Große Themen nimmt sich alljährlich die Embo, die European Molecular Biology Organization, vor. Nach "Time and Aging" 2005 sowie "Genes, brain/mind and behaviour" im vergangenen Jahr folgte jetzt eine Tagung über "The Future of our Species". Ich gehe gerne hin, denn nicht nur liebe ich die großen Themen, die die Menschheit (und deshalb auch mich) bewegen. Auch ist die Veranstaltung mit vielleicht 200 Teilnehmern in relativ kleinem Kreis ausgerichtet, ohne abstruse Parallel-Sessions und Besucherflaute vor schlecht gestalteten Postern. Stattdessen: Superbe Referenten, acht Hauptvorträge in zwei Tagen, dazu Podiumsdiskussionen kompetenter Forscher und deren Kurzpräsentation. So machen Tagungen Spaß – und soviel dazu.

Weniger spaßig sind natürlich die Perspektiven für die Menschheit. Überleben wird sie ja vielleicht, aber wie? In welcher Verfassung, mit welcher Population? Der Virologe Albert Osterhaus aus Rotterdam, ich habe schon einmal im letzten Jahr von ihm berichtet, hat wieder Höllenvisionen an die Wand gemalt. Die nächste große Grippepandemie hat den Erdball noch nicht überflutet, alle warten darauf und arbeitem vor allem am Grippevirus vom Typ H5N1 – dem Typ, der auch die Spanische Grippe von 1918 verursachte.

Aber eine Pandemie kann auch von gänzlich anderer Seite kommen. Es muss, so sagen alle, nicht einmal ein Grippevirus sein. Sars, ein Coronavirus, das ursprünglich in Geflügel heimisch war, durchbrach die Barriere und tötete insgesamt 800 Menschen.

Die Seuche reiste im Flugzeug nach New York

Fast jede Tierseuche wird heute daher argwöhnisch beäugt. Keiner kann ausschließen, dass sich überraschend auch Mutanten von Tierpathogenen bilden, die auf den Menschen überspringen und sich unter ihnen ausbreiten können. Derzeit sterben in Afrika Großaffen an Kinderlähmung, und seit 1999 verbreitet sich in den USA das West-Nil-Virus, das vorher vor allem in Westafrika heimisch war. Wie gelangte es in die USA? Vermutlich über Israel, über einen infizierten Moskito, der im Flugzeug nach New York reiste. Dort gelangte es wohl in die U-Bahn-Schächte, überlebte einen milden Winter und hat heute bereits ganz Nordamerika erreicht. Etwa hundert Menschen sterben daran jährlich allein in den USA. Auch wenn neue Viruserkrankungen heute rascher identifiziert werden als je zuvor, bleibt Osterhaus skeptisch: "Die meisten angeblich neuen Viren in Menschen stammen aus der Tierwelt."

Das ist nicht unser Problem in Deutschland, bis jetzt jedenfalls. Zwar gibt es eingeschworene Verweigerer, die ihre Kinder nicht gegen Masern impfen lassen oder sie gar auf "Masernparties" schicken, damit sie angesteckt werden; fast jährlich führt dies zu lokalen Masernepidemien. Aber in ganz anderen Dimensionen bewegen sich Impfverweigerer etwa in Afrika, wo sich ganze Dörfer weigern, Kinder gegen Kinderlähmung impfen zu lassen. Oder wo Politiker Aids nach wie vor allein mit Enthaltsamkeit oder Gemüse bekämpfen wollen.

Der Gesundheitsexperte Peter Fonkwo aus Kamerun beobachtet zwar einen allmählichen Stimmungswandel; so gibt es etwa in Kamerun seit kurzem eine kostenlose Aidsbehandlung. Aber noch stehen viele Schulen ohne Lehrer da, und die Goldbergwerke verlieren weiter ihre Arbeiter. Und noch immer fördern sexuelle Praktiken wie auch der teuflische Kreislauf von Armut und Prostitution die Ausbreitung der Krankheit.

"Wir sind Eindringlinge in der Welt der Mikroben"

Diesen Problemen überlagert ist die Beobachtung, dass Antiobiotika weltweit immer mehr an Wirkung verlieren. Antibiotikaresistenz ist, so berichtet aus Kanada Julian Davies, zwar keine Krankheit, aber allemal eine gefährliche Pandemie. Um seine Zuhörer einzustimmen, zeigt der Mikrobiologe von der Universität von British Columbia Pieter Brueghel`s Gemälde "Der Triumph des Todes" von 1562, ein Bild voller Elend und Leichen. Eindringlich beschwört auch er eine oft übersehene Tatsache: Wir Menschen sind Eindringlinge in einer Welt der Mikroben. Und da "wir sie töten wollen, wehren sich die Mikroben".

Unser Aufgabe sei, "diese Tatsache zu erkennen und etwas dagegen zu unternehmen". Das ist nicht leicht: Wir brauchen Antibiotika, die die zunehmenden Resistenzen überwinden. "Neue Mittel zu finden, ist extrem aufwändig und teuer." In den Mittelmeerstaaten werden Antibiotika teilweise umsonst verteilt. Daher beobachten nordeuropäische Ärzte, wenn die alljährliche Urlaubssaison vorbei ist, vermehrt Patienten mit höherer Antibiotikaresistenz. Diese Resistenzen sind unvermeidlich, doch weil wir Antibiotika nach wie vor zu häufig einsetzen, verlieren wir die Waffen gegen diese Erreger.

Reinhard Breuer,
Chefredakteur