Essay
Die Kunst, den Zweifel auszuhalten
Seit Kurzem verstehen Forscher, warum Menschen so leichtgläubig sind. Zweifeln fällt ihnen schwer, umso mehr suchen sie Gewissheit. Unser Autor sieht darin die Ursache für den Missbrauch des Glaubens.
Was ist Wahrheit? Das soll einst schon Pontius Pilatus gefragt haben, bevor er seine Hände in Unschuld wusch. Die ganze Wahrheit kennen nur fromme Fundamentalisten, zum Beispiel im Vatikan – freilich ist das auch nur ihre Wahrheit. Vor dreihundert Jahren hat Galileo Galilei gewagt


Der Physiker und Wissenschaftspublizist
Martin Urban leitete 34
Jahre lang die Wissenschaftsredaktion
der "Süddeutschen Zeitung".
In seinen Büchern geht er den
Konsequenzen naturwissenschaftlicher
Erkenntnisse für unser Weltbild
nach. Zuletzt erschien von
ihm: "Wer leichter glaubt, wird
schwerer klug. Wie man das
Zweifeln lernen und den Glauben
bewahren kann" (Eichborn Verlag,
September 2007).
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1. Kausales Prinzip
21.12.2007, Jürgen Tristram, 30519 HannoverMeiner Ansicht nach zeichnet sich der Mensch vor allen anderen Lebensformen auf diesem Planeten durch seine Fähigkeit aus, kausal zu denken, d.h. seine gesamte Umwelt nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip zu beurteilen. Dieses Prinzip ermöglichte ihm nicht nur einerseits, seine Welt zu begreifen, sondern auch andererseits diese Welt entsprechend seiner Bedürfnisse umzugestalten und zu erobern.
Wesentlich erscheint mir nun, dass dieses Prinzip für den Menschen universell zu gelten scheint. Der Mensch wendet diese Form der geistigen Auseinandersetzung damit nicht nur dann an, wenn "technische" Fragen zu klären oder Probleme zu lösen sind, sondern auch nicht-materielle, geistige Phänomene ihn bedrängen. Das kausale Prinzip gilt daher nicht nur für die "Außenwelt", sondern auch für den "inneren Kosmos" des Menschen, also im wesentlichen seine Gefühlswelt. Dass die "rationalen" und die "gefühlsbezogenen" Bereiche im menschlichen Gehirn nicht streng von einander getrennt existieren, sondern vielfältig miteinander verwoben sind, scheint aufgrund der Erkenntnisse der neueren Gehirnforschung als gesichert gelten zu können.
Das bedeutet nun aber, dass der Mensch grundsätzlich nach dem "Warum" fragt, auch in Situationen, wo dies nach logischen Maßstäben oder dem Stand des "gesicherten" Wissens keinen Sinn macht. Also z.B. Fragen, weshalb ein naher Anverwandter bei einem Unfall stirbt, warum die Liebe zu einem Partner erlischt, weshalb das Böse in der Welt so oft triumphiert o.ä..
Insbesondere diese Fragen bedrängen die Menschen jedoch sehr stark, weil sie grundlegende Gefühle ansprechen. Alle Personen, Institutionen und Lehren, die auf diese Fragen eindeutige, emotional befriedigende Antworten geben können, erhalten einen nicht zu überschätzenden Einfluss auf die Menschen. Und dieser Einfluss wird dadurch noch erheblich verstärkt, dass die vermeintliche Erklärung ja auch gleichermaßen und üblicherweise die richtigen Handlungsanweisungen liefert, diese nicht-rationale Welt "in den Griff" zu kriegen. So konnte (und kann) man naiven Menschen das persönliche Unglück mit dem falschen Lebenswandel "erklären", woraus sich als logisches Gegenstück die Anleitung zum "richtigen" Leben ergibt, was bedeutet, sein Leben zukünftig entsprechend den Prinzipien der Gemeinschaft der "Wissenden" zu führen. (Falls dann wieder ein Unglück geschieht, hat der Betreffende diese Prinzipien ganz offensichtlich nicht eingehalten. Niemals hat die "Lehre" Unrecht, sondern stets das Individuum.)
