Essay: Philosophie
Philosophieren in der Krise
Die Unsicherheit ist groß, zumal in der Wirtschaftskrise. Naturwissenschaft häuft immer neue Entdeckungen an, auch die wollen interpretiert werden. Wer kann uns Wege durch schwierige Zeiten weisen? Wir fragten den Philosophen Carl Friedrich Gethmann.
Prof. Carl Friedrich Gethmann: Der Mensch ist das Wesen, das immer in der Krise lebt. Friedrich Nietzsche nennt ihn "das nicht festgestellte Tier". Darum besteht unablässig Orientierungsbedarf. In der Regel gelingt es, das Krisenbewusstsein zu verdrängen. Die aktuelle Wirtschaftskrise findet derzeit vor allem in den Nachrichten statt, wird aber von den meisten kaum konkret am eigenen Leib erfahren. Die Leute ändern ihr Konsumverhalten nicht – eher wird sogar mehr konsumiert als vor ein, zwei Jahren. Jeder sagt: Ja, wir


Das Gespräch führten Michael
Springer, freier Redakteur bei
"Spektrum der Wissenschaft", und
Chefredakteur Reinhard Breuer.
abrufen





RELATIV EINFACH |
Go for Launch |
WILD DUECK BLOG |
Gute Geschäfte |
Anatomisches Allerlei |
Umweltforsch |
Himmelslichter |
Robotergesetze |
Natur des Glaubens |
Fischblog |
Mente et Malleo | 






1. Lernen in der Krise
27.07.2009, Dr. Guido Poliwoda, Bernich fand in Ihrem Interview "Philosophieren in der Krise" sehr interessante Aspekte, besonders, dass Verlangsamung ein gutes Rezept sei, "um die Rationalität von kollektiven Entscheidungen zu erhöhen".
Leider beginnt die Befragung mit Ihrer Antwort, dass der Mensch permanent in der Krise lebe. Diese Ansicht kann ich nicht teilen, wie sollte er dann tiefes Glück empfinden können? Zudem regieren Gesellschaften besonders auf Krisen mit unkonventionellem Lernen, die so genannten "windows of opportunities" öffnen sich, wie jetzt an verschiedenen Orten und Themen zu sehen ist. Eine solche Abkehr von einem regelvertrauten Vorgehen lässt sich nicht mit Ihrer plakativen Aussage zur Deckung bringen.
Ebenso unreflektiert empfand ich Ihre Aussage, dass es gut sei, dass Politik mit einem Verzögerungsmoment reagiere. Gerdade dadurch ist diese Krise und auch die klimatische noch verschärft worden! Eben weil unsere Politiker zu wenig präventiv und schon gar nicht in der Lage sind, Krisenphänomenen proaktiv zu begegnen, befinden wir uns in einem lernschwachen Szenario. Das weiterhin bzw. erneut amoralische Verhalten vieler Bänker und Politiker sollte ihnen nachhaltigere Anstöße geben, um dem von Ihnen formulierten Anspruch, was Philosophie für die Gesellschaft leisten kann, gerecht zu werden.
2. Einspruch
27.07.2009, Fritz Kronberg, Rondeshagen3. Die Krise am eigenen Leib erfahren
02.08.2009, Thomas Witke, DresdenOhne die umfassenden Eingriffe des Staates wäre diese Krise auch bereits bei Prof. Gethmann angekommen.
4. Es kommt wie es kommt?
07.08.2009, Dr. Tim Laussmann, Leverkusen5. Klimawandel und Vorsorgeprinzip
11.08.2009, Dr. Günther Sinapius, MünchenSo plädiert Prof. Gethmann am Beispiel des Deichbaus in den Niederlanden anscheinend für das Prinzip "Nachsorge statt Vorsorge". Angesichts der Aussagen niederländischer Experten (1) kommt mir diese Empfehlung in ihrer Allgemeinheit gewagt vor. Auch die Ausführungen zur Endlagerung im Zusammenhang mit Kernenergie ("ein paar Tonnen mehr[strahlenden Mülls] "durch die Kernenergie") erscheinen angesichts der Daten der BFS (2) erstaunlich.
Die Idee eines Ausgleichs zwischen Gewinnern und Verlierern der Klimaveränderung ist einleuchtend. Die Aussage, dass es "akzeptablere Quälerein" gebe "als eine Steuer, die jedermann zu Konsumverzicht zwingt", suggeriert jedoch, dass Konsumverzicht vermeidbar sei. Aufgrund der Größe unseres ökologischen Fußabdrucks scheinen zumindest die BürgerInnen der Industriestaaten um einen wie auch immer definierten Konsumverzicht nicht herum zu kommen. Bleibt die spannende Frage, wie traditionell wachstumsorientierte Gesellschaften lernen können, mit dieser Herausforderung umzugehen.
Schade, dass die Interviewer bei diesen Punkten nicht weiter nachgefragt haben und so der Eindruck "si tacuisses, philosophus mansisses" enstehen konnte.
