Wichts Winkel nutzlosen Wissens | 19.08.2010 | Drucken | Teilen

De praeclarissmo Philippo Theophrasto Aureolo Bombasto Hohenheimense, ...

Paracelsus
© Kopie nach einem nicht erhaltenen Gemälde von Quentin Massys, 17. Jh. / public domain
… dicitur Paracelsus, inventore ovorum mixtorum fabella brevis, atque anatomiae pathologicae articulationis interphalangealis distalis digiti tertii manus sinistri auctoris exhibitio, praeterea de certo verbo ridiculoso Theophrasti illius commentarius.

Das ist ein Titel, nicht wahr? Passt zu Theophrastus (1493-1541), der hätte es auch nicht kürzer gemacht. Dafür wird die Glosse kurz. Ich übersetze erst mal den Titel, der jedem Renaissancemenschen das Herz höher schlagen lassen sollte:

"Eine kurze Anekdote über den hochberühmten Philippus Theophrastus Aureolus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus, den Erfinder des Rühreis, samt der Zurschaustellung der pathologischen Anatomie des Fingerendgelenkes des dritten Fingers der Hand des Autors, darüber hinaus ein Kommentar zu einem bestimmten lächerlichen Wort ebenjenes Theophrastus."

Paracelsus
© public domain
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Philippus Theophrastus Aureolus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493-1541). Kopie nach einem nicht erhaltenen Gemälde des flämischen Malers Quentin Massys (1466-1530)
Natürlich kennen Sie Paracelsus. Geboren in Einsiedeln, ein eidgenössischer Hansdampf in allen Gassen der Renaissance, besonders in der Alchemie, Astrologie und Medizin. Es gibt kaum etwas, worüber er nichts geschrieben hätte, allerdings nur wenig, was wissenschaftlichen Bestand hatte. Außer einem Wort, das in der Anatomie noch lebt. Und das Wort ist Unfug.

Aber nicht nur Paracelsus produzierte, wie wir im letzten Absatz sehen werden, Unfug, auch die Natur tut es. Jüngst entdeckte ich gleich über dem Endgelenk meines Mittelfingers der linken Hand ein Knöllchen, das ich erstmal für ein Überbein hielt.

Mittelfinger
© Helmut Wicht
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Dorsalansicht des distalen Gliedes des dritten Fingers der linken Hand des Autors, samt deutlich erkennbarer Schwellung unter dem Nagel und verheilendem Stichkanal
Es war aber kein Überbein ("Ganglion"). Ein Ganglion ist solide und wächst langsam, das Ding aber schwoll rasch und schien irgendetwas zu enthalten. Eine Zyste also. Nun, man hat ja einen forscherischen Auftrag, besonders an sich selbst – gnothi seauton, "erkenne dich selbst", stand ja schon über dem delphischen Orakel – also hab' ich da hineingepiekt. Im Bild sieht man noch die Spur, die der Stich hinterließ.

UHU
© UHU GmbH & Co KG
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Und heraus kam ein Zeug, das in etwa die Konsistenz von UHU hatte. Farblos, durchsichtig, gallertig, Fäden ziehend, aber anders als UHU nicht aushärtend. "Wow!", hab' ich zu meiner Frau gesagt (auch Biologin, auch Forscherin). "Guck mal! Hast du schon mal deine eigene Synovia gesehen?" Hatte sie nicht. Und ich kannte die Synovia, die Gelenkschmiere, die da zum Vorschein kam, bislang auch nur von den Leichen, denen unsereiner als Anatom halt auch in die Höhlen der großen Gelenke schaut.

Das ist doch mal herzerfrischend, das ist Anatomie in praxis! Das ganze Jahr stehe ich vor den Medizinstudenten, erzähl' was von allgemeiner Gelenklehre, von den Articulationes synoviales sive diarthroticae, den echten Gelenken also, die sich gerade dadurch vor den falschen Gelenken, den Synarthrosen, auszeichnen, dass sie jene Synovia und eine Membrana synovialis, die sie produziert, enthalten (blablabla usw. usf.) – und jetzt krieg' ich das erstmals lebensfrisch zu Gesicht (siehe Fußnote 1).

"Schick!", sagte meine Holde, die sich vor körperlichen Ausscheidungen keineswegs ekelt, sondern wie alle (?) Frauen ein Faible fürs Pickelausdrücken hat. "Schick! Warum heißt das Zeug eigentlich Synovia? Sieht doch aus wie UHU …"

Tja – warum heißt es "Synovia"?

Jetzt sind wir wieder bei Paracelsus, der hat's verbrochen. In einem Buch, dessen Titel ebenso herrlich verdreht ist wie der dieser Glosse – ich erspar's Ihnen nicht:

"Dreyzehen Bücher, Des hoch gelehrten unnd weit berümpten Herren, D. Theophrasti Paracelsi, Eremite, Paragraphorum, & c.: Inn welchen gemeld wirt, volkomne und wahrhaffte Cur, vieler und schwerer Kranckheyten, So biß anher von anderen Ärtzten, für unheilsam geacht worden.- Jetzt zum ersten Mal mit allem fleiss in truck geben und außgehen lassen. Zu Basel, bey Peter Perna, MDLXXXI"

Wenn Sie Spaß an ganz unglaublichem lateinisch-deutschem Kauderwelsch haben, dann gucken Sie da mal rein. Man findet das gescannte Original bei "Google Books". Im ersten Kapitel des sechsten Buchs (das Ding hat keine Seitenzahlen) fängt er an, von der "synophea" zu fabulieren, die er für eine Art von Universalschmiere, Generalkleister (Fußnote 2) und Ernährungssaft hält, die in allen Organen vorkommen soll.

Manchmal schreibt er "synophea", andernorts "synophia" oder "synovia", es geht beim ihm zu wie nach der Rechtschreibreform. Dabei war's ja lang vorher. Aber egal, wie er's schrieb: Das Wort gibt es einfach nicht. Er hat es frech erfunden, und es bedeutet: nichts. Fast nichts. "Syn-" ist ein griechisches Präfix und meint "zusammen". Aber "-ophea" gibt es nicht. Aus Gründen, die keiner kennt, hat sich der Begriff aber für die Gelenkschmiere (und nur für sie) gehalten, in der Schreibweise "Synovia" ist er in allerlei Zusammensetzungen (s. o.) fest in der anatomischen Fachsprache verankert.

Wenn man sarkastisch sein wollte – und ich will sarkastisch sein –, könnte man die "Synovia" von "ovum" – das ist lateinisch und heißt "das Ei" – ableiten. "Synovia" wäre dann die "Zusammen-Eierung". Philippus Theophrastus Aureolus Bombast von Hohenheim: der Erfinder des Rühreis! Des Gelenk-Rühreis! Wer hätte das gedacht …

Rührei
© iStockphoto / Diana Lundin
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Helmut Wicht ist promovierter Biologe und Privatdozent für Anatomie an der Dr. Senckenbergischen Anatomie der Goethe-Universität Frankfurt am Main.


Fußnoten:

(1) Dermatologische Diagnose: dorsale mukoide Zyste, vermutlich nicht mit der Gelenkhöhle kommunizierend. Oder in anderen Worten: ein ektopischer Schleimbeutel. Benign. Therapie: erst mal aktives Zuwarten. Sehr gut.

(2) Paracelsus verwendet synonym mit "synophea" das Wort "gutta". "Gutta percha" ist – seit alters – ein kautschukartiger Klebstoff, der aus dem Milchsaft tropischer Bäume gewonnen wird.
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