33 Tote forderte der Amoklauf des Cho Seung-Hui am 16. April 2007 – an der Technischen Universität in Blacksburg, US-Bundesstaat Virginia. Wie kommt es immer wieder zu solchen Ereignissen an Schulen, fragen sich die Menschen auch in Deutschland. Unsere eigene jüngste Vergangenheit zeigt, dass schärfere Waffengesetze als in den USA allein die Gefahr nicht zu bannen vermögen. Einer der schlimmsten Amokläufe an Schulen fand schließlich vor gerade einmal fünf Monaten in Emsdetten statt. Und gemessen an der Größe unseres Landes nimmt sich die deutsche Statistik der »School Shootings« der letzten Jahre alles andere als harmlos aus.

Frank J. Robertz, der Leiter des Instituts für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie (IGaK) in Berlin fordert daher Konsequenzen. In der nächsten Ausgabe von Gehirn&Geist (Heft 6/2007) berichtet er, was sich an unseren Schulen ändern muss, um zukünftige Amokläufe zu verhindern. Dabei setzt der promovierte Kriminologe auf psychologische Prävention und nicht auf stärkere Überwachung. Metalldetektoren an den Eingängen etwa sorgen seiner Ansicht nur für wenig Sicherheit, da die Täter das Schulgebäude in der Regel ohnehin bereits mit gezogener Waffe betreten. Vor allem komme es darauf an, die Signale, die ein Täter im Vorfeld seiner Tat aussendet, wahrzunehmen und richtig zu deuten.

Analysen der vergangenen School Shootings zeigen laut Robertz klar, dass es sich nicht um unkontrollierte Kurzschlusshandlungen handelt, sondern meist um langfristig geplante Verbrechen. So war es vermutlich auch bei dem Täter von Blacksburg: Er hatte sich bereits im Vorfeld des Amoklaufs mehrfach als Rächer in Szene gesetzt – in insgesamt 43 Fotos und 27 Videos, die erst zwei Tage nach der Tat auftauchten. Cho S. hatte das Material per Post an den US-Fernsehsender NBC geschickt – nachdem er in seinem Studentenwohnheim zwei Menschen erschossen hatte und bevor er seinen Todeslauf startete, bei dem er 30 weitere Menschen und am Ende sich selbst tötete. Auf den Bildern ist er unter anderem vor verschiedenen Hintergründen mit Pistolen und Messern zu sehen. "Ihr habt mich in eine Ecke gedrängt und mir nur eine Möglichkeit gelassen", verkündet er auf einem der Videos. Seinem Hass machte der Täter zudem in einem schriftlich fixierten, ebenfalls an NBC geschickten Brief deutlich. Darin beruft er sich auch auf die "Märtyrer" des School Shootings von der Columbine Highschool von 1999, stellt seine avisierte Tat also in eine Tradition ähnlicher Ereignisse. Bereits vor dem Auftauchen der Fotos und Videos war bekannt geworden, dass Cho S. als destruktiv, depressiv und suizidgefährdet aufgefallen war. Er war daraufhin sogar psychiatrisch untersucht worden.

Auch bei anderen Schul-Amokläufern ohne psychiatrische Vergangenheit hatte die Tat jeweils eine Vorgeschichte. Hierin besteht Robertz zufolge auch eine Chance: In der Regel vergehe viel Zeit, bis ein jugendlicher Amokläufer wirklich zur Tat schreitet. Am Anfang stehen gelegentliche Gewaltfantasien – wie sie viele Schüler entwickeln, wenn sie Frustrationen, Demütigungen und Kränkungen bewältigen müssen. Erst wenn jemand immer häufiger in solch blutigen Fantasien Zuflucht sucht und diese zusehends konkreter werden, entsteht irgendwann der Wille, das Gedankenspiel in die Tat umzusetzen. Ein Prozess, der oft Jahre dauert – und unterbrochen werden kann, meint Robertz: wenn jemand dem Jugendlichen in dieser Zeit Hilfe anbietet und positive Perspektiven aufzeigt. Freilich muss man dazu erst einmal erkennen, dass ein junger Mensch in eine düstere Weltsicht abzugleiten droht. Und hier sind nicht nur die Lehrer gefordert. (kg, ck)

Mehr zur Prävention von Amokläufen an Schulen und Notfallplänen für den Ernstfall lesen Sie in Gehirn&Geist (6/2007), ab dem 22. Mai 2007 am Bahnhofskiosk.