Die überwiegende Mehrheit der Deutschen ist für die Energiewende weg von den fossilen Brennstoffen und vor allem von der Kernkraft hin zu den Erneuerbaren, die auf Wind, Wasser und Sonne basieren. Will man der Umfrage eines der größten deutschen Ökostromanbieters trauen, sind sogar 87 Prozent der Bundesbürger überzeugt davon, dass diese Wende gelingen kann. Und ein Großteil davon ist wohl auch bereit, dafür höhere Kosten zu tragen.
Doch nun mahnt der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) in einem Artikel der "Frankfurter Rundschau" vor einer Kostenexplosion ausgerechnet durch eine der Säulen der Energiewende: die Offshore-Windkraft – also jene riesigen Windräderparks in Nord- und Ostsee, in denen nach dem Willen der Politik bis 2030 etwa 25 Gigawatt Leistung installiert sein sollen. Um das zu erreichen, fließen gegenwärtig reichlich Subventionen in die Sparte: 19 Cent pro Kilowattstunde soll es in den ersten Betriebsjahren an Vergütung geben, für den Aufbau bewilligt die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) günstige Finanzierungskonditionen für Milliardenbeiträge.
Gegen diese Gelder erhebt sich nun Widerstand, denn sie machen den Strom für die Verbraucher teurer. Stattdessen solle man doch die Offshore-Pläne der Bundesregierung zusammenstreichen: Statt der veranschlagten zehn Gigawatt bis 2020 genügten drei Gigawatt, so der VZBV. In der Tat stellen Aufbau, Betrieb und Wartung von Offshore-Windparks die beteiligten Unternehmen vor große technische und infrastrukturelle Herausforderungen: Aggressives Meersalz greift Turbinen und Masten an und lässt sie schneller korrodieren, Serviceteams können nicht mal eben rausfahren und auf die Schnelle technische Probleme beheben, es fehlt offenbar an Spezialschiffen für die Konstruktion und Wartung, und der Strom muss über Bodenkabel an Land gebracht und dort verteilt werden. Zudem mahnen Energieversorger schon seit Jahren, dass Überlandleitungen fehlen, um den an den Küsten produzierten Strom zu den großen Verbraucherzentren in Süddeutschland zu transportieren.
Alle diese Faktoren sind kostentreibend und lassen sich zum Teil nur langsam durch den technologischen Fortschritt in den Griff bekommen. Sie werden aber durch einige Vorteile mehr als aufgewogen: Im Gegensatz etwa zum Binnenland weht hier der Wind fast das ganze Jahr über gleichmäßig und ausdauernd. Eine Studie der Europäischen Umweltbehörde EEA errechnete – unter sehr konservativen Vorgaben – ein Potenzial von EU-weit 2600 Terawattstunden, konzentriert auf die Meeresgebiete der Nordsee und des Nordatlantiks. Zum Vergleich: Deutschlands gesamte Bruttostromerzeugung belief sich 2011 auf etwas mehr als 600 Terawattstunden. Verschiedene Umweltverträglichkeitsstudien zeigten außerdem bereits, dass die Anlagen der Tierwelt entweder kaum schaden, weil Vögel sie umfliegen, oder sogar nutzen, da Fischer die Parks meiden.
Ganz anders stellt sich die Situation mittlerweile an Land dar: Viele Bürger beklagen sich über die "Verspargelung der Landschaft", seltene Arten leiden, weil sie Opfer der Rotoren werden – Windräder stehen auf dem Festland in Bereichen guter Thermik, die eben auch von Großvögeln genutzt werden –, und die Errichtung der Anlagen verbraucht land- oder forstwirtschaftliche Nutzflächen. Eine deutliche Ausweitung der Windkraft an Land dürfte also auch zukünftig auf Protest, Kritik und Ablehnung stoßen.
