Dynamische Erde - unser gefährdeter Lebensraum
Ein verantwortlicher, schonender Umgang mit unserem begrenzten Lebensraum ist daher im wahrsten Sinn des Wortes notwendig. Er setzt aber die Kenntnis der Prozesse voraus, die unseren Planeten formen. Solche Informationen zu liefern ist das zentrale Anliegen der Geowissenschaften mit ihren zahlreichen Teilgebieten wie Geodäsie, Geologie, Geophysik, Geochemie, Paläontologie, Petrologie, Mineralogie, Meteorologie und Ozeanografie. Aber das Wissen allein genügt nicht, es muss auch umgesetzt werden. Gefordert sind deshalb die politischen Entscheidungsträger, die bisher oft eklatante Unkenntnis an den Tag legen.
Den Geowissenschaften verdanken wir, dass unsere Rohstoff- und Energieversorgung gesichert ist. Im Rahmen eines geodynamischen Gesamtkonzepts versteht man heute, wie es zu Vulkanausbrüchen, Erdbeben und Tsunamis kommt, und kann die Risiken abschätzen. Durch Klimamodellierung lassen sich zudem die Gefahren erkennen, die der menschengemachte Treibhauseffekt heraufbeschwört. Selbst eine so scheinbar selbstverständliche Sache wie die Wettervorhersage ist von enormem Nutzen für uns alle.
Viele Probleme, die heute die Zukunft von Erde und Menschheit bedrohen, lassen sich lösen, wenn wir mit unserem Planeten verantwortungsbewusst umgehen. Dazu müssen die sozioökonomischen und -ökologischen Prioritäten richtig gesetzt werden. Allerdings hat das vernetzte System aus Erde und Mensch inzwischen eine Komplexität erreicht, die sich kaum noch durchschauen lässt – und schon gar nicht aus dem Blickwinkel einer einzelnen Disziplin. Wir erleben eine Explosion von Detailwissen, doch es fehlt an der großen Zusammenschau.
Für systemübergreifende Probleme existieren nur systemübergreifende Lösungen. Die Geowissenschaften mit ihren vielfältigen Teildisziplinen haben schon in der Vergangenheit enge Kontakte zu anderen Fächern wie Physik, Chemie, Technik und Computerwissenschaften gepflegt. Diese Interdisziplinarität wird sich in der Zukunft mit Sicherheit noch verstärken. In der heutigen Situation muss es zwischen Erde und Mensch, Wissenschaft, Technik und Wirtschaft zu einer neuen Symbiose kommen, damit kein Bereich auf Kosten der anderen und zum Schaden des Gesamten die Übermacht gewinnt. Die Geowissenschaften können und werden dazu ihren Beitrag leisten


Wolfgang Jacoby hat in Braunschweig Physik studiert und in Kiel bei Karl Jung in Geophysik promoviert. Zwischen 1967 und 1972 forschte er auf den Gebieten Schwere und Seismik am Dominion Observatory in Ottawa (Kanada). Anschließend war er Professor für Geophysik in Frankfurt und ab 1984
in Mainz. Schwere, Geodynamik und Island bilden auch nach seiner Emeritierung im Jahr 2002 seine speziellen Interessengebiete.
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1. Mehr Platz in den Stundentafeln für das Schulfach Geographie
17.11.2008, Prof. Dr. Ingrid Hemmer, 85071 EichstättAm Ende seines Beitrages schreibt Prof. Dr. Jacoby, dass es wünschenswert sei, dass die Geowissenschaften endlich als Fach in der Schule unterrichtet werden. Wir möchten darauf hinweisen, dass das Schulfach Geographie das Zentrierungsfach der Geowissenschaften ist, in dem die „große Zusammenschau“ inklusive der menschlichen Faktoren möglich ist und praktiziert wird. Auf diesen Konsens haben sich die führenden Verbände der Geowissenschaften und der Geographie bereits in der Leipziger Erklärung (1996) und dann erneut im Jahr 2004 verständigt und ihre diesbezüglichen Initiativen in der Fachsektion Geodidaktik der GeoUnion Alfred-Wegener-Stiftung zusammengeführt. Die Mitglieder der Fachsektion arbeiten seit vier Jahren an der Umsetzung ihres Zieles, die Geographie unter besonderer Berücksichtigung der Physischen Geographie und der Geowissenschaften an den Schulen zu stärken. Und hier besteht tatsächlich noch Änderungsbedarf: Das Schulfach Geographie/Erdkunde musste in den vergangenen Jahrzehnten in den meisten Bundesländern Kürzungen in der Stundenzahl bis zum Totalausfall in einzelnen Klassenstufen hinnehmen. In einzelnen Bundesländern waren die Themen zu einem größeren Anteil humangeographisch ausgerichtet und in einzelnen Fällen wurde die Geographie in einseitig auf Gesellschaftswissenschaften ausgerichtete Verbundfächer integriert.