2. Mit dem zweiten Auge..
24.12.2007, Jürgen Biel, Rheinau1. kein kritischer Gläubiger -gleich welcher Religion- würde sich anmaßen, den Willen Gottes erklären zu können.
2. der Autor hat eine große Gemeinde moderner Fundamentalisten vergessen: sein eigener Berufsstand ! Mit fundamentalem Eifer werden wie vor Jahrhunderten die zeitgenössischen Arbeitshypothesen gegen Zweifler verteidigt. Ich meine damit nicht jene selbst ernannten Pseudowissenschaftler, die haarsträubende Theorien zum Besten geben, sondern ernsthafte Physiker, die nicht mit der Mainstream schwimmen, sondern objektive Argumente vorbringen möchten. Sie werden bestenfalls ignoriert, oder mit Totschlagargumenten zum Schweigen gebracht. Von moderner Aufklärung beim Umgang mit Zweiflern keine Spur.
Nach 40 Jahren Berufserfahrung im Wissenschaftsbetrieb habe ich eine wichtige Erfahrung gemacht: jener alte Grieche hatte verdammt Recht, als er meinte, wir sehen nur die Schatten an der Höhlenwand, die von draußen vorbeihuschen.
3. Die Transzendenz der Wirkprinzipien
26.12.2007, Dr. Gunter Berauer, Albert-Schweitzer-Straße 36, 81735 M.Es ist äußerst interessant, dass wir Menschen gerade die beiden wichtigsten Wirk- oder Schöpfungsprinzipien, den (quantenmechanisch begründeten) absoluten Zufall und das Prinzip der Rationalität, die zusammen alles haben werden lassen, was es in dieser Welt gibt, uns eben aus der immanenten Welt heraus nicht erklären können (Martin Urban spricht von den Prinzipien Zufall und Notwendigkeit). So benennen wir den absoluten Zufall genau mit diesem Namen, weil wir eben prinzipiell keine Möglichkeit haben, in dieser Welt Gründe für ein wirklich zufälliges Ereignis zu finden. Alle quantenmechanischen Ereignisse und über Verstärkungsmechanismen auch eine Fülle makroskopischer Ereignisse (wie etwa die Lottozahlen) unterliegen dem absoluten Zufall. Und was die rationalen Naturgesetze angeht, können wir diese auch nur beobachten oder feststellen, werden aber aus unserer immanenten Welt heraus niemals erklären können, warum sie eben gerade so sind, wie sie sind, und nicht anders. Wir können uns deshalb diese beiden Prinzipien durchaus als im für uns unerreichbaren Transzendenten begründet vorstellen und auch von, in diesem Sinne verstandenen, transzendenten Verursachungen von immanenten Vorgängen reden. Und damit wären wir und alles in der Welt, wie Hoimar von Ditfurth es so schön sagte, eben "nicht nur von dieser Welt".
Ich bin davon überzeugt, dass wir mit diesem Ansatz auch einen "intellektuellen" Weg finden könnten, Glauben und Wissen wieder miteinander zu versöhnen.
Einiges mehr zu diesem Thema findet sich in meinem im LIT-Verlag erschienenen Buch "Freiheit, die ich meine, und was von der Freiheit übrig blieb".
4. Kirche c/a Naturwissenschaften
04.01.2008, Walter Weiss- Beachtung der Regeln der Demokratie, der Men-
schenrechte und eines geordneten Rechts-
systems,
- Verzicht auf die Missionierung Andersdenkender
(einschließlich Atheisten und Agnostiker),
- Toleranz gegenüber allen Andersdenkenden,
- Verzicht auf jede Alleinstellung ('erwähltes
Volk'...)