Um die Energiewende voranzutreiben, führt also kein Weg am Ausbau der Offshore-Windparks vorbei, auch wenn dies mit entsprechenden Investitionen verbunden ist. Um diese Kosten zu senken und den Arbeitsaufwand zu minimieren, gilt es daher, die Anstrengungen auf hoher See stärker zu bündeln. Die bisher genehmigten Anlagen verteilen sich einem Flickenteppich gleich über die Deutsche Bucht – entsprechend viele Leitungen mit ihren Umspanneinrichtungen müssen verlegt und installiert werden. Hier muss bei zukünftigen Genehmigungsverfahren angesetzt und entsprechend steuernd eingegriffen werden. Andere Schwierigkeiten lösen sich im Zuge des Ausbaus bereits von selbst: So steigt die Zahl der benötigten Errichterschiffe stetig, und mehr Häfen stellen die Infrastruktur für die Windanlagenbauer zur Verfügung. Mit zunehmendem Wettbewerb sinken die Preise, was dann aber auch entsprechend zum Subventionsabbau führen muss. Wenn man dies den Bürgern transparent aufzeigt und erklärt, steht sicherlich die Mehrheit weiterhin hinter der Offshore-Windkraft: Politik und Erzeuger müssen diese Ehrlichkeit nur wagen.


Der Autor ist Redaktionsleiter von Spektrum.de. 
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1. Deutschland wird erpressbar
26.04.2012, Prof. Dr.-Ing. Helmut AltAuch sind die noch zu bauenden 4000 Kilometer Höchstspannungsleitungen nur erforderlich, wenn der Wind stark weht. Insgesamt mit den Kosten der Gaskraftwerke und dem zusätzlichen Gasbezug eine Verteuerung der Stromerzeugung, die das wirtschaftliche Abseits bis zur Deindustrialisierung Deutschlands bedeutet, eine unverantwortliche Politik zum Schaden des gesamten Volkes.
2. Deutschland IST erpressbar
26.04.2012, Jutta PaulusWarum wohl subventioniert China massiv Wind- und Solarindustrie? Die Firmen erhalten Kredite zu 0,5 Prozent - und werden zusätzlich durch unser EEG gefördert. Warum dürfen nur die USA Importzölle auf chinesische Solarmodule erheben? Unser Wirtschaftsminister ist hier leider nicht gut informiert, sonst sähe seine Politik anders aus.
Die Windkrafterzeugung offshore ist ca. doppelt so teuer wie onshore, zumindest zur Zeit. Was spricht dagegen, die mittlerweile ausgereifte Technik der Windkraftnutzung an Land vorrangig einzusetzen und die offshore-Erzeugung so auszubauen, wie es aus Kosten-Nutzen-Sicht sinnvoll ist? Schließlich können die "Spargel" relativ (verglichen mit AKW) problemlos wieder rückgebaut werden, wenn man sie nicht mehr braucht. Noch dazu ist der Artikel nicht auf dem neuesten Stand, was die Umweltverträglichkeit der Windanlagen angeht.
Auch Naturschützer haben begriffen, dass man Kompromisse machen muss - und es ist nicht etwa so, als hätten wir nicht ausreichend windhöffige Flächen an Land, die weder Natur- noch Vogelschutzgebiet sind. Übrigens: die Bodenbrüter, die überdurchschnittlich stark auf der Roten Liste vertreten sind, siedeln sich gerne bei Windkraftanlagen an, weil dort die Bussarde nicht fliegen...Die Anzahl der durch Windkraft getöteten Vögel liegt um den Faktor 10 unterhalb der Autoverkehrsopfer.
Last but not least: Es wäre zu prüfen, ob nicht eine vermehrte Forschung an Speichertechnologien sowohl den teuren Leitungsbau überflüssig machen, als auch das "Wetterproblem" verkleinern könnte. Und weder im Artikel, noch im Kommentar findet sich ein Wort zum Thema Methanisierung: bevor man Wind- oder Photovoltaikanlagen abregelt, lieber mittels Elektrolyse und Sabatier-Verfahren Methan erzeugen und dieses ins Erdgasnetz schieben. Ein Wirkungsgrad von (z.Zt.) ca. 50 Prozent (bei Re-Verstromung) ist immer noch besser als Abregelung auf Null!
