Die moderne Welt ist schrecklich kompliziert – nehmen wir nur so vertrackte Probleme wie die Eurokrise, "Stuttgart 21" oder die Endlagerung nuklearen Abfalls. In Talkshows und an runden Tischen redet man sich darüber die Köpfe heiß, und der verwirrte Zuhörer findet, dass jeder der gegensätzlichen Standpunkte etwas für sich hat. Aber am Ende muss ein Konsens herauskommen: Eurobonds ja oder nein, Kopf oder Tiefbahnhof, Gorleben oder ein anderes Endlager.
Sicher soll es dabei demokratisch zugehen, aber je komplizierter das Problem, desto unwissender kommt einem die Mehrheit vor. Kann man wirklich diesem Heer von Laien die Entscheidung überlassen, wo doch Expertise gefragt ist?


Michael Springer ist promovierter Physiker und ständiger Mitarbeiter bei "Spektrum der Wissenschaft".
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1. Reingelegte Experten
30.01.2012, Detlef Schroedter, HamburgDass man aus den zur Zeit noch sehr elementaren Experimenten Aussagen für die positive Wirkung "ahnungsloser" Stimmberechtigter in Demokratien bei komplexen Entscheidungsprozessen ableiten kann, geht aber aus meiner Sicht noch zu weit.
Denn die Experimente haben in der Regel zwei wichtige Eigenschaften: a) Es gibt eine klare Lösung (gelb heißt Futter, blau heißt kein Futter) und b) diese wird plötzlich verändert (blau heißt Futter, gelb nicht).
Die erste Eigenschaft ist kritisch, weil wir in den komplexen Entscheidungsprozessen der Gesellschaft solche klaren Lösungen nicht haben. Tatsächlich bilden sogar alle der von den Experten vorgetragenen Entscheidungsmöglichkeiten ein mögliches Optimum (zumindest gemäß der Expertenmeinung). Für die Fische wäre das etwa die Entscheidung zwischen dem vergifteten Futter, das sie alle langsam tötet (aber eventuell. langsam genug, um Nachkommen zu zeugen) und dem Futter, zwischen dem sich Fressfeinde tummeln, die einige von ihnen sofort töten. Welches ist das geringere Übel?
Der zweite Punkt ist kritisch, da unsere Experten hoffentlich nicht damit rechnen müssen, dass sich die Regeln, nach denen sie ihre Entscheidungsvorschläge aufgebaut haben, plötzlich ändern. Dann wäre ihre Aussagekraft sowie nur zufällig.
Aus den Demokratie-Experimenten sehe ich zur Zeit vor allem zweies: Die Macht der Evolution, auch alte, unreflektierbare, eventuell sogar genetisch determinierte Verhaltensmuster sozialer Gemeinschaften durchbrechen zu können, wenn sie die Umwelt ändert. Und einen Konsens auch ohne Alphatier treffen zu können, wenn zwischen verschiedenen Alternativen entschieden werden muss, von denen sich keine besonders auszeichnet.
Für alles weitere warte ich lieber noch auf differenziertere Experimente.
2. Sich informieren geht der Meinungsbildung voraus
31.01.2012, Dr. Gerd Haag, LinnichDass Fische auf ein gelbes Ziel geprägt werden können, an dem sie Futter finden, mag ja sein. Dass sie aber an dieser Prägung bis zum Verhungern festhalten, wenn man das Futter danach woanders versteckt, halte ich für eine reine Erfindung, um pseudowissenschaftlich die These zu stützen, es sei zielführend, Laien an Entscheidungen über komplizierte Probleme zu beteiligen.
Übertragen wir doch einmal auf Springers Anregung das angebliche Tierexperiment auf das Szenario Stuttgart-21. Dann hätten die Experten beider Seiten Unrecht und müssten von den Laien auf den rechten Weg gebracht werden. In Analogie zu den Fischen müsste man die Laien alle möglichen Problemlösungen praktisch ausprobieren lassen, also sowohl einen Tiefbahnhof als auch einen oberirdischen Durchgangsbahnhof zu bauen, drittens aber auch alles so zu belassen wie es ist. Am Ende erkennen dann auch die Experten im praktischen Betrieb, welches die beste Lösung ist. Im Sinn von Springer wäre diese nicht ganz billige Strategie im besten Sinn demokratisch.
Überhaupt hat Springer ein seltsames, geradezu absurdes Demokratieverständnis. Sonst könnte er nicht wollen, dass die Griechen über die verordneten Sparmaßnahmen abstimmen. Sogar Laien wissen, dass der Ausgang dieser Abstimmung vorhersehbar und keine Lösung des Problems gewesen wäre. Die Frage ist nicht, ob eine Demokratie in einer Welt funktionieren kann, in der nur noch Experten Bescheid wissen, sondern vielmehr, ob nicht die Pflicht, sich zu informieren, dem Recht, seine Meinung zu äußern, zeitlich vorausgehen sollte. Darauf hinzuweisen wäre verdienstvoller als populistisch zu behaupten, die Gesellschaft sei auf Leute angewiesen, die nicht wissen, wovon sie reden. So jedenfalls ist Springers Einwurf unter dem Niveau Ihres Magazins.