Schon Monate bevor El Niño – eine anomale Erwärmung der äquatorialen Pazifik-Oberfläche – an der Westküste der USA orkanartige Stürme erwarten ließ, hatte die Finanzwelt ihre Vorkehrungen getroffen. Seit Anfang 1997 konnte ein Kapitalanleger Kontrakte kaufen oder verkaufen, deren Wert nur von Temperaturschwankungen abhing – oder von Niederschlagsmengen in Form von Regen, Hagel oder Schnee. Solche sogenannten Wetter-Derivate machen sich zum Beispiel bezahlt, wenn am Flughafen von Los Angeles von Oktober bis April zwischen 43 und 69 Zentimeter Regen fallen. Auf diese Weise vermag sich ein Versicherungsunternehmen gegen künftige Ansprüche seiner Kunden oder ein Landwirt gegen drohende Ertragseinbrüche zu wappnen. Derlei Kontrakte können auch einem Heizöl-Anbieter helfen, mit Mindereinnahmen aufgrund eines unerwartet warmen Winters fertig zu werden, indem er ein Tagestemperatur-Floor kauft – einen Kontrakt, der das Unternehmen etwa dafür entschädigt, daß das Quecksilber seltener als erwartet unter 18 Grad fällt. "Wir sind große Fans von El Niño, weil er uns gute Umsätze beschert hat", bemerkt Andrew Freeman, Geschäftsführer der New Yorker Firma Worldwide Weather Trading, die Kontrakte über Regen, Schnee und Temperatur abschließt.
Wetter-Derivate sind ein Beispiel für den wachsenden Einfluß einer neuartigen Finanztechnik, des sogenannten Financial Engineering. Mit Hochleistungsrechnern erstellen Mathematiker, Physiker und Wirtschaftswissenschaftler komplizierte Modelle, um die Unwägbarkeiten unternehmerischen Handelns in einer globalisierten Wirtschaft zu mildern. Sie entwerfen maßgeschneiderte Wertpapierpakete, mit denen man sich gegen die Verluste aus einem Fall des Yen – oder des Thermometers – abzusichern vermag. Das Risiko eines Marktzusammenbruchs oder des nächsten Monsun-Unwetters kann mit einem Preis bewertet, in handelbare Komponenten aufgeteilt und an jemanden verkauft werden, der bereit ist, dieses Risiko – gegen eine einmalige Vergütung oder regelmäßige k