Das Geheimnis von Nabada
Jahrzehntelang behandelten Orientalisten die Ruinenhügel in Nordsyrien als zweitrangig gegenüber den Stätten im Irak. Die Ausgrabung von Tell Beydar lieferte eine Überraschung: Im Norden Mesopotamiens existierte vor mehr als 4500 Jahren die Metropole Nabada, mit hochentwickelter Verwaltung und repräsentativer Kultur.
Joachim Bretschneider
Mauerreste, Schrifttafeln und andere Artefakte legen Zeugnis ab von einer wechselvollen Geschichte, die vor mehr als 5000 Jahren begann. Dort, wo einst Hochwasser und ausgeklügelte Kanalsysteme die Felder bewässerten, dort, wo reiche Ernten Handel mit fernen Völkern ermöglichten, dort allein – dies war die Überzeugung – lagen einst die Zentren der Macht und die Ursprünge der Zivilisation.
Wenig Beachtung bei den Archäologen fanden bislang die Steppen des heutigen Nordsyriens. Doch der Krieg zwischen Irak und Iran ab 1980 verschloß den Zugang zu den südlicheren Hochkulturen und erzwang ein Umdenken. Um Licht in das Dunkel der Geschichte zu bringen, gräbt seit 1992 unser europäisch-syrisches Forschungsteam unter der Gesamtleitung des belgischen Archäologen Marc Lebeau sowie Antoine Suleimans vom staatlichen syrischen Antikendienst am Tell Beydar, etwa 35 Kilometer nordwestlich der Provinzhauptstadt Al Hasake.
Die Sonne diktiert den Rhythmus des 14stündigen Arbeitstages: Mit ihrem Aufgang um 5 Uhr, nach einem kurzen Frühstück, beginnt die harte Arbeit. Es erinnert an die romantischen Erzählungen früherer Archäologen, wenn etwa hundert einheimische Helfer aus dem Dorf Tell Beydar und Nachbarorten in der landestypischen Tracht den Hügel hinanziehen. Doch dieser Eindruck schwindet rasch in der brennenden Sonne, und um 13 Uhr treibt die Glut die Menschen in den Schatten. Dort beginnt nun da

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