Seit Langem warnen viele Wissenschaftler vor den negativen Folgen des übermäßigen Einsatzes von Biomasse als Energieträger – darunter Klimatologen, Ökologen und auch ein Nobelpreisträger für Chemie. Dennoch setzt die nationale und europäische Politik weiterhin auf Strom aus Biogas oder Agrarkraftstoffen als vermeintlich saubere alternative Energiequelle, die einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels leisten könne. Bis 2020 sollen nach dem Willen der Europäischen Union beispielsweise zehn Prozent des Treibstoffs für Transportzwecke aus Biomasse stammen. Die Bundesregierung steuert sogar ein noch ambitionierteres Ziel an: 16 Prozent des deutschen Strom-, 10 Prozent des Wärme- und 12 Prozent des Kraftstoffbedarfs sollen dann vom Acker kommen.
Diesem Ansinnen hat nun die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina – zu deren zentraler Aufgabe die Beratung von Politik und Gesellschaft in Deutschland gehört – eine deftige Abfuhr erteilt: Die 20 an der Erstellung des Gutachtens beteiligten Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, "dass Bioenergie als nachhaltige Energiequelle für Deutschland heute und in Zukunft keinen quantitativ wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten kann." Will die Bundesrepublik ihre Klimaschutzziele erreichen, müsse sie sich auf andere Alternativen wie Fotovoltaik, Windkraft oder Solarthermie konzentrieren.
Zur Begründung verweisen die Forscher auf die altbekannten, schon häufig vorgetragenen Schwächen der Bioenergie: Sie verbrauche mehr Fläche und sei häufig mit höheren Treibhausgasemissionen und Umweltbeeinträchtigungen verbunden; zudem konkurriere sie potenziell mit der Herstellung von Nahrungsmitteln – Argumente, die immer wieder nicht nur von Naturschützern oder Entwicklungshilfeorganisationen vorgetragen, sondern auch in zahlreichen Studien bereits wissenschaftlich belegt wurden. Die Stärke der Leopoldina-Stellungnahme liegt deshalb in ihren Berechnungen für Deutschland.
So ernten unsere Landwirte jährlich mehr als 50 Millionen Tonnen Biomasse von den Feldern und Wiesen, von denen wiederum 90 Prozent direkt oder indirekt auf unseren Tellern oder in industriellen Produkten landen. Nur etwa zehn Prozent stehen für die Energieerzeugung zur Verfügung, deren Brennwert letztlich sogar nur 1,5 Prozent unseres jährlichen Primärenergiebedarfs deckt. Dazu kommen weitere drei Millionen Tonnen Stroh, die weniger als ein Prozent des Primärenergiebedarfs liefern können. Hier lebt Europa zudem von seiner Substanz, denn eigentlich müsste das Material auf dem Feld bleiben, um die dortigen Kohlenstoffverluste (Humus) auszugleichen: Laut den Sachverständigen verlieren die europäischen Ackerböden im Durchschnitt seit geraumer Zeit jährlich etwa drei Prozent ihres Kohlenstoffs – sie laugen also aus.
Um den hiesigen Bedarf an Futter- und Energiepflanzen – etwa Soja, Palmöl oder Mais – zu decken, sind die europäischen Länder zunehmend auf Importe angewiesen: Sie betragen schon dreißig Prozent der einheimischen Nettoprimärproduktion. Diese Einfuhren exportieren die Risiken, die mit der intensiven Landwirtschaft verbunden sind: Raubbau an Naturgebieten, Auslaugung und Erosion der Böden. Zudem erhöhen sich die Risiken für Hungerkrisen und Unruhen, wenn Lebensmittelpreise steigen, weil der europäische (und nordamerikanische) Markt die landwirtschaftliche Produktion absaugt. Die Leopoldina folgert daraus: "Die meisten Netto-Importe stehen im Zusammenhang mit Nutztierfütterung. Wenn weniger heimische Biomasse für energetische Zwecke genutzt würde, wären weniger Importe nötig."
