Mesopotamien, fruchtbares Land zwischen Euphrat und Tigris. Land der Sumerer, Babylonier, Assyrer und vieler anderer Völker, die Menschheitsgeschichte geschrieben haben. Land der frühen Hochkulturen, der Keilschrift, des Alten Testaments, dem Alten Ägypten mehr als ebenbürtig. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts suchen Archäologen die Geschichte des Alten Orients systematisch zu entschlüsseln und die Wurzeln der biblischen Erzählungen aufzuspüren. Und sie gruben vor allem im heutigen Irak die Ruinen einstiger Stadtstaaten aus dem Sand – Assur, Babylon, Ur, Uruk.

Mauerreste, Schrifttafeln und andere Artefakte legen Zeugnis ab von einer wechselvollen Geschichte, die vor mehr als 5000 Jahren begann. Dort, wo einst Hochwasser und ausgeklügelte Kanalsysteme die Felder bewässerten, dort, wo reiche Ernten Handel mit fernen Völkern ermöglichten, dort allein – dies war die Überzeugung – lagen einst die Zentren der Macht und die Ursprünge der Zivilisation.

Wenig Beachtung bei den Archäologen fanden bislang die Steppen des heutigen Nordsyriens. Doch der Krieg zwischen Irak und Iran ab 1980 verschloß den Zugang zu den südlicheren Hochkulturen und erzwang ein Umdenken. Um Licht in das Dunkel der Geschichte zu bringen, gräbt seit 1992 unser europäisch-syrisches Forschungsteam unter der Gesamtleitung des belgischen Archäologen Marc Lebeau sowie Antoine Suleimans vom staatlichen syrischen Antikendienst am Tell Beydar, etwa 35 Kilometer nordwestlich der Provinzhauptstadt Al Hasake.

Die Sonne diktiert den Rhythmus des 14stündigen Arbeitstages: Mit ihrem Aufgang um 5 Uhr, nach einem kurzen Frühstück, beginnt die harte Arbeit. Es erinnert an die romantischen Erzählungen früherer Archäologen, wenn etwa hundert einheimische Helfer aus dem Dorf Tell Beydar und Nachbarorten in der landestypischen Tracht den Hügel hinanziehen. Doch dieser Eindruck schwindet rasch in der brennenden Sonne, und um 13 Uhr treibt die Glut die Menschen in den Schatten. Dort beginnt nun da