(1) http://www.deltacommissie.com/doc/2008-09-03%20Advies%20Deltacommissie.pdf
(2) http://www.bfs.de/de/transport/endlager/abfall_prognosen.html
6. Ratschläge von Philosophen sind keine "Backrezepte"
14.08.2009, Martin Janicijevic, DiepenauFür die Zukunft unserer Spezies von maßgeblicher Bedeutung und in der momentanen Situation äußerst dringlich scheint mir die Beantwortung der Frage: Wer oder was erzeugt eigentlich diesen rast- und ziellosen Optimismus, der die Menschheit so derart auf "Teufel komm raus" in den Irrsinn ihrer Selbstzerstörung treibt? Oder anders formuliert: Woher nehmen wir die Sicherheit, die Fehler der Vergangenheit genau ab jetzt keines Falls wieder zu machen, obwohl wir gerade im selben Moment aus vermeintlich guten Gründen die dazu notwendigen Veränderungen zunächst einmal zurückstellen?
Ist es wirklich möglich, genau zu prüfen und durch uns zu entscheiden, was wir der nachfolgenden Generation mindestens übrig lassen müssen? Der Vorschlag, die Hälfte der Gewinne – wenn sie denn tatsächlich anfallen – aus den "Goldadern" unterhalb des Nordpols in einen Fundus zu überführen, um damit anschließend den Heimatverlust der "Klimavertriebenen" zu entschädigen, wird sicherlich von der Ökonomie großzügig und mit Wohlwollen angenommen. Wesentlich schwieriger könnte es werden, einen Zehnten aus den überdimensionalen Gewinnen der internationalen Großkonzerne und den globalen Finanztransfers abzuschöpfen, um damit die Folgen der bereits heute von eben diesen Unternehmungen selbst verursachten realen Klimaschäden vor allem für die Betroffenen abzumildern.
Kann man Uran lapidar als "Dreck" bezeichnen, wenn es doch bereits z. B. für die moderne Medizintechnik unverzichtbar ist? Naturwissenschaft und Politik durch fundierte Fragestellungen zu führen ist eine Aufgabe mit hohem Anspruch, die in der Tat wesentlich nur die Philosophie zu leisten vermag. Durch ihre Erhabenheit gewinnt sie Distanz, Übersicht und die nötige Hochachtung, um die Lebensbewältigung der Gesellschaft maßgeblich zu stützen. In sofern ist sie alles andere, als ein Luxus. Doch bei aller Weisheit, kann und darf sie keine Empfehlungen zu Gunsten ungeklärter Verfahrensweisen vorwegnehmen. Die Menge des dauergefährlichen Materials spielt bei der Suche nach geeigneten Nach- und Entsorgungsmöglichkeiten durchaus eine gewichtige Rolle.
Könnte die Weinprobe am Vorabend des Interviews – bei aller Zurückhaltung - nicht vielleicht doch das Gespräch ein klein wenig beflügelt haben? Wie dem auch sei: Die Empfehlungen eines Philosophen sind keine "Backrezepte"; aber Anlass zum eigenen, auch zum lauten Nachdenken sind sie immer und allemal. Die Philosophie ist das Ruder am schwankendem Floss der Wissenschaften. Dennoch ist stets zu bedenken: Philosophen sind ganz gewöhnliche Menschen, genau wie Wirtschaftsmanager oder Parteipolitiker auch. Nur in sehr seltenen Fällen entdeckt man unter ihnen den einen oder anderen "Außerirdischen".
7. Entrüstung
02.09.2009, Georg Wawczyniak, HamburgMit 3 Ausführungen möchte ich das konkret und knapp darstellen:
1. „Vorsorge sei immer besser als Nachsorge.“
Er führt als Beispiel den Deichbau in den Niederlanden an und dass die Niederländer ihre Deiche um einen Meter in 6 Monaten erhöhen könnten. Ich glaube, Herr Professor Gethmann hat die arbeitsintensiven Vorgänge eines Deichsbaus noch nie in der Praxis gesehen, von den riesigen Beträgen an finanziellen Mitteln mal abgesehen, die jeder Bürger dafür aufzubringen hätte.
2. Der Einsatz von Kernenergie und das Problem der Endlagerung des abgebrannten Materials:
„Infolge medizinisch-technischer Möglichkeiten, auf die kein Mensch verzichten möchte, müssen wir mittel bis stark radioaktiven Müll entsorgen, warum nicht noch ein paar Tonnen mehr durch Kernenergie.“
Ich habe den Eindruck, dass Herr Professor Gethmann nicht oder nur oberflächlich die Mengen, die Dimensionen, die Halbwertszeit, die Giftigkeit und die Sicherheitsproblematik kennt, um die es sich handelt, etwa so wie die Helmholtz-Gemeinschaft mit ihren vielen unabhängigen Mitarbeitern sagt, durch einen Übertragungsfehler seien in Asse statt 9 kg Plutonium doch 28 Kg Plutonium eingelagert.
