In den nun schon bald 50 Jahren als Chemiker habe ich durch Kollegen oder aus Fachveröffentlichungen von sehr vielen zuvor unbekannten Molekülen erfahren. Einige haben mich überrascht. Im Nachhinein frage ich mich, was es eigentlich ist, das mich über ein neues Molekül staunen lässt. Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, und es lohnt, ihr hier anhand einiger Beispiele nachzugehen.

Einige neue Moleküle sind überraschend, weil es sich um Abwandlungen derart vertrauter Strukturelemente handelt, dass vorher niemand auf die Idee gekommen war, etwas daran zu ändern. Nehmen wir eine Substanzklasse, die den zunächst kryptisch wirkenden Namen N-invertierte Porphyrine trägt, der sich bei genauerer Betrachtung jedoch als sehr passend und einleuchtend entpuppt.

Porphyrine (links im nebenstehenden Bild) sind eine in der Natur weit verbreitete Stoffgruppe. Sie enthalten vier so genannte Pyrrolringe – Fünfringe mit vier Kohlenstoffen und einem Stickstoff. Diese sind so zu einem größeren Ring verbunden, dass die Stickstoffatome in die leere Mitte zeigen. Dort sitzt in der Regel ein Metallatom, zum Beispiel Eisen in der Häm-Einheit des Blutfarbstoffs Hämoglobin. Dessen tiefrote Farbe war auch namensgebend für die Stoffgruppe (von griechisch: porphyreos = dunkelrot). Das Pyrrol dagegen erhielt seine übliche Bezeichnung – in der systematischen Nomenklatur heißt es Azol, was aber kaum jemand sagt –, weil seine Dämpfe einen in Salzsäure getauchten Fichtenspan feuerrot (griechisch: pyrros) färben …