Eine Ausweitung des Anbaus in Deutschland sieht die Akademie zudem ebenfalls als "ökologisch fragwürdig", da damit meist eine Intensivierung der Landwirtschaft einhergeht: Lebensräume für einheimische Arten der Kulturlandschaft, die ohnehin bereits unter dem immensen Nutzungsdruck der industrialisierten Produktion leiden, werden dadurch zerstört und die betroffenen Tiere und Pflanze weiter an den Rand gedrängt. Bereits heute ist das geschätzte Bild des ländlichen Raums mit seinen Wiesen, Feldern, Hecken und Rainen regional in Gefahr, da sich zunehmend "Maiswüsten" ausbreiten. Zudem bedingt diese Entwicklung, dass verstärkt Treibhausgase freigesetzt werden: Dauergrünland speichert mehr Kohlendioxid als Äcker, wird es umgebrochen, entweicht das CO2. Über den eingesetzten, nötigen Stickstoffdünger entweichen zudem große Mengen an Lachgas in die Atmosphäre, dessen Treibhauspotenzial 300 Mal größer ist als das von Kohlendioxid.
Die Leopoldina folgert daraus, dass sich die "Förderung von Bioenergie auf Formen beschränken sollte, die weder zur Verknappung von Nahrungsmitteln führen noch deren Preise durch Wettbewerb um Land und Wasser in die Höhe treiben. Darüber hinaus sollten diese Formen von Bioenergie keinen größeren negativen Einfluss auf Ökosysteme und Biodiversität haben, und eine substanziell bessere Treibhausgasbilanz aufweisen als die fossile Energie, die sie ersetzen. Auch gilt es, die gesamte Breite der wertvollen Dienste zu respektieren, die Ökosysteme für die Öffentlichkeit leisten. Bei Importen von Biomasse oder Biomasseprodukten sind auch all diese Aspekte zu berücksichtigen, da Importe die Probleme nicht beheben, sondern nur in andere Länder verlagern." In diesem Sinne lehnt die Akademie vor allem den von der Politik stark geförderten Biodiesel und das Bioethanol ab – Stichwort E10 –, deren ökologische Bilanz verheerend ausfällt. Ihre Verwendung ist für Deutschland "nicht zu empfehlen". Als ökologisch nachhaltige Ausnahme lassen die Forscher nur eine Form der Energiegewinnung aus Biomasse zu: aus Mist, Gülle, Pflanzenreststoffen (etwa aus der Holz- und Papierindustrie) sowie Lebensmittelabfällen.
Die Politik sollte nun also endlich aus dieser neuesten Ohrfeige lernen: Bioenergie, wie sie heute und mittelfristig erzeugt wird, verursacht mehr Schaden als Nutzen. Sie zerstört Landschaften und Ökosysteme, belastet das Klima und beansprucht Ackerland, das eigentlich die wachsende Weltbevölkerung ernähren müsste. Es ist an der Zeit, endlich diesen Nonsens mit grünem Feigenblatt zu beenden!


Der Autor ist Redaktionsleiter von Spektrum.de. 
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1. Zustimmung
27.07.2012, Wolfgang Zeitler2. Gegen Wunder und Illusionen
27.07.2012, howetzelBiomasse ist speicherbar, aber ihr begrenztes Potenzial wird nicht ausreichen, das mit den fluktuierenden Einspeisern notwendige Speichervolumen zu erreichen. Über diese Problem darf nicht nur geredet werden!
3. alternatives Biogas
27.07.2012, Dr.Hans-Joachim Scheel4. Ohrfeige
27.07.2012, Fritz Kronberg5. Bitte informieren aus mehreren Quellen
27.07.2012, Casimir Blumentopf6. Fehlende Objektivität führt zu Fehlentscheidungen
28.07.2012, BieskiWir sollten sehr vorsichtig sein, wenn wir schnell und hastig eingefahrene Bahnen verlassen und grundlegende Dinge urplötzlich verändern. Bei der einst so gepriesenen Anwendung der Kernenergie wurden ja auch aus Euphorie die Risiken und Nachteile nicht genügend beachtet.
Jede Technik hat ihre Vorteile, Nachteile und Risiken. Erst eine möglichst objektive Analyse
und Abwägung einer längeren Nutzung kann die Vorteile verbessern, die Nachteile und Risiken mindern, oder schlimmsten Falls die Anwendung ganz aussetzen. Dazu ist immer aber Zeit, Objektivität und letztendlich auch die Überzeugung der Menschen erforderlich.
