Für die Besatzung war es eine Katastrophe, für Archäologen und Technikhistoriker ein Glücksfall: Vor mehr als zwei Jahrtausenden geriet ein römisches Handelsschiff in einen Sturm und sank nahe der kleinen Insel Antikythera, zwischen Kreta und dem griechischen Festland gelegen. Im Jahr 1900 bedrohte schweres Wetter eine Gruppe von Schwammtauchern. Sie flohen auf jenes Eiland, erkundeten später die umliegenden Gewässer und entdeckten den antiken Schatz. Mit einer offiziellen Genehmigung ausgestattet bargen sie in den folgenden Monaten kostbare Bronzen und Gläser, Keramiken und Schmuck.

Das wertvollste Fundstück blieb dabei lange unbeachtet: ein unscheinbarer, stark verkalkter Klumpen, etwa so groß wie ein Telefonbuch. Erst als er Monate nach der Bergung auseinanderbrach und die Überreste stark korrodierter, miteinander verbackener Bronzezahnräder zum Vorschein kamen, kein Zahn länger als etwa eineinhalb Millimeter, dazu Ziffernblätter mit Skalen und Beschriftungen, war die Sensation perfekt. Man wusste bereits, dass griechische Erfinder mitunter Getriebe genutzt hatten, beispielsweise soll Ktesibios von Alexandria (3. Jahrhundert v. Chr.) die Rotation des Zylinders einer Wasseruhr mittels Zahngetriebe auf einen Stundenanzeiger übertragen haben. Doch die Komplexität des nun entdeckten Apparats erstaunte die Experten, damals wie heute.

Vor zehn Jahren hörte ich zum ersten Mal davon. Damals arbeitete ich als Dokumentarfilmer. Der Astronom Mike Edmunds von der Cardiff University (Wales) rief an, weil er glaubte, der Antikythera-Mechanismus sei ein spannendes Thema für das Fernsehen. Also begann ich zu recherchieren, was Forscher seit der Entdeckung herausgefunden hatten. Offenbar herrschte zwar Einigkeit darüber, dass die Maschine einst zur Berechnung astronomischer Daten taugte, doch wie genau sie das bewerkstelligt haben sollte, verstand niemand so recht. Nicht nur meine Neugier als Filmemacher war geweckt. Von Haus aus eigentlich Mathematiker, wollte ich mithelfen, das Geheimnis des Geräts zu lüften.

Gemeinsam mit Edmunds stellte ich eine internationale Arbeitsgruppe aus Historikern, Astronomen und anderen Experten zusammen. Innerhalb der letzten Jahre konnten wir tatsächlich Aufgaben und Funktionsweisen beinahe aller bekannten Komponenten ergründen, nicht zuletzt dank der engen Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Nationalmuseum in Athen, das alle Bruchstücke des Artefakts archiviert. Demnach vermochte der Antikythera-Mechanismus Mond- und Sonnenfinsternisse vorauszuberechnen, ebenso die scheinbare Bewegung des Monds am Himmel sowie die Daten wichtiger panhellenischer Spiele. Hätte jener Sturm ihn nicht untergehen lassen, Historiker würden dergleichen für das 1. Jahrhundert v. Chr. kategorisch ausschließen, denn andere bekannte, vergleichbar ausgetüftelte Maschinen sind mehr als ein Jahrtausend jünger…