Ich sehe in der massiven Förderung der offshore-Winderzeugung nur einen Sinn:
Das Monopol der "großen Vier" soll erhalten bleiben. Denn solange Vattenfall, EnBW, EoN und RWE jederzeit drohen können, Deutschland den Strom abzustellen, wird die Politik sich hüten, ihnen zu nahe zu treten.
Wie war das mit der Erpressbarkeit?
3. Pardoxen über Paradoxen
26.04.2012, UliDer Wind auf dem Meer weht viel öfter und stärker als an Land, aber diese Förderung soll gekürzt werden.
Die Bürger wehren sich gegen Windräder an Land, weil diese die Landschaft verunstalten und Vögel sterben. Aber sterben an Windrädern auf dem Meer weniger Vögel oder sehen sie deshalb besser aus? Nein, aber sie sind ja weit genug weg, damit man sie nicht sieht!
Ich würde sagen der VZBV hat sich hier entweder völlig vergaloppiert oder es handelt sich in Wirklichkeit um eine Interessenvertretung der Salon-Ökos.
4. Die Erpresser nutzen immer die Schwachpunkte anderer. Aber wir machen leider mit.
27.04.2012, BieskiEs geht nicht um Umwelt, Natur, Klima usw., sondern nur um die Gewinnung von Vorteilen.
Die Nutzung der Windkraft ist derzeit Offshore noch genau so unsinnig wie Onshore. Die Struktur unserer Energienetze, Strom und Gas, entsprechen einfach absolut nicht den sich aus der geforderten Energiewende ergebenden Anforderungen. Bei Solaranlagen in unseren Breiten wird die Sache einer echten Rentabilität noch ungünstiger. Zusätzlich wird die Situation durch den derzeitigen Wildwuchs derartiger Anlagen völlig unübersichtlich. Eine umfassende und sehr kostenaufwändige Neustrukturierung der in fast einem Jahrhundert organisch gewachsenen Netze mit erheblichen zusätzlichen Eingriffen in die Umwelt, wären zu einer weiteren sicheren und rentablen Versorgung erforderlich. Sogar die Verlagerung von Großabnehmern wäre mit einzubeziehen.
Das braucht viel detaillierte Vorbereitung und Ausführungszeit und eine ordentliche Kostenplanung. Daher ist ein schnelles Absinken der bereits erfolgten und noch anstehenden weit überhöhten Energiepreise auf einen marktgerechten Preis noch sehr lange unwahrscheinlich. Schon allein das schwächt den Industriestandort Deutschland. Auch wenn seitens der Politik dem Privatabnehmer der größte Teil der sich ergebenden Kostensteigerung übertragen wird, werden größere volkswirtschaftliche Auswirkungen unvermeidlich.
Weiterhin ist es keineswegs absolut sicher, ob diese nunmehr vor allen von Deutschland vorgesehene jetzige Form neuer Energiegewinnung, die einzig Zukunftsfähige bleibt. Ob dann eine Netzstrukturierung nicht ganz anderen Prämissen unterliegen müsste, bleibt zumindest offen. Solche total die Struktur verändernden Vorgänge bedürfen zumindest langfristiger und konkreter Vorbereitung, bevor sie umgesetzt werden. Allein mit Hauruck muss das schief gehen und dann werden wir vielleicht beim Strombezug aus anderen Ländern wieder erpresst.
Hier zumindest sehe ich derzeit keine wirklich den Forderungen der Zukunft entsprechende Vorgaben. Übrigens die Energieversorgermonopole machen jeden Unsinn mit, solange sie die Kosten dafür auf die Allgemeinheit übertragen können, die Abhängigkeit der Verbraucher erhalten bleibt und ihr Gewinn nicht geschmälert wird. Dafür hat die ja Politik bereits gesorgt und neue industrielle Fertigungszweige, werden sich immer als fortschrittlicher verkaufen.