Es ist realistisch, die eigene Person und die Position, in der man sich – räumlich und zeitlich – befindet, nicht für etwas Besonderes zu halten, auch wenn das dem Selbstwertgefühl Abbruch tut. Für dieses Prinzip gibt es prominente Beispiele: Nikolaus Kopernikus etwa, indem er die Vorstellung, die Erde sei der Mittelpunkt der Welt, korrigierte, oder Charles Darwin, indem er dem Menschen seine Sonderrolle unter den Lebewesen absprach und ihn als eine von vielen Säugetierarten einordnete.

Inzwischen wissen wir, daß die Sonne ein durchschnittlicher Stern durchschnittlichen Alters in einer durchschnittlichen Galaxie ist. Es ist eine gute Arbeitshypothese, bis zum Beweis des Gegenteils anzunehmen, an unserer Position im Weltall sei auch sonst nichts Besonderes. Daraus folgt zum Beispiel, daß das Universum, von uns aus gesehen, im Großen homogen und isotrop ist, was kürzlich durch die Messungen der kosmischen Hintergrundstrahlung eindrucksvoll bestätigt wurde.

J. Richard Gott, Astrophysiker an der Universität Princeton (New Jersey) und durch unkonventionelle Ideen zu Zeitmaschinen bekannt geworden (Spektrum der Wissenschaft, August 1992, Seite 28), hat nun dieses Prinzip formalisiert und in bisher ungewohnten Kontexten angewandt. In einem als "Hypothesis" gekennzeichneten Artikel in "Nature" (27. Mai 1993, Seite 315) formuliert er das "kopernikanische anthropische Prinzip": Der Ort im Universum, an dem Sie, verehrter Leser, leben, und der Zeitpunkt Ihrer Geburt sind nur durch die Tatsache ausgezeichnet, daß Sie ein intelligenter Beobachter sind. Wenn Sie nichts weiter wissen als das, "sollten Sie sich auf den Standpunkt stellen, Sie seien aus der Menge aller (vergangenen, gegenwärtigen und künftigen) Beobachter nach dem Zufallsprinzip ausgewählt worden; Sie könnten irgendeiner von ihnen sein".

Ein Beispiel: Gott sah