Erste Ergebnisse der Arbeit der Fachsektion Geodidaktik schlugen sich jedoch bereits in den nationalen Bildungsstandards Geographie für den mittleren Schulabschluss (vgl. download-Version www.geographie.de) nieder. Hierbei ist besonders die explizit gleiche Gewichtung der Physischen Geographie und der Humangeographie sowie die Betonung der Bedeutung der Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Umwelt zu nennen. An vielen Stellen, beginnend mit den Ausführungen
zum Bildungsbeitrag, wird explizit auf die Geowissenschaften verwiesen. Bei der Konzeption des Aufgabenbeispiels Nr. 2 „Erdbeben“, in das zentrale Aspekte der von Jacoby dargelegten Theorie der Plattentektonik integriert sind, wurde der Geowissenschaftler Prof. Dr. Martin Meschede beratend zugezogen. Weitere Aufgabenbeispiele widmen sich z.B. dem Klimawandel, der Bodenverdichtung, der Abholzung des Tropischen Regenwaldes und dem Staudammbau in China. Auch bei der Entwicklung der „KMK-Standards“ für die Lehrerbildung im Fach Geographie (2008) wurden geowissenschaftliche Inhalte berücksichtigt.
Die Umsetzung an den Schulen wird durch engagierte Lehrer als Multiplikatoren unterstützt. Der Lehreraus- und -fortbildung ist in besonderem Maße Aufmerksamkeit zu schenken, da die Lehrer aktiv an den Veränderungen beteiligt werden müssen. Um sie noch mehr für die Geowissenschaften zu interessieren, wurde u.a. das fächerübergreifende Projekt „Coole Klassen – Schulprojekte im Internationalen Polarjahr 2007/08“ initiiert, in dem sich bundesweit Lehrer der Fächer Geographie, Biologie, Physik, Chemie und Sozialwissenschaften engagieren. Lehrer und Wissenschaftler arbeiten erfolgreich zusammen, und aktuelle, wissenschaftliche Ergebnisse werden direkt in die Schulen transferiert. Die Nachhaltigkeit des Projekts wird in dem neu gegründeten Arbeitskreis „Polarlehrer“ in der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung gewährleistet.
Das Problem liegt derzeit also nicht darin, dass es kein Schulfach gibt, das geowissenschaftliche Inhalte vertritt, sondern dass das vorhandene Fach Geographie mit seinen für die Menschheit hochrelevanten Inhalten derzeit bildungspolitisch zu wenig Aufmerksamkeit findet. Die Forderung an die bildungspolitischen Entscheidungsträger in den Bundesländern muss daher lauten: Mehr Platz in den Stundentafeln für das Schulfach Geographie, um eine intensivere Behandlung der wichtigen geographischen/geowissenschaftlichen Inhalte, insbesondere auch der „global-change-Themen“ zu ermöglichen.
Prof. Dr. Ingrid Hemmer
gez. Dr. Sylke Hlawatsch
Vorsitzende der Sektion Geodidaktik
GeoUnion
Alfred-Wegener-Stiftung
gez. Dr. Rainer Lehrmann
Projektkoordinator „Coole Klassen“
2. Erdkundeunterricht und Geowissenschaften - Einheit in Zwietr
14.12.2008, Dr. Frank-Michael Czapek, 30916 IsernhagenErdkundeunterricht und Geowissenschaften – Einheit in Zwietracht ?
Zugestanden, Prof. Dr. Jacoby möchte provozieren, – und - ebenfalls zugestanden - er tut dies in der guten Absicht, den Blick auf die schulische Bedeutung der Geowissenschaften lenken zu wollen. Allein, die Sache kann nicht nur mit Verständnis betrachtet werden.
Aus schulischer Sicht ist es ein immer mal wieder auftretendes Ärgernis, wenn Wissenschaft meint, in der Schule vertreten sein zu müssen. Schule, zumal das Gymnasium, arbeitet zwar in der Zielrichtung einer Wissenschaftspropädeutik, die Fächer im Kanon des schulischen Angebotes jedoch als Miniatur einer Wissenschaft anzusehen, ist fatal einfach gestrickt. Nicht nur das. Ansinnen dieser Art lösen leider immer wieder unnötige Scharmützel auf Nebenkriegsschauplätzen aus, wenn der Pointierung wegen dieser martialische Vergleich erlaubt sei.
