Einleitung

Höhlenforscher, sofern sie zur geologischen Zunft gehören, nennt man Speläologen. In der Medizinerzunft fällt die Höhlenforschung in das Fach der Otolaryngologen, denen allerdings ihre eigene Fachbezeichnung zu umständlich ist, weswegen sie sich "HNO" nennen. Hals-Nasen-Ohren-Heilkundler.

Deren Hauptfach sind die luftgefüllten Höhlen des Kopfes: Nasenhöhle, Schlund und Ohren, deren Paukenhöhlen ja auch voll Luft sind. Oder voll Eiter, man kennt das von der schmerzhaften Mittelohrentzündung.

Im Nebenfach sind aber auch die Nasennebenhöhlen der HNOler Fachsache. Aber Achtung: Sie verstehen nichts davon. Kein Mensch versteht etwas davon. Zumindest nicht davon, wozu die Nebenhöhlen eigentlich da sind. Davon – auch davon – handelt dieser Aufsatz.

Das war jetzt viel zu viel "davon".

Dafür fange ich jetzt mal mit der Anatomie der Nasennebenhöhlen an. Denn die Anatomie – mein Fach – hat den unbestreitbaren Charme, die Dinge so nehmen zu können, wie sie halt da sind, ohne gleich fragen zu müssen, wofür sie da sind. Anatomie kann herrlich zweckfrei sein. Wie die Nasennebenhöhlen.

Anatomie

Am Anfang war das Wort. Die Dinger müssen einen Namen kriegen, und hier ist er: Sinus paranasales. So heißen die Nasennebenhöhlen auf Latein.

Und da sind sie:

Schädel
© Helmut Wicht
(Ausschnitt)
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Das Bild ist aus Wikipedia. Es hat den Vorteil, gemeinfrei und anatomisch richtig zu sein. Weshalb der Herr so betrübt in die Gegend schaut, weiß ich nicht, vielleicht hat er eine Sinusitis. So heißt die Nasennebenhöhlenentzündung. Die bunten Felder sind die Sinus paranasales, rote Punkte und blauen Pfeil erklär' ich später.

In der Nasenhöhle ist Luft. Aber in den Knochen, in den Sinus paranasales ringsum auch. Die Nebenhöhlen stehen über enge (wirklich sehr enge, dazu später) Kanäle mit der Nasenhöhle in luftiger Verbindung. Es gibt drei paarige, also rechts und links vorkommende Höhlen, nämlich die Sinus maxillares, ethmoidales und frontales, und eine unpaarige, die in der Schädelmitte liegt, den Sinus sphenoidalis.

Die Sinus ethmoidales – zwischen Augen- und Nasenhöhle – sind ein Labyrinth von kleinen Kammern, weswegen man sie auch "Cellulae" nennt. Die Sinus frontales und der sphenoidalis, vor allem aber die Sinus maxillares sind jedoch ansehnliche Höhlen. Wie geräumig der Sinus maxillaris (die Kieferhöhle) ist, sieht man erst am zerbrochenen Schädel so richtig.

Rotznase
© Helmut Wicht
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernRotznase

Diesen Schädel hat eine Studentin mal auf die harten Fliesen des Präpariersaals fallen lassen; er zerbarst – aber nun kann man durch ein großes, beim Bruch entstandenes Loch in der seitlichen Nasenhöhlenwand in die rechte Kieferhöhle schauen. Ein kleines Schnapsglas voller Luft (oder, im Falle der Sinusitis, eitriges Exsudat) geht da hinein.

Aus anatomischer Sicht gäbe es jetzt noch weitaus mehr als ein Schnapsglas voll zu diesen Sinus zu sagen. Natürlich piesacken wir unsere Studenten mit all diesem Wissen. Ich will Ihnen hier aber nur noch zwei anatomische Details zur Kenntnis bringen, von denen wir unseren Studenten in den ersten Semestern gemeinhin nichts erzählen (weil's nicht prüfungsrelevant ist).

Erstens: Die Sinus paranasales entstehen erst spät in der Individualentwicklung. Wenn wir geboren werden, sind sie noch winzig, und die Stirnhöhle (der Sinus frontalis) ist meist noch gar nicht da. Erst mit dem Ende der Pubertät ist unser Schädel so recht gelocht. Die Sinus entstehen, indem die Nasenschleimhaut in vorgeformte, von schwammigem Gewebe ausgefüllte Bereiche der umgebenden Knochen hineinwächst. Und die Sinus sind – wie die Nasenhöhle – mit einer ausgesprochen gut durchbluteten und mit schleimbildenden Zellen durchsetzten Schleimhaut ausgekleidet.

Zweitens: Zumindest unter den Affen sind Mensch und Menschenaffen diejenigen mit den ansehnlichsten und meisten Nebenhöhlen. Die anderen Affen haben meist nur einen Sinus maxillaris, die übrigen Höhlen fehlen.

Pathologie

Die Sinus machen nichts als Ärger. Vor allem der Sinus maxillaris.

Oben, im ersten Bild, ist er blau hervorgehoben. Die Lage des winzigen Lochs zur Nasenhöhle hin, durch das er seine Luft bezieht, habe ich mit einem roten Punkt markiert. Das Loch in der knöchernen Wand zur Nasenhöhle hin ist manchmal fast linsengroß – aber die Schleimhaut, die es überzieht, engt es auf einen schmalen, kaum millimetergroßen, gebogenen Spalt ein. Man nennt ihn Hiatus semilunaris, den Halbmondspalt.

Nichts als Ärger. Der Boden des Sinus maxillaris, auch das sieht man in der Abbildung, liegt also viel tiefer als sein Eingang. Mit anderen Worten: Er ist wie ein Keller, dessen Boden weit unter der Eingangstür liegt. Und wenn der Keller entzündungsbedingt im schleimigen Eiter absäuft, kann die Brühe nicht ablaufen. Zumindest dann nicht, wenn man steht. Und wenn man liegt, nur dann, wenn man auf der gesunden Seite liegt. Dummerweise sind meist beide Sinus entzündet.

Nichts als Ärger. Angesichts der Analogie vom "abgesoffenen Keller" im Falle der schleimigen Nasen(neben)höhlenentzündung pflege ich meinen Studenten zu sagen, dass es aus anatomischer Sicht gesünder ist, den Nasenschleim schwungvoll hochzuziehen statt ihn gesittet ins Taschentuch auszublasen. Im ersten Fall erzeugt man nämlich einen Unterdruck in der Nasenhöhle und bekommt vielleicht noch ein wenig von dem Rotz aus dem Keller herausgesaugt. Im anderen Falle – mit Überdruck ins Taschentuch – bläst man eher noch Nasenschleim in die Sinus hinein.

Meist läuft mir beim Präparierkurs vor lauter Formalin ohnehin die Nase, so dass ich meine Ausführungen heftig schniefend akustisch untermalen kann. Schön ist das nicht (1).

Nichts als Ärger. Der Boden des Sinus maxillaris reicht hinunter bis zu den Spitzen der Wurzeln der Backenzähne. Deren Entzündungen können nun in den Sinus einbrechen, wahlweise dessen Entzündungen in den Zahnhalteapparat (Zahnweh bei Sinusitis). Beim Zähneziehen kann es passieren, dass man von unten her ein Loch in den Sinus reißt. Das muss man dann gründlich stopfen, denn Nahrungsreste haben in den Nebenhöhlen nun gar nichts zu suchen.

Nichts als Ärger. Wenn es hart auf hart kommt und der Sinus maxillaris voller Eiter steht, sticht der Nasenarzt mit einem Trokar (einer dicken Hohlnadel) hinein – durchs Nasenloch, durch die untere Wand des Sinus maxillaris (blauer Pfeil in der ersten Abbildung). So kann er dann den Sinus ausspülen. Er haut den Trokar wirklich einfach durch den Knochen – der ist dort kaum millimeterdick. Es tut auch nicht sehr weh. Aber es kracht, als ob einem eine Sprengladung mitten im Schädel gezündet würde. Ich hatte das mal … unlustig.

Physiologie

Bislang also: Nichts als Schlechtigkeit.

Wozu sind die Nebenhöhlen dann gut? Das Gute, sagt Kant, ist das, was unseren Zwecken dienlich ist. Welchem Zweck dienen die Nebenhöhlen, wenn sie nicht gerade entzündet sind?

Man weiß es nicht.

Oh, es ist durchaus nicht so, dass man sich nicht seit 1800 Jahren – solange kennt man sie schon (2) – nicht den Kopf darüber zerbrochen hätte: Nur ist nichts Handfestes außer einer ganzen Reihe von nachweislich falschen oder nicht falsifizierbaren (überprüfbaren) Hypothesen dabei herausgekommen (3).

Nachweislich falsch:
– Nebenhöhlen als Riechorgan (denn es gibt dort keine Riechsinneszellen)
– Nebenhöhlen als Nasenschleimspeicher (denn, sofern gesund, ist Luft darin – aber zu dieser altehrwürdigen Hypothese gibt es eine ergötzliche Schnurre, die ich in eine bebilderte Fußnote (4) verpacke)

Ziemlich sicher falsch:
– Nebenhöhlen als Luftanfeuchter (denn der Luftaustausch zwischen ihnen und der Nasenhöhle ist minimal)
– Nebenhöhlen als "Thermoelemente/Isolatoren" (denn es gibt keinen Zusammenhang zwischen deren Größe und der Temperatur des Lebensraums)

Plausibel, aber schwer zu überprüfen, sind zwei andere Theorien, auf die ich noch kurz etwas genauer eingehen will.

Die eine ist schieres Ingenieursdenken: Gewichts- und Materialersparnis. Nun ja. Das Gesamtvolumen der Nebenhöhlen beträgt etwa 40 Kubikzentimeter, zwei Schnapsgläser voll. Täte man da Knochen hinein, wöge das etwa 50 Gramm – aber das ist gerade mal ein Prozent dessen, was der Kopf insgesamt wiegt. Mit einem Haarschnitt, einer gründlichen Rasur und Kunststoff an Stelle von Amalgamplomben in den Zähnen käme man vermutlich mit weniger Aufwand an eine ebenso große Gewichtsersparnis. Schwer zu prüfen, dieses Argument. Die Evolution spart 50 Gramm – und beschert uns im Gegenzug den ganzen Ärger? Halte ich für unwahrscheinlich.

Etwas plausibler ist die Hypothese, die Sinus paranasales hätten etwas mit der Stimmbildung zu tun, seien Resonanzräume. Erstens erinnern sie ja wirklich an Helmholtz-Resonatoren, zweitens erleben wir ja an uns selbst im Falle des Schnupfens und der Sinusitis die Veränderung unserer Stimme. Sie wird dumpf und nasal.

Aber so einfach ist es nicht. Bei Entzündungen schwillt ja auch die Nasenhöhle selbst zu, der ganze obere Rachenraum macht dicht, man muss durch den Mund atmen. Es ist also gar nicht so einfach, den spezifischen Beitrag der Nasennebenhöhlen zur Stimmbildung zu messen. Ein bösartiger Physiolog' hat mal vorgeschlagen, einem Opernsänger selektiv die Nasennebenhöhlen zuzubetonieren und seine Gesangsleistung vorher und nachher zu vermessen, aber, soweit ich weiß, hat sich noch kein Tenor für dieses Experiment gemeldet. Und – aus vergleichend anatomischer Sicht – die pure Stimmgewalt hat nichts mit den Nebenhöhlen zu tun. Gewaltig brüllt der Löwe – ohne Nebenhöhlen. Meist stumm ist die Giraffe – mit riesigen Nebenhöhlen.

Nichts Genaues weiß man nicht.

Die Halsnasenohrenärzte …

… wissen auch nichts Genaueres. Außer einem: Die Nasennebenhöhlen und ihre Entzündungen setzen die Otolaryngologen in Lohn und Brot. Wahrscheinlich sind sie dafür da. Das erscheint mir plausibel.


Helmut Wicht ist promovierter Biologe und Privatdozent für Anatomie an der Dr. Senckenbergischen Anatomie der Goethe-Universität Frankfurt am Main.


Fußnoten:

(1) Physiologischerweise wird der in den Nebenhöhlen gebildete Schleim von den Wimperhärchen (Zilien) der Zellen in der Schleimhaut in Richtung auf deren Öffnungen zur Nasenhöhle hin transportiert.

(2) Galenos von Pergamon (130-201), der berühmte Arzt, mit dem die antike Medizin zum Abschluss kommt, hat sie zuerst beschrieben.

(3) Weiterführende Literatur zum Thema Funktion der Nebenhöhlen:
Blanton, P. L., Biggs, N. L.: Eighteen Hundred Years of Controversy: The Paranasal Sinuses. In: American Journal of Anatomy 124, S. 135-147, 1969
Rae, T. C., Koppe, T.: Holes in the Head: Evolutionary Interpretations of the Paranasal Sinuses in Catarrhines. In: Evolutionary Anthropology: Issues, News, and Reviews 13, S. 211-223, 2004

(4) Noch bis ins 18. Jahrhundert stritten sich die Physiologen heftig darüber, was denn nun normalerweise in den Nebenhöhlen sei – wässriger Schleim oder Luft? Ein gewisser Herman Boerhaave (1668-1738), Medizinprofessor in Leiden, verfocht die Schleimthese. Die Nasennebenhöhlen seien ein Schleimreservoir, eine Art von Pufferspeicher für das Nasensekret. Seine Argumentation entbehrt nicht der Eleganz und Stringenz. Kleine Kinder, so sagt er zu Recht, haben noch keine wohlentwickelten Nebenhöhlen. Können also den Schleim schlecht speichern. Weswegen sie ewig eine Rotznase haben. Quod erat demonstrandum.