Man frage einen x-beliebigen evangelischen Pfarrer, katholischen Priester, Imam oder Rabbi-
ner (auch den Pabst): alle werden diese Regeln
ablehnen - und sich damit im Ergebnis genauso verhalten wir ihre Vorgänger in der gesamten uns bekannten Geschichte, die eine lückenlose Kette übelster Kriege, Überfälle, Vergewaltigungen, Folterungen...ist.
Daran ändert auch nicht das geringste, dass alle Religionen, die ja von Menschen ausgedacht worden sind, möglicherweise jeweils hehre Ideen gehabt haben könnten: die Praxis sah stets anders aus, und zwar bis zum heutigen Tage. Abscheulichste Terrorakte auf der einen Seite, dümmlichstes Leugnen der Lehre von DARWIN, Verbot von Präservativen selbst in aidsdurchseuchten Weltgegenden und Frauenverachtung auf der anderen Seite sprechen eine sehr deutliche Sprache.
Man kann nach alledem nicht genug tun, den unheilvollen Einfluss der Kirchen zurückzudrängen.
Sollen die gewaltigen geistigen Anstrengungen der Aufklärung (denen bezeichnenderweise die Religionsvertreter heftigsten Widerstand geleistet haben und heute noch leisten - bis hin zum Er-morden Andersdenkender) umsonst gewesen sein?
Wenn hier der Leser Vogels entsprechende Inhalte von äußerst zurückhaltenden und leider viel zu vornehmen Artikeln des SPEKTRUMS der Wissenschaften bemängelt, dann hat er entweder die Zeichen der Zeit noch immer nicht begriffen - oder sollte zum nächsten Bistumsblatt wechseln. Eine Zeitschrift, die der Ratio verbunden ist, muss sich unbedingt mit diesen sehr wichtigen Fragen befassen und darf sie gerade nicht 'irrational' behandeln, sondern allein mit dem (naturwissenschaftlich ausgerichteten) Verstand. Sie würde sich ja sonst absolut selbst in Frage stellen und nicht nur sich selbst, sondern unsere gesamte westliche Kultur. Es wäre auch absurd, sich gerade von den Fundamentalisten (und das sind nicht nur, s.o., Terroristen jeder Couleur!) das Gesetz des Handelns vorschreiben zu lassen.
5. Wem zum Vorteil?
09.01.2008, Ing. Peter SinnlWenn man den Nutzen von Handlungen dem "Problem-Lösung-System" Mensch unterstellt, dann finden sich viele Handlungsweisen sinngerecht - richtig oder unrichtig - in den Ablauf von Organisationen/Institutionen eingebettet. So wird's aber nicht erklärt: Man stellt immer den allgemeinen Nutzen voran, sozusagen als Ideologie - die hilft aber den Hilfsbedürftigen in den seltensten Fällen (vielleicht zufällig).
Es ist, als würde man Einzelschicksale generalisieren.
Jede Hierarchie dient vornehmlich der Erhaltung ihrer selbst - dazu beutet sie ihre Individualitäten aus - von oben nach unten in zunehmendem Maß.
In anarchischen Systemen findet das ebenso statt; nur sind die Netzwerke nicht offen gelegt.
Religionsgemeinschaften sind die letzten absolutistischen Feudalsysteme - manche tragen sogar totalitäre Züge.
Die Frage nach der Wahrheit ist bestimmt durch die "Wirklichkeit" im konstruktivistischen Sinn. Sie ist individuell ebenso wie die akzeptierten Antworten. Man kann sie jedenfalls nicht statistisch ermitteln, noch in so genannten "Gesetzen" definieren. Aber man kann den Transfer durch ein höchstmögliches Maß an Ehrlichkeit und Selbsterkenntnis verbessern.
