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Magazin | 20.03.2008

Editorial

Klimapläne fernab der Realität

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Spektrum der Wissenschaft Digital

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aus Spektrum der Wissenschaft April 2008

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  • Klimapläne fernab der Realität

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Lesermeinung

  • 1. Wie geht analytisch?

    01.04.2008, Bernhard Becker Neudorfer Markt 9 57057 Duisburg
    Sehr geehrter Herr Breuer,
    Sie schreiben im Editorial 4/08 über einen von Ihnen geschätzten Klimaforscher: “Kleinknecht nähert sich dem Problem nicht ideologisch, sondern analytisch“, und ich frage mich, wie das überhaupt gehen soll. Es gibt zwar bei Kant die Unterscheidung analytisch/synthetisch, die aber seit Quine (1951) als „unempirisches Dogma“ gilt, sodass Sie vermutlich eher damit meinen, Kleinknecht beziehe sich ausschließlich auf (einige von unendlich vielen!) Fakten, deren empirische Existenz für alle Beobachter unbestreitbar ist. Nur – tut das nicht z.B. auch Wolfgang Behringer in seiner „Kulturgeschichte des Klimas“? Und ist es nicht so, dass aus Sicht der heutigen Kognitionswissenschaft sich auch „Fakten“ erst als Ergebnis kontingenter (auch anders möglicher) Unterscheidungen ergeben, bei Bedarf also jeder jeden einen „Ideologen“ nennen könnte? Somit ergeben sich jedoch nicht weiter dekomponierbare Letztelemente, auf die man sich „analytisch“ beziehen könnte, keinesfalls „ontologisch“ für alle Beobachter, sodass die Forderung Platons, die Natur müsse an ihren „Gelenken“ zergliedert werden, leider unerfüllbar bleibt – es sei denn, man hätte gerade den „masterplan“ Gottes zur Hand.
    Vielleicht könnte man sich darauf einigen, dass die Verwendung des Prädikats „analytisch“ außerhalb der Mathematik heute wenig Sinn macht, und im Übrigen auch für Klimaforscher nach wie vor der Satz des Aristoteles gilt, dass Aussagen über die Zukunft nur in der Möglichkeitsform möglich sind.
  • 2. AKW-Laufzeitverlängerung ist nur eine Option

    13.04.2008, Peter Silberg, Dortmund
    Vielen Aussagen von Prof. Kleinknecht kann ich uneingeschränkt zustimmen. So ist der Bau neuer Kohlekraftwerke, wenn auch mit höherem Wirkungsgrad als die bestehenden Altanlagen, kontraproduktiv im Hinblick auf die Erreichung der Klimaschutzziele der Bundesregierung. Auch die vielfach diskutierte Abscheidung und Sequestrierung des in den fossilen Kraftwerken produzierten Kohlendioxids wird mittelfristig (bis ca. 2020 - 2030) das Problem nicht entschärfen.
    Doch wie lassen sich die ehrgeizigen Reduktionsziele für CO2 erreichen? Ist die Laufzeitverlängerung der bestehenden Atomkraftwerke wirklich die Lösung? Gewiss ließen sich kurzfristig Treibhausgasemissionen vermeiden, sollten die Laufzeiten verlängert werden. Doch stellen sich - neben der Entsorgungsfrage für den radioaktiven Abfall - diverse Fragen zur praktischen Umsetzung: Wie lange sollen die Laufzeiten verlängert werden? Wie passt eine Laufzeitverlängerung in das Bild einer erhöhten Bedrohung durch internationale Terrorgruppierungen, wie hoch werden die Versicherungsprämien ausfallen? Wie bekommt man das Problem der Reaktorkühlung in den Griff, wenn die Sommer immer heißer und die Flusspegel niedriger werden? Wie hoch werden die Instandhaltungskosten sein, wenn die Laufzeiten um 10 bis 20 Jahre verlängert werden? Was passiert mit den steuerfreien Rückstellungen für den Rückbau der AKW, derzeit immerhin ca. 40 Mrd. EUR?
    Und eine wesentliche Frage, wenn es darum geht, die Laufzeitverlängerung der AKWs zum verstärkten Ausbau der Erneuerbaren Energien zu nutzen: welche Summe werden die Betreiber wohl bereit sein, zu "spenden"? Welche Kosten werden sie für den Betrieb veranschlagen, welchen Gewinn werden die Betreiber öffentlich eingestehen?

    Die von Prof. Kleinknecht aufgezeigten Szenarien stellen nur einen kleinen Ausschnitt der Möglichkeiten zur CO2-Minderung im Stromerzeugungssektor dar. Leider wurde in seinem Artikel mit keinem Wort die dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung erwähnt, deren Ausbau gemäß der Beschlüsse von Merseburg von derzeit ca. 12 % auf ca. 25 % bis 2020 angestrebt wird. Hier schlummert ein beträchtliches Potential zur Treibhausgasreduktion, zumal aktuell Mini-BHKW im Leistungsbereich von ca. 1kW el. auf Basis von Stirling- und konventionellen Verbrennungsmotoren kurz vor der Markteinführung stehen, die großflächig und verbrauchernah Strom und Wärme mit hohem Wirkungsgrad produzieren können.

    Ein wesentlicher Punkt wird sein, ob die zukünftige Stromerzeugung weiterhin zentral oder dezentral strukturiert sein wird. Hier spielt die Ertüchtigung des deutschen und europäischen Stromnetzes auch im Hinblick auf den verstärkten Ausbau dezentraler Energien die zentrale Rolle. Der Transport von Strom aus Kraftwerken, die mit Hilfe von Sonne, Wind, Wasser und Biomasse über ganz Europa verteilt Strom erzeugen, ist keine Zukunftsmusik. Die derzeit in Angriff genommenen großen Windpark- und Parabolrinnenkraftwerksprojekte in Südeuropa belegen dies. Bei steigenden Strompreisen wird die ohnehin degressiv angelegte Förderung der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien weiter sinken und diese Technologien schnell konkurrenzfähig machen. Der Autor verweist mit Recht auf die Förderung Erneuerbarer Energien, leider fehlt im Beitrag ein Vergleich mit den Subventionen der fossilen und atomaren Kraftwerke.

    Wenn ich die Ausage von Prof. Kleinknecht bzgl. der Bedeutung regenerativer Energieerzeugung bis 2050 richtig interpretiere, ist der Neubau von AKW mittelfristig erforderlich, da Laufzeitzerlängerungen von 40 Jahren wohl kaum realistisch sind.

    Meines Erachtens ist nur die Nutzung aller verschiedenen Emissionsminderungsoptionen geeignet, um die anvisierten Klimaschutzziele zu erreichen. Die Laufzeitverlängerung der bestehenden AKW ist nicht der Königsweg. Erheblich verstärkte Anstrengungen in den Bereichen Energieeffizienz und erneuerbare Energien sind gesellschaftlich akzeptiert und damit zielführender. Hier ist neben der Energiewirtschaft jeder einzelne gefordert, sich klimabewusst zu verhalten.
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