes zweifle ich sehr, ob seine Beurteilungskompetenz in diesem Bereich überhaupt vorhanden ist. Interessanter wäre eine konkrete Aussage von ihm, welche Interessen ihn zu diesem diffamierenden Text geführt haben.
12. Antwort auf "na endlich"
12.01.2012, Erich HannakIn ihrem Beitrag fehlt leider jedes sachliche Argument zum Thema und zu ihrer diffamierenden Beurteilung dieser Gruppen.
13. @ "Was heißt kleinere Einheiten?"
12.01.2012, JörgDezentrale Landwirtschaft ist kein Hexenwerk, die hatten wir vor noch nicht mal einem halben Menschenleben, auch schon mit Überproduktion. Sie muss nur politisch gewollt sein und mit den Menschen und nicht gegen sie (wie die heutige industrielle) gemacht werden.
14. Unseriös
12.01.2012, H. Sextl