6. Fundamentalismus bekämpfen
10.01.2008, Heinz-Dieter Zutz, BielefeldZu der Frage, wie sich Ideologien in Gehirne einbetonieren können, möchte ich folgende Hypothese wagen: Eng verbunden mit dem Fundamentalismus ist die Verdammung der Sexualität. Kinder, die in einer sexual-feindlichen Atmosphäre aufwachsen, werden verunsichert, wenn sie ihre eigene Sexualität entdecken und halten sie für eine Krankheit, die nur sie allein betrifft. Das natürliche Schamgefühl wird auf alles Geschlechtliche fixiert. Schamgefühl haben alle Menschen, wenn sie gegen die Regeln der Gemeinschaft verstoßen. Aber nur bei Fundamentalisten ist sie auf Nacktheit und Sexualität bezogen.
Fundamentalisten wollen ihre Kinder dem öffentlichen Erziehungssystem entziehen, weil dort eine gewisse Freiheit herrscht. Nicht nur im Religions- und Biologieunterricht werden andere Inhalte angeboten, als diese Leute verlangen, sondern vor allem auch beim Sport- und Schwimmunterricht, weil man da freizügig mit seinem Körper umgeht. Bei Fundamentalisten wird die Sexualität nicht nur tabuisiert, sondern verteufelt. Die Kinder werden mit dieser Methode emotional so lange gezwickt und beschnitten, bis nur noch Bonsai-Menschen übrig bleiben und das ist die nächste Generation der Fundamentalisten.
Für den Fundamentalismus ist die Verdammung der Sexualität sehr wichtig, denn wenn es gelingt, die Sexualität eines Menschen zu unterdrücken, dann ist er auch bereit, religiöse und politische Bevormundung zu akzeptieren. Fundamentalismus ist nicht nur verbunden mit Intoleranz, sondern auch extrem feindlich der Freiheit im Denken und im Handeln gegenüber. Das kann man auch in der Politik nachweisen: Politische Unfreiheit ist sehr oft mit der Unterdrückung der Sexualität verknüpft.
Aber die Indoktrination von Kindern kennt noch viele andere Formen. Wer den Dokumentarfilm „Jesus Camp“ über ein evangelikiales Sommerlager in den USA gesehen hat, weiß wie Kinder durch religiöse Gruppen missbraucht werden können. Da werden Parolen eingehämmert und junge Menschen zu blinden Kämpfern für das Christentum herangezüchtet. Diese Methode kommt einer Vergewaltigung gleich.
Eine andere Variante des Fundamentalismus ist das Intelligent Design, eine Ideologie, die sich wissenschaftlich verkleidet, aber genau das Gegenteil beabsichtigt. Jede Wissenschaft muss die eigenen, bisher erarbeiteten Positionen immer wieder kritisch beleuchten und überdenken. Mit solchen Fragestellungen werden neue Fenster aufgestoßen, durch die man in die Richtung schauen kann, in der sich Wissenschaft weiter- entwickeln muss. Diese Kritik ist wichtig und richtig, doch sie stellt die Erkenntnisse der bisherigen Wissenschaft nicht grundsätzlich in Frage.
Die Apologeten des Intelligent Design übernehmen solche Fragestellungen und behaupten, durch sie würde die gesamte Biologie, besonders die Evolutionslehre, aber auch Physik, Astronomie, Paläontologie und Archäologie widerlegt. Über diese Art der Scheinwissenschaft könnte man eigentlich lächeln, doch diese Leute sind von missionarischem Eifer erfüllt und wollen allen Menschen ihre fundamentalistisch-christliche Brille mit Scheuklappen verpassen. Es darf eigentlich nicht schwer fallen, solche Machenschaften als Pseudowissenschaft zu entlarven. Man muss nur die Energie aufbringen, sich der Diskussion zu stellen.
Das Weltbild der Kreationisten erscheint den meisten Menschen als lächerlich, doch sie meinen es todernst. Wenn man unsere Welt betrachtet, haben in vielen Bereichen die Fundamentalisten das Sagen und bestimmen die Weltpolitik weit gehend. Präsident Bush ist Fundamentalist und er hat verkündet, er wolle einen Kreuzzug gegen den Islam führen. Weil er sehr scharfe Kritik von allen Seiten geerntet hat, wurde dieser Satz nicht wiederholt, aber seine Politik ist die eines Kreuzzugs geblieben. Obwohl die christlichen Fundamentalisten nur eine verschwindend kleine Minderheit sind, ist ihr Einfluss enorm und sie versuchen, im Namen aller Christen zu sprechen und zu handeln.