Die von der Leopoldina beklagte Fehlentwicklung bei Bioenergien weist den Weg zu einer gewissen Objektivität. Aber Lobbyisten und Ideologen sind da ganz fehl am Platze und per Dekret wird es fast immer in einem Desaster enden.
Der im Lesebrief 5. zitierte Herr Hans- Josef Fell ist, entsprechend seinen Ausführungen, ja wohl auch einer derjenigen, die den Fortschritt der Welt wahrscheinlich auch nur aus einer Ideologie heraus und mit der bekannten grünen Brille sehen. Ideologie und Lobbyarbeit ist nur schwer zu übersehen. Leider lassen sich viele Menschen von der Sehnsucht nach einer schönen grünen Welt dadurch verleiten, die schweren Probleme der ganzen Menschheit einfach zu ignorieren. Wir haben das Glück jeden Tag satt zu werden und uns zusätzlich unnötige Delikatessen zu leisten. Gutes Trinkwasser vorwiegend zur Hygiene und vielen weiteren Verrichtungen zu vergeuden. Wir leben oft in guten städtischen Quartieren oder Häusern. Gut beheizt, klimatisiert und hervorragend energietechnisch versorgt. Großzügige Straßenbeleuchtung und viel Energieaufwand für Werbung und Spaß wird erwartet. Trotz großzügiger Verkehrsbedingungen leisten wir uns das Vergnügen vieler fragwürdiger Autofahrten. Fliegen wenn möglich mehrmals im Jahr nur zum eigenen Vergnügen. Richtig gesehen sind wir Nahrungs- und Energievergeuder, die sich zum schlimmen Nachteil großer Teile der Menschheit parasitär verhalten. Die Welt mit ihrer zunehmenden Menschheit, dem vorhandenen Hunger auf lebensnotwendige Nahrung und Energie ist längst noch nicht soweit, schönen grünen Ideen den Vorrang einzuräumen zu können. Das sollten auch die grünen Ideologen und Lobbyisten endlich erkennen und nicht versuchen die Menschen von den tatsächlichen Problemen dieser Welt fernzuhalten.
7. Synthetische Biologie!
29.07.2012, Tim8. Differenzierter titeln
30.07.2012, van Rensen9. Energiewende Noch eine Ohrfeige für die Politik
30.07.2012, S.G. MaierGerade hier im Steigerwald mit relativ engen Tälern, vielen Hanglagen und kleinen Parzellen tut die intensive Bewirtschaftung mit immer größer werdenden Maschinen überhaupt nicht gut. Diese werden zumeist von Maschinenringen, Lohnunternehmern und Ganzgroßbauern gehalten. Moderne Traktoren haben um die 300 PS oder mehr, sind haushoch, ebenso teuer und so breit, dass sie kaum noch auf die schmalen Verkehrswege passen - von ihrem Gewicht und den dadurch entstehenden Schäden an Hängen, Straßen und Brücken ganz zu schweigen.
Gegen den Brummton, den ihre über 2 Meter hohen Hinterräder bei 50 Sachen auf der Straße verursachen, gibt es keine Isolierglasfenster. Man hört sie schon kilometerweit wie vorrückende Panzertruppen. Das ganze Haus vibriert. Könnte das Schäden verursachen? Ja sicher doch, aber bestimmt nicht in Berlin. Auf der Wiese mähen sie mit 3 Mähwerken, einem vorderen und zwei seitlichen. Hecken stören da eigentlich nur, also werden die von den eifersüchtig flächenhungrigen Besitzern oder Pächtern gerne entfernt, ebenso wie auch Bäume am Feldrand. Die Arbeitsbreite von 8 Metern wird mit hoher Geschwindigkeit gefahren, so dass Hase und Igel, Reh, Rebhuhn oder Lerche keine Chance auf Flucht mehr haben.
