Empathie im Gehirn

Gedankenlesen, Empathie und Wohlwollen

Empathisches Mitfühlen ist nicht die einzige Möglichkeit, sich in andere hineinzuversetzen und sie zu verstehen. Wissenschaftler unterscheiden davon zum Beispiel die eher kognitiv ausgerichtete Theory of Mind (kurz: ToM), auch Mentalisieren genannt. Gemeint ist damit das Denken über das Denken anderer – etwa Schlussfolgerungen darüber, was ein Gegenüber weiß, beabsichtigt oder wie wir es beeinflussen können.

Dieser gedankliche Perspektivwechsel lässt sich vom emotionalen Einfühlen auch neurophysiologisch unterscheiden: Während das Mentalisieren vor allem Regionen im Stirnhirn wie den präfrontalen Kortex, im Schläfenlappen sowie im Übergangsbereich vom Schläfen- zum Scheitellappen beansprucht, wird empathisches Mitfühlen hauptsächlich von der Inselrinde (Insula) sowie vom vorderen zingulären Kortex vermittelt (siehe Hirngrafiken).

Außerdem ist Empathie auch nicht damit zu verwechseln, seinen Nächsten mit liebevollem Wohlwollen (englisch: loving compassion) zu begegnen. Bei dieser in der fernöstlichen Meditationspraxis verbreiteten Haltung geht es darum, dem anderen Gutes zu wünschen und ihm beizustehen, ohne sich selbst mit ihm zu identifizieren. Besonders in helfenden Berufen im sozialen oder medizinischen Bereich ist es wichtig, auf diese Grenze zu achten. Wie Studien zeigen, löst Empathie häufig negative Emotionen beim Mitfühlenden aus - distanziertes Wohlwollen dagegen bringt eine bedingungslos positive Einstellung mit sich.

Tania Singer vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften ließ mit ihrer ehemaligen Doktorandin Olga Klimecki Probanden zwei Meditationsformen üben: Beim Empathietraining sollten sich die Teilnehmer intensiv vorstellen, selbst in der Lage eines anderen zu stecken, und dessen Gefühle möglichst genau nachvollziehen. Bei dem anderen Meditationsstil, dem der "liebenden Güte", galt es hingegen, uneingeschränkt zugewandt und freundlich auf den anderen zu reagieren.

Bereits nach wenigen Übungswochen berichteten die Versuchspersonen über recht unterschiedliche Gefühle beim Betrachten von Filmen, in denen Menschen in Not zu sehen waren. Die Teilnehmer der Empathiegruppe empfanden deutlich mehr eigene Bedrückung angesichts des gezeigten Leids, wohingegen jene, die sich auf gütige Zugewandtheit konzentriert hatten, meist positiv gestimmt blieben.

Bei einem anschließenden Computerspiel erwiesen sich Letztere zudem als hilfsbereiter. Offenbar, so das Resümee der Forscherinnen, fördert liebevolles Wohlwollen den Impuls, altruistisch zu handeln, stärker als das bloße Hineinversetzen in andere.