Gehirn und Geist 11/2013
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Stress ist ungesund. Er beeinträchtigt nicht nur Psyche und Herz-Kreislauf-System, sondern verändert auch das Erbgut unserer Zellen. Diese bislang wenig beachtete biochemische Folge von Stress wird unser Gesundheitssystem zunehmend belasten, warnen zwei führende amerikanische Wissenschaftlerinnen in der neuen Ausgabe des Psychologiemagazins "Gehirn und Geist" (11/2013).

Elizabeth Blackburn von der University of California in San Francisco erhielt 2009 den Medizinnobelpreis für ihre Arbeiten über die Struktur so genannter Telomere. Dabei handelt es sich um die Endstücke der Chromosomen, von denen bei jeder Zellteilung ein kleines Stück verloren geht. Durch diesen Verlust altern die Zellen, bis sie sich nicht mehr vermehren können.

Wie Blackburn zusammen mit ihrer Kollegin Elissa Epel herausfand, können psychische Belastungen und traumatische Erfahrungen durch Gewalt, Missbrauch oder Armut diese "Schutzkappen" des Erbguts zusätzlich verkürzen. Das steigert wiederum das Risiko für lebensbedrohliche Krankheiten wie Krebs und lässt die Betroffenen schneller altern. Besonders stark gestresste Mütter, die beispielsweise ein chronisch krankes Kind pflegen mussten, alterten dadurch um mehr als zehn Jahre.

Noch schlimmer trifft es Kinder. Je mehr belastende Erfahrungen wie Misshandlungen oder durch Scheidung, Arbeitslosigkeit und Drogenabhängigkeit der Eltern sie durchmachen mussten, um so kürzer sind ihre Telomere auch später als Erwachsene. Der in der Kindheit erlittene Stress hallt somit noch im Erwachsenenalter nach.

Blackburn und Epel fordern daher Programme zur Stressreduzierung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dabei könnten Telomere als Indikatoren für die Unbill des Lebens eine wichtige Rolle spielen.