Aber was soll's - das alles frisst nicht die Kuh, die ja ebenfalls kein ethisches Problem damit hat, nein, das kommt in den großen Topf, der von Steuer- und Stromzahlern subventioniert wird. Ursprünglich waren Biogasanlagen für solche Großbetriebe gedacht, die Gülle und Schlachtvieh in Massenhaltung produzierten, hauptsächlich mit zugekauftem Futter mästeten und selbst zu wenig Land für den Rückstrom der Gülle besaßen. Mit dieser Argumentation wurden die Anlagen durchgesetzt, ziehen aber jetzt immer größere Kreise. Vor allem Raps und Mais als Dauerkultur oder Folgekultur von Grünroggen (wird im Frühling noch grün gehäckselt, sobald er gefruchtet hat) ist der Standard - zwei Ernten pro Saison vom selben Boden - noch. Wie der das aushält, mitsamt der Verdichtung durch schweres Gerät?
Sicher nicht lange, typischerweise fließt er bei Starkregen den Hang herab und dann weiter in die Nordsee. Wattwandern hat Zukunft. Vielleicht schon bald werden wir deshalb auch noch das Futter für die Biogasanlagen in Brasilien, Argentinien oder Kenia kaufen müssen. Keine Bienen heuer? Sicher nur wegen der bösen Varroamilbe.
Die mit grünen Subventionen gepäppelten Biogas-Ganzgroßbauern werden als Einzige in dem derzeitigen Rationalisierungswettlauf der Landwirtschaft bestehen können. Wir alle müssen deren teuren Strom kaufen, weil wir dazu zwangssolidarisiert wurden. Sie verkaufen auch Fernwärme an umliegende Ortschaften, wo diese sich dazu bereit erklärten. Sie haben wie keine andere Branche eine Abnahmegarantie für die nächsten Jahrzehnte. Dafür kaufen und pachten sie kurzerhand die ganze Umgebung zusammen. Schließlich haben ihre Anlagen einen gigantischen Appetit. Als wohlhabende und einflussreiche Unternehmer, als Basis eines sich neu entwickelnden, Großgrund besitzenden Landadels werden sie "unsere" Politiker in einseitiger Orientierung unterstützen und festhalten. Grün und Öko sind da nur noch Aushängeschilde, mehr nicht. Trostpflaster und Opium fürs ökogläubige Volk.
Wie grün ist der Vergärungsrest, wenn er schwarz und nach faulen Eiern stinkend als Gülle auf den Acker kommt? Welche Bodenorganismen sind dieser Giftjauche gewachsen? Dieselbe Pampe findet man auch auf dem toten Boden der Ostsee. Wenn man sieht, zu welcher Perversion ihrer Selbst die grüne Politik letztlich geworden ist, könnte man in Verzweiflung versinken. Aber Berlin und Brüssel sind weit, und vom Flieger betrachtet erscheint doch das Land wie immer, nicht wahr? Aber, aber, übertreiben sie nicht etwas, mein Herr?
Urban Gardening sei im Kommen, heißt es? Sehr zurecht! Bitteschön: Wenn irgendeine Katastrophe hier in Deutschland Hungersnöte verursachen sollte, brauchte schon mal kein Städter mehr zum Betteln oder Tauschen aufs Land zu kommen, so wie nach dem letzten Krieg noch. Es gibt bereits jetzt kaum mehr Lebensmittel auf dem Acker - obwohl, Raps schmeckt bestimmt wie Kohl und Mais liegt voll im Trend. Ich stelle mir gerade vor, wie im Wilden Westen schwingt sich einer auf den 4 Meter hohen Hänger mit dem Maishäcksel, wie auf eine Wells Fargo Kutsche im Film und schaufelt den Häcksel um die Wette auf seine Kollegen von der Motorradgang herunter, die ihn mit umgebauten Regenschirmen einfangen - oder so. Und die Enttäuschung dann, wenn es sich nur um Elefantengras handelt. Ätsch.
Andererseits hätte ein zum Erliegenkommen des Verkehrs zwischen Stadt und Land den Vorteil eines schmalen CO2-Fußes. Aber es würde sich dennoch lohnen, hungrig, frierend und mit leeren Akkus zu erscheinen: die könnten dann geladen werden, während man sich neben dem BHKW aufwärmen darf und dabei von besseren Zeiten träumen... für den Schmuck der Großmutter, vielleicht.
Mahlzeit!