Als vor Jahren ekelhafte Übergriffe auf Mitbürger vietnamesischer Herkunft zu beklagen waren, gab es die Forderung nach einem Fach Völkerkunde. Als vor einiger Zeit eine der gleichermaßen unzähligen wie unseligen Quizsendungen offenbarten, dass kein Unterschied zwischen Astronomie und Astrologie auszumachen sei, rief dies die Zunft auf den Plan, und das Schulfach Astronomie wurde bundesweit reklamiert. (Bis dato ist es tatsächlich im sächsischen Lehrplan verankert, wird künftig aber wohl für entbehrlich gehalten!). Unser föderatives System bringt es tatsächlich mit sich, dass länderweise recht eigentümliche Schulfachkonstellationen anzutreffen sind. So ist auf Betreiben der Wirtschaft in einigen Ländern das Schulfach Wirtschaft eingerichtet worden, hier und da mit dem Fach Politik verknüpft. All dies ist aber nicht wirklich Ausdruck von reflektierter Bildungssicht, sondern eher von Opportunismus und lobbyistischer Befriedigung. Eines steht dabei fest: Wo immer Auswüchse dieser Art greifen, geht es zu Lasten anderer Fächer, bis man erkennt, dass der wohlbedachte Schulkanon keine beliebige Spielwiese von Interessenpolitik sein darf. Statt Durchdringungstiefe im Lernen stellt sich ein Flickenteppich der Beliebigkeit ein. Das Schulfach Erdkunde/Geographie kommt dabei stets unter die Räder. Immer noch im falschen Ruf stehend, ein leichtes, unintellektuelles Fach zu sein, greifen Bildungspolitiker gerne in die Trickkiste der Fachkürzung oder gar der Verdrängung.
Man stelle sich vor, eine jede Wissenschaft wolle in der Schule vertreten sein… Zugleich beklagt die Öffentlichkeit die angebliche Unmenschlichkeit der allgemeinbildenden Schule, die im Zuge von G8 mehr denn je Paukschule sei. Tatsächlich müssen unsere Oberstufenschüler nicht selten mit einer 36-Stunden-Woche leben, Vor- und Nachbereitung nicht mitgerechnet. Da krümmt sich manch gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer …
Immer mehr Forderung nach Unterricht auf der einen Seite, immer mehr Forderung nach Entrümpelung der Lehrpläne auf der anderen…
Natürlich hat Prof. Dr. Jacoby Recht, wenn er beklagt, unsere Jugend erführe zu wenig von geowissenschaftlichen Inhalten. So betrachtet, erfahren sie aber auch zu wenig von medizinischen Belangen, von rechtlichen, von technischen usf. All diese sind mehr oder weniger in den gängigen Unterrichtsfächern „mit vertreten“. Das kann auch gar nicht anders sein, denn es ist bei aller Bekräftigung des inhaltlichen Ansatzes nicht Aufgabe von Schule, Disziplinen abzuarbeiten. Schulfächer sind allesamt Integrationsfächer. Dies gilt sogar für das konkordatsgeschützte Fach Religion. Und - die Integrationspotenziale müssen gestärkt werden. Ingrid Hemmer hat in ihrem Leserbrief aus Sicht der Geographie dazu schon Entscheidendes angemerkt. Ergänzt und bekräftigt sei hier: Kompetenzorientierung auf der Grundlage von Bildungsstandards steht im Vordergrund. Lernen zu lernen, und dies an fachlichen Gegenständen, ist ein zentrales Gebot von Schule. Dies setzt in erster Linie didaktische Fundamente voraus, nicht aber fachwissenschaftliche, so sehr der Fachlehrer auch ein kompetenter Fach-Vertreter sein muss. Um es aber nochmals zu betonen: Der Erdkundeunterricht ist keine verkleinerte Ausgabe der Wissenschaft Geographie. Wohl aber muss es der Erdkundeunterricht leisten, unseren Lernenden eine fundierte Weltsicht und Einblicke in zentrale Aspekte unserer Erde zu geben. Dies schließt mehr ein als „nur“ geographische Bezüge. Ein Blick in einen jeden Länderlehrplan zeigt, wie geschickt und gut abgestimmt dieses schwierige Unterfangen von unserem Fach mit max. 1,5 Schulstunden in der Woche eingelöst wird. Hierzu brauchen wir jegliche Unterstützung, nicht aber Relativierung oder gar Gegenwind !
Alles, was uns in dieser Situation Konkurrenz macht, selbst wohlmeinend, ist realitätsfremd und letztlich kontraproduktiv.
Dr. Frank-Michael Czapek
Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schulgeographen e.V. (VDSG)