3. Zynisch finde ich seine Aussage: „Da sollten wir unseren Nachgeborenen einiges zutrauen, zum Beispiel, dass sie das Nahrungsproblem durch Züchtung und Chemie im Prinzip lösen, wie das unseren Vorgängern ja auch gelungen ist“.
Leider ist dies gerade unserer Generation trotz riesiger technologischer und naturwissenschaftlicher Erfolge eben nicht gelungen, obwohl wir in der Lage wären, das Hungerproblem etwas besser und humaner zu lösen;
Herr Professor Gethmann betrachtet anscheinend nur unsere industrialisierten Gebiete, und nicht oder nur ungenügend die Millionen von hungernden und krepierenden Menschen in den kaum industrialisierten Gebieten, die für unseren Wohlstand diktiert bekommen, zu welchen Preisen sie uns Nahrungsmittel und Rohstoffe zu liefern haben.
Damit erübrigt sich meiner Meinung auch eine Erwiderung auf seine Ausführung zum Verteilersystem von Weltbank und Weltfonds im Bezug auf die zukünftigen Gewinner und Verlierer. Was unsere Generation nicht leisten will und demzufolge auch kein Vorbild sein kann, soll die nächste Generation machen, die von uns einen ausgeplünderten Planten erhält.
Im Bezug auf Kernenergie und Klimaveränderungen sollte Herr Professor Gethmann sich auch andernorts informieren, z. B. bei Ökoinstituten und anderen unabhängigen Institutionen.
8. Wirkungen und Nebenwirkungen der Kernenergie
28.09.2009, H.-P. Maier, per E-MailWas die deutsche Wissenschaft und Politik in dieser Richtung geleistet hat, um die bürger zu täuschen, lässt weiterhin das schlimmste befürchten: Schließlich war unsere jetzige Bundeskanzlerin zu der Zeit Umweltministerin, als die Gutachten, die den Salzstock Gorleben wg. brüchigem, wasserdurchlässigem Deckgestein als ungeeignet beurteilten, „umgeschrieben“ wurden in Tauglichkeitsbescheinigungen.
In Pakistan sehen wir die vollzogene Kombination von Bombe und Energie und ängstigen uns, dass sie in „falsche“ Hände gerät. Und in Iran wollen wir Fanatikern vorschreiben auf etwas zu verzichten, was wir selbst uns im Westen (und in Israel) längst genehmigt haben, bzw. zu Schahs Zeiten dorthin geliefert haben (Kkw Buschir).
Aus medizinischen Abfällen lassen sich keine Bomben bauen, aber aus Kkw-Abfällen, und das vielleicht eine Million Jahre lang ... von Fanatikern aller Couleur.
Übrigens eignen sich auch CO2-Endlager, wenn sie einmal zur Rettung der Kohlekraftwerke eingerichtet und vollgepresst sind, durch tektonische Bewegungen oder leichtfertiges anbohren (z. B. für Geothermie) dazu, ganze Landstriche zu ersticken, wie es gelegentlich an den Hängen eines afrikanischen Vulkans vorgeführt wird.
So gesehen sind die Kosten und Risiken von Sonnen- und Windenergie allemal günstiger und alle Einwände dagegen mit ein bisschen technischer Fantasie und gutem Willen leicht überwindbar, wenn man es denn wirklich will. Dabei war von Effizienzverbesserung beim Verbrauch von Energie noch gar nicht die Rede. Wir haben z. B. zuerst unser Haus vor 26 Jahren wärmegedämmt (Effizienz) und dann auf Sonnenheizung umgestellt (Restheizkosten ca. < 200 €/Jahr).
9. Radioaktiven Müll in die Sonne schießen?
06.10.2009, Dipl.-Ing. Daniel SchillerDiese Idee geistert immer wieder mal durch die Köpfe der Menschen. Nur, sie geht komplett an der Realität vorbei. Raumfahrt ist teuer, aufwändig und unsicher.
Der energetische Aufwand, um ein Kilogramm aus dem tiefen irdischen Potentialtopf der Erde in den Orbit zu bringen, ist bereits enorm. Um dann die Erde endgültig zu verlassen, muss nochmals deutlich mehr Energie aufgebracht werden. Und auch die Sonne erreicht man nicht zum Nulltarif (Mars ist einfacher zu erreichen), da man, einmal von der Erde befreit, enorm bremsen muss, um ins Innere des Sonnensystems zu "fallen". Nicht umsonst ist Merkur von unseren Sonden bisher noch wenig besucht worden.
Raumfahrt ist auch alles andere als sicher, zumindest unter dem Aspekt "absoluter" Sicherheit. Fehlstarts werden immer einkalkuliert. Wer möchte schon "berstsichere" (schwere) Behälter in den 8 Minuten eines Starts über den halben Globus verteilen? Wer möchte die Trümmer suchen? Wer versichert das? Überhaupt, was sind Schlichtraketen? Billig? Einfach? Sicher?
10. Unbefriedigend und unspekulativ
24.10.2012, Michael Schröder, Iserlohn