Der christliche Fundamentalismus ist zurzeit mit dem jüdischen Fundamentalismus verbündet. In Israel herrschen nach wie vor die Kräfte, die 1995 Jitzchak Rabin ermordet haben, weil er eine Politik der Aussöhnung und des Friedens eingeleitet hat. 1994 erhielt Rabin gemeinsam mit seinem damaligen Außenminister Schimon Peres und dem damaligen Chef der palästinensischen Autonomiegebiete, Jassir Arafat, den Friedensnobelpreis. Nach dem Mord ist die israelische Friedenspolitik gegenüber den Palästinensern nicht weiter geführt worden. Die Mörder sind zwar verurteilt worden, doch der bestehende Konflikt wird immer weiter angeheizt - mit dem Hinweis auf den islamischen Fundamentalismus.
Der islamische Fundamentalismus ist seit der Gründung des Islam eine bedeutende Kraft und erhält in jüngster Zeit immer mehr Zulauf. Der Krieg der USA und Israels gegen islamische Länder hat den Islamismus nur gestärkt. Die Selbstmordattentäter werden von ihren Glaubensbrüdern als Märtyrer angesehen. Das ist wie mit der Hydra, der 7 Köpfe nachwachsen, wenn man einen abschlägt. Mit militärischen Mitteln kann man dem islamischen Fundamentalismus nicht beikommen, es sei denn, man setzt Atomwaffen ein. Die Götter der Juden, Christen und Moslems mögen das verhindern. An dieser Stelle wird die Absurdität der gesamten Situation klar, denn eigentlich handelt es sich nur um ein und denselben Gott für den angeblich alle Fundamentalisten kämpfen.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es Märtyrer in der Anfangszeit des Christentums waren, die mit ihrem Opfer das Christentum vorangebracht haben. Viele Christen wurden im Römischen Reich verfolgt und den Löwen vorgeworfen. Die Märtyrer waren große Vorbilder, denen viele nacheiferten. Danach ging das Christentum gestärkt aus den Verfolgungen hervor, sodass Kaiser Constantin sich genötigt sah, es zur Staatsreligion zu machen, obwohl er selbst bis zu seinem Sterbebett Heide blieb.
Wichtig für uns alle ist, dass der Fundamentalismus bekämpft wird, nicht nur der islamische. Der Kampf in der christlichen Welt muss von den Christen geführt werden. Die Juden müssen überall auf der Welt, wo sie leben, den jüdischen Fundamentalismus bekämpfen, anstatt sich mit den friedensfeindlichen Kräften zu solidarisieren. Allen, die den Krieg mit dem Islam für unausweichlich ansehen, kann man nur zurufen: Wenn nur ein Zehntel des Geldes, dass für den Krieg ausgegeben wird, in den Frieden investiert würde, wäre der Frieden zu erreichen. Die friedfertigen Kräfte im Islam müssen gestärkt werden. Dann wird es auch den friedlich gesinnten Moslems gelingen, die Kämpfer für den Islam zurückzudrängen.
7. Ideologen kreisen um sich selbst
10.01.2008, Reiner Vogels, Swisttal-OdendorfDiese Haltung führt dazu, das sie am Ende nur noch um sich selbst kreisen, nur noch mit denen sprechen, die ihre Ansichten teilen, und sich in ihren Gesprächen mit Gleichgesinnten nur noch gegenseitig bestätigen, wie klug sie doch seien und wie naiv, irrational oder unaufgeklärt die anderen.
Solche Gesprächszirkel verkommen am Ende zu reinen In-group-Veranstaltungen, deren einziger Effekt auf Außenstehende die Erzeugung totaler Langeweile ist. Religionssoziologisch entwickeln sie sich zu sektiererischen Kleingruppen am Rande der Gesellschaft.
Ich kann "Spektrum der Wissenschaft" nur davor warnen, sich zu einem publizistischen Forum für derartige In-group-Zirkel zu machen. Es kann ja nicht im Interesse der Redaktion liegen, im Wettbewerb um die langweiligste Zeitschrift der Welt einen der vorderen Plätze zu belegen.
Wir Christen werden zwar offen sein für ernsthafte Gesprächsangebote, wir werden uns aber keinen Gesprächen aufdrängen und uns schon gar nicht in die In-group-Zirkel der Ideologen hineinzudrängen versuchen. Statt dessen werden wir weiter unsere Gemeinden aufbauen und die Ideologen sich selbst überlassen. Die christlichen Kirchen haben in den 2000 Jahren ihrer Geschichte bisher immer siegreich am Grabe ihrer Gegner gestanden. Sie werden auch die Sekten der Atheisten und fundamentalistischen Religionskritiker überleben.
Als Nietzsches Zarathustra vom Berg herabstieg und im Wald einen Menschen traf, der von sich sagte, dass er Gott lobe, wunderte er sich, dass dieser Mensch so hinterwäldlerisch sei, dass er noch nicht begriffen habe, dass Gott tot sei. Wenn ich heute die religionskritischen Beiträge im Spektrum der Wissenschaft lese, wundere ich mich, das es immer noch gebildete Zeitgenossen gibt, die es noch nicht mitbekommen haben, dass der Atheismus längst tot ist.
8. Zweifel aushalten oder beseitigen
11.01.2008, Ronald Sinda Wessobrunn9. Kernaussage nicht schlüssig
13.01.2008, Dr. Reinhard Born, Immenstaad10. Den Teufel spürt das Völkchen nie...
15.01.2008, Dr. Andreas Heertsch, Arlesheim/CHDer Physiker und Publizist Martin Urban läuft in seinem Essay „Die Kunst, den Zweifel auszuhalten“ Sturm gegen die Gläubigen und Fundamentalisten. Seine genüsslich ausgeteilte Häme übersieht allerdings einen weiteren, zentralen Fundamentalismus: Den Physiker Urban selbst, der _glaubt_, dass „eine nichtmaterielle, geistige Entität die materiellen Prozesse in unserem Gehirn“ nicht beeinflussen könne. Dieser Glaube an einen monistischen Materialismus ist selbstreferenziell: „Glaubet, so werdet ihr finden.“
Könnte er sich das eigene Bewusstsein zum Erfahrungsfeld der Beobachtung machen, so würde er entdecken, dass er sein Gehirn nur als _Spiegel_ benutzt, um sich des Geistigen im Alltagsbewusstsein bewusst zu werden. Ehe dieses Feld jedoch zugänglich wird, muss sich _gerade_ der Wissenschaftler erst einmal mit vielen eigenen Ängsten auseinandersetzen(2). Beispielsweise mit dem Vorurteil, dass alles, was sich im eigenen Bewusstsein abspielt, subjektiv sei. Wer das nicht zulassen kann, der wird nur finden, dass es nichts zu finden gibt.
„die Kunst, den Zweifel auszuhalten“ist also - wer hätte es gedacht? - beliebig vertiefbar.
(1) Goethe, Joh. Wolfgang v.; "Faust I", Auerbachs Keller
(2) Heertsch, Andreas; Geistige Erfahrung im Alltag, Stuttgart 2007, Kap. "Die Angst des Wissenschaftlers vor der Imagination"
11. An seine Sache glauben
18.01.2008, Rudi Klingl, GrafrathLeider muss man auch an diese Wahrheit glauben, man muss glauben, dass die experimentellen Ergebnisse die gefundene Wahrheit (in der Wissenschaft meist eine Theorie oder "Lehrmeinung") in der richtigen Weise untermauern.
Wie wir wissen, ist die Wissenschaftsgeschichte voll von über den Haufen geworfenen "Wahrheiten". Oft war nicht nur die Theorie falsch, sondern die dazugehörigen Experimente ebenso. Meist wird dann die alte Lehrmeinung durch eine neue ersetzt, inclusive neuer Theorie und dazugehöriger Experimente. (Als Beispiel könnte hier der Entwicklungsweg von der newtonschen Mechanik zu dem modernen Weltbild der relativistischen Mechanik gelten.) Die Erfahrung hat uns also getäuscht, aus welchen Gründen auch immer.
Ebenso gut kann man eine ganz persönliche, sehr subjektive Wahrheit postulieren, also eine irrtumslose Erkenntnis innerhalb gewisser Grenzen, die man für sich oder für eine Gruppe von Menschen auf Grund bestimmter gemachter Erfahrungen für gültig hält. Religionen und spirituelle Menschen tun dies seit Urzeiten, vermutlich weil es solche Erfahrungen (Offenbarungen) tatsächlich gibt, auch wenn diese nicht zum Erfahrungshorizont des Herrn Urban gehören.
Eine solche ganz persönliche Wahrheit wäre dann eine "subjektive irrtumslose Erkenntnis", die sich zum Leidwesen des Herrn Urban erdreistet, nicht wissenschaftlich verifizierbar zu sein. Also eine Wahrheit, die ich nicht mit Experimenten bestätigen oder widerlegen kann, weil sie ganz persönlich gemacht wurde. Die Religionsgeschichte ist voll von solchen "unwissenschaftlichen Wahrheiten", weshalb diese ja den Religionen und nicht der Wissenschaft zugeordnet werden.
Ein Wissenschaftler würde hier also nicht weit kommen, weil hier seine Werkzeuge (Theorie + Experiment) die falschen wären.
Das mag für einen eingefleischten Wissenschaftler schwerer Tobak sein: Es gibt sie, die Bereiche, welche durchaus ganz reale Wahrheit sein können, aber nicht durch die wissenschaftliche Experimentiermaschine mit dem Ergebnis von "richtig" oder "falsch" gedreht werden können. Wenn Herr Urban hier "Leichtgläubikeit aus Denkfaulheit" oder die Banalisierung durch "Fanatismus" feststellt, so mag das seine persönliche Erklärung sein, welche allerdings die Frage aufwirft, ob dies als Antwort für etwas genügt, was Menschen seit Jahrtausenden bewegt und prägt: die religiöse Wahrheit als Glaubenserfahrung.
Woran man glaubt, ist also stets subjektiv, genauso beim Wissenschaftler wie auch beim religiös gläubigen Menschen. Fundamentalismus gibt es leider in beiden Lagern. Während die Wissenschaftler den Glauben an ihre Theorien (wer legt schon fest, ob eine Theorie wirklich stimmt?) einfordern und alle verdammen, die Zweifel anmelden (z.B. bei der Impftheorie), so gibt es auch Religionsfanatiker, deren subjektive Wahrheit gefälligst kritiklos für alle zu gelten hat. Der Unterschied ist hier so groß nicht, nur die Lager der Fanatiker sind völlig andere, weshalb sich auch die "persönlichen Wahrheiten" erheblich unterscheiden.
Was macht nun den Glauben aus? Die häufigste mir bekannte Definition von Glauben ist ein "für möglich halten" einer Sache oder einer Hypothese, ohne jeden Versuch der Prüfung auf Richtigkeit, weshalb ein Wissenschaftler sich aus seiner Sicht zu 'Recht fragt, was das soll? Der Glaube wird aber auch anders definiert: als geistige Kraft, die sich die Erfüllung seiner selbst schafft, ganz ohne Zweifel (im Idealfall). Wo, bitte schön, soll hier ein Wissenschaftler ansetzen, mit der hier aufgeworfenen Frage, ob so eine Definition auch " Glaube" richtig definiert? Bei der "geistigen Kraft" etwa ? Oder bei der Prüfung, ob der "Zweifel" fehlt? Ich denke