Es war schon immer etwas Besonderes, wenn ich Gelegenheit hatte, Weizsäcker zu erleben – sei es unmittelbar in Vorträgen und Diskussionen oder auch indirekt in Erzählungen jener, die ihn persönlich kannten. Diese Notiz hier soll daher weniger Nachruf sein, vielmehr will ich mich aus Anlass seines Todes mit 94 Jahren typischer Momente erinnern, wie sie ein junger Menschen erlebt, der die Physik ergreift, um selbst über die Wissenschaft in die Geheimnisse dieser Welt einzudringen.

Ja, einen „aufgeklärten Mystiker“ nannte ihn die Süddeutsche Zeitung, und die FAZ schilderte seine „Synthesen eines Jahrhundertmannes“. Als Physikstudent begegnen einem die Großen des Fachs zumeist punktueller und konkreter. Und von Weihrauch will man eigentlich auch nichts wissen, wenn man sich mit Fantasie, Akribie und Skepsis einer komplexen Disziplin unterzieht. Als ich anfing, in Würzburg Physik zu studieren, begegnete mir Weizsäcker zunächst vermittelt durch eine andere Person.

Ein ziemlich junger Professor war gerade auf einen der beiden Lehrstühle für Theoretische Physik berufen worden. Rolf Ebert (damals 37, so früh klappte das 1967 noch) fiel mir auf, denn ich hatte seine Grundvorlesungen zu besuchen. Sofort erfuhr ich, dass er bei Carl Friedrich von Weizsäcker promoviert hatte und Astrophysik betrieb. Beides gefiel mir ungemein – und so wurde aus Professor Ebert mein späterer Diplom- und Doktorvater.

Noch in Göttingen war Ebert zu von Weizsäcker gestoßen, um sich für seine Dissertation mit der Planetenentstehung zu befassen. Weizsäcker, seit 1947 Abteilungsleiter am Max-Planck-Instituts für Physik, hatte schon in den 1950er Jahren eine eigene Theorie der Turbulenz entwickelt (seine mixing-length theory, publiziert in der „Zeitschrift für Physik“), die sich nicht nur auf die Bildung der Planeten im solaren Urnebel, sondern auch von Spiralarmen in Galaxien anwenden lassen sollte.
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Als Weizsäcker 1957 nach Hamburg auf einen Kombi-Lehrstuhl in Philosophie und Physik wechselte, folgte ihm Rolf Ebert, um dort seine Arbeit abzuschließen. Die Universität Hamburg war damals stark interessiert, sich akademisch aufzuwerten. Dort lehrte nicht nur der Theologe und Philosoph Helmut Thielike, sondern auch Pascual Jordan, ein Pionier der Quantenphysik. Dieses neue Umfeld scheint Weizsäcker sehr behagt zu haben. Und so, wie Rolf Ebert gelegentlich auch im „Jordan-Seminar“ über neuere Arbeiten vortrug, in dem sich gerade eine Gruppe brillanter Relativitätstheoretiker wie Jürgen Ehlers, Manfred Trümper oder Wolfgang Kundt versammelt hatte, nahmen auch diese Jordan-Schüler an etlichen von Weizsäckers Vorlesungen teil, etwa über philosophische Probleme der Physik.
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Amüsiert berichtete einmal Jürgen Ehlers, später mein Chef am MPI für Astrophysik in München: Etliche Damen, auch ältere, hätten sich bei diesen Vorträgen gerne in die erste Reihe gesetzt. Denn Weizsäcker habe nicht nur äußerst eloquent gesprochen – „etwas, das nicht jeder wirklich kann, der Vorlesungen hält“ –, sondern auch sehr gut ausgesehen.

Die Energie der Sterne

So konnte ich also in Würzburg mit jemandem über Physik und eben auch Philosophie sprechen, der darin von einem Weizsäcker geschult war. Ich gestehe, dass ich, so dumm das klingen mag, dabei immer auch dessen Aura zu verspüren meinte. Mehr als Weizsäckers Philosophie oder auch seinen Aktivitäten gegen die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik spürte ich der Physik nach, die er in den 1930er Jahren hervorgebracht hatte. Etwa die so genannte Weizsäcker-Williams-Methode, eine äußerst nützlich Approximation zur Berechnung von Bremsstrahlung in der Kernphysik, die noch heute fleißig benutzt wird. Oder, damals fundamental, die Bethe-Weizsäcker-Formel, mit der sich die Bindungsenergien von Atomkernen im Rahmen des Tröpfchenmodells berechnen lassen. Einige der Kernprozesse, die den Sternen ihre Energie liefern, wurden damit erstmals durchschaubar – selbst wenn dafür, mit der üblichen Ungerechtigkeit des Nobelpreiskomitees, 1967 nur Hans Bethe den Physik-Nobelpreis erhielt.
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Mehr und mehr las ich mich dann aber in die Geschichte ein, die darauf folgte: Weizsäckers Anteil an Heisenbergs Uranverein in Dritten Reich. Angeregt hatten mich dazu auch meine Anfangsjahre am MPI für Astrophysik in München, in denen ich Werner Heisenberg noch gelegentlich ins Institut gehen sah, aber leider nie mit ihm gesprochen hatte. Bis in die Gegenwart hinein sind die historischen Details immer wieder neu interpretiert worden, vor allem Heisenbergs folgenreiches Gespräch mit Niels Bohr.
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 Bild vergrößernNiels Bohr
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 Bild vergrößernWerner Heisenberg


Im Jahre 1941 nahm Heisenberg mit Weizsäcker an einer von den Nazis organisierten Konferenz im besetzten Kopenhagen teil. Dabei traf Heisenberg mit seinem Freund und Lehrmeister Niels Bohr zusammen, allerdings ohne Weizsäcker, der im Hotel blieb. Die Begegnung endete katastrophal, auch wenn niemand wirklich genau weiß, was den Bruch ausgelöst hat Jedenfalls waren seitdem beide miteinander verfeindet. Möglicherweise ging es um den Bau einer Atombombe, vielleicht wollte Heisenberg sogar – das ist jedoch umstritten – Bohr zur Kollaboration mit Nazi-Deutschland überreden. Bohrs Bericht an die Amerikaner bestärkte jedenfalls dort die Überzeugung, die Deutschen seien mit einer Atombombe vielleicht schon weiter gekommen als vorher für möglich gehalten – Motivation und gewaltiger Auftrieb für das gigantische Manhattan-Projekt – bis hin zu Hiroshima und Nagasaki.

Weizsäcker sprach mit Heisenberg nachher über den Verlauf des Gesprächs und hat später darüber berichtet. In dem Theaterstück „Copenhagen“ von Michael Frayn, geschrieben 1998, wird unterstellt, Bohr habe Heisenberg missverstanden. Doch der britische Autor musste sein Stück teilweise umschreiben, nachdem 2001 das Niels-Bohr-Archiv geöffnet wurde und einige Briefe auf die Kalamität ein neues Licht warfen.

„Wir können Sie nicht hören!“

Mitte der 1970er Jahre, Weizsäcker leitete inzwischen das von ihm und Jürgen Habermas in Starnberg aufgebaute MPI zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, kam er einmal nach Garching, um über Friedenforschung, den Ost-West-Konflikt und die Gefahren eines Atomkriegs zu sprechen – also über die von ihm selbst so genannte „Weltinnenpolitik“. Der Physiker war gerade in heftige öffentliche Kritik geraten, weil er sich in sein Haus einen Atombunker hatte einbauen lassen.

Der riesige Hörsaal war gerammelt voll, jemand hängte dem Redner das obligate Mikrofon um, das erwartungsfrohe Gemurmel erstarb zugunsten einer gespannten Erwartung. Mehrere Sekunden breitete sich wie vor dem Beginn eines Konzerts eine Stille aus, die drohte, peinlich zu werden. Da krähte ein mir bekannter Max-Planck-Direktor von weiter hinten: „Wir können Sie nicht hören!“ Wie aus der Pistole geschossen erwiderte darauf Weizsäcker laut und deutlich: „Ich habe ja auch noch nichts gesagt!“ Der Hörsaal explodierte förmlich vor Gelächter. Damit hatte der Redner kritisch eingestellte Zuhörer spontan für sich eingenommen, und jede Atombunkerspannung war wie weggeblasen. Dann erläuterte Weizsäcker ruhig und nachvollziehbar seine Gründe zum Einbau eines Atombunkers in seinen Keller: Vermutlich sei er nutzlos; aber falls der Fallout weniger total und vernichtend über das Land komme als technisch möglich und natürlich nicht ausgeschlossen, dann könnte ein Bunker die Überlebenschancen doch ein wenig verbessern.

In diesen 1970er Jahren erfuhr ich, dass Weizsäcker in München eine Forschungsstelle gegründet habe, und zwar „für westliche Wissenschaft und östliche Weisheit“. Diese Stelle sei, so hieß es, durch die Begegnung mit Pandit Gopi Krishna (1903 – 1984) angeregt worden. Von dem indischen Spiritualisten aus Kaschmir stammt das Buch „Kundaline: Path to Higher Consciousmess“ über diese bestimmte Yoga-Art. Bei Treffen und Vorträgen wurden in der Türkenstraße in Schwabing östliche Mystik und deren Verhältnis zu westlicher Ratio diskutiert. Einmal hielt auch ich einen Vortrag in diesem Kreis, allerdings war Weizsäcker zu meinem Bedauern nicht anwesend. Ich war nämlich gespannt, etwas über seine Intentionen zu erfahren und hatte mich auf durchaus kritische Fragen vorbereitet. Im Gegensatz zu der religiösen Grundstimmung vieler Gedanken Weizsäckers war ich Vermengungen à la „östliche Weisheit – westliche Vernunft“ ziemlich abgeneigt. Desto mehr überrascht mich, wenn in „Spektrum“ bei Artikeln über Wissenschaft und Religion die oft ausführlich begründeten und bekenntnishaften Leserreaktionen jedes Mal die Redaktion förmlich überrollen.

„So einfach ist das,
wenn man eine Ideologie hat.“


Etwa um 1980, ich war inzwischen als Wissenschaftsredakteur bei der Zeitschrift „Geo“ in Hamburg gelandet, sprach Weizsäcker an der dortigen Universität vor allem über die Interpretation der Quantenmechanik – zweifellos eines seiner Lieblingsthemen, hatte er doch in den Jahren nach der Kopenhagener Deutung auch an der Ausformulierung und Klärung der Begriffe mitgewirkt. (Der einstige Bohr-Einstein-Streit um Realismus und Lokalität der Quantenphysik geht gerade mit neuen, Aufsehen erregenden Experimenten von Anton Zeilinger von der Universität Wien in eine neue Runde – wir planen in Spektrum dazu einen Essay.)

Auch diesmal: ein brechend voller Physikhörsaal an der Jungiusstraße. Viele sitzen auf Treppen und in Fensternischen. Studenten, Professoren und Gäste wie ich hängen an den Lippen des Redners. Am liebsten hätten sich alle in erste Reihe gesetzt, nicht nur die Damen. Denn eloquent und von würdig-charismatischer Erscheinung war der Star des Abends immer noch. Er erzählte viele Anekdoten. In Göttingen habe einmal jemand über Quantenphysik vorgetragen, mit allerlei kühnen Thesen. Er, Weizsäcker, habe sich dann immer nur kurz zu seinem Nachbar gebeugt; und in wenigen Worten habe man sich verständigt, wie die jeweilige Frage anders als vom Redner „richtig“ zu beantworten sei. Dann, nach einer kleinen Pause, sagte er: „So einfach ist das, wenn man eine Ideologie hat.“ Der selbstironische Ton und sein vergnügtes Grinsen über die wohl platzierte Pointe in den Lachsturm hinein bewiesen, dass auch so etwas zum selbstreflexiven Denken dieses Physikers gehörte, wenn er über die Grundfesten der Naturdeutung sprach.

Von seinen umfangreichen naturphilosophischen Büchern habe ich nur „Die Einheit der Natur“ von 1971 gelesen. Ich konnte damals nur bewundern, mit welcher Anstrengung der Physikerphilosoph, der gerne von den Physikern als Philosoph und von den Philosophen als Physiker ausgegrenzt wurde, sich dem universalistischen Ansatz verpflichtet sah. Ich weiß nicht mehr, ob er selbst es war, der einmal fragte, wie viele Wissenschaftler man jeweils brauche, um das gesamte aktuelle Wissen zu überdecken. Zu Zeiten von Leibniz, also vor über zwei Jahrhunderten, lautete die Zahl noch 1 oder höchstens „wenige“. Ende des 19. Jahrhunderts waren dafür sicher schon Dutzende erforderlich, und heute, vermute ich, bräuchte man mehrere tausend Forscher, um unser naturwissenschaftliches Weltwissen abzudecken – Symptom natürlich für die progressive und vermutlich irreversible Selbstzersplitterung des Weltbilds.

Diesem Zerfallsprozess hat sich Carl Friedrich von Weizsäcker immer entgegen gestemmt – eine Haltung, mit der ich sehr sympathisiere, die ich jedoch letztlich für so vergeblich halte wie Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlen.

Reinhard Breuer