Als via lactea - "milchige Straße" - bezeichneten die Römer das blasse Lichtband, das sich über den Nachthimmel spannt. Dass dieser schmale Streifen in Wirklichkeit unsere eigene Galaxie in der Seitenansicht zeigt, konnten Astronomen erst in den 1920er Jahren belegen: Sie erkannten in ihm ein Feuerrad aus Nebeln, Gaswolken und Milliarden Sternen, gewaltig groß zwar, aber insgesamt doch eher behäbig. Denn Galaxien wie die unsere, hieß es noch bis vor nicht allzu langer Zeit, seien schwerfällige, langsam rotierende Strukturen, die sich vor Äonen gebildet hätten und inzwischen in ein ereignisloses mittleres Alter eingetreten seien. Doch moderne Beobachtungen zeichnen ein anderes Bild. Ab den 1970er und 1980er Jahren kartierten Astronomen die Milchstraße mit einer neuen Generation von boden- und weltraumgestützten Teleskopen - in Wellenlängen vom Mikrowellen- bis hinein in den Röntgenbereich - und enthüllten eine ungeahnte Vielfalt. Bis Anfang der 2000er Jahre hatten systematische Beobachtungsprogramme galaktische Strukturen aufgedeckt, die sich nahezu über den gesamten Himmel erstreckten und so groß waren, dass sie niemand zuvor bemerkt hatte. Im gegenwärtigen Jahrzehnt überboten sich die Forscherteams dann mit immer leistungsfähigeren Computersimulationen, die die Galaxienentstehung über viele Größenordnungen modellierten - vom gesamten Universum bis hin zur Ebene einzelner Sternhaufen. Und im kommenden Jahr wird das Atacama Large Millimeter / Submillimeter Array (ALMA) in Chile die Galaxis in bisher unerreichter Auflösung abbilden. Diese Datenflut haben Astronomen noch längst nicht vollständig verarbeitet. Meinungsverschiedenheiten, Unsicherheiten und offene Fragen gibt es zuhauf. Dass unsere kosmische Heimat eine ruhige Gegend ist, würde allerdings niemand mehr behaupten. Die neuen Forschungsergebnisse enthüllen eine Galaxis, die im Chaos geboren und durch Gewalt geformt wurde, die in einem Zustand turbulenter Komplexität existiert und deren Zukunft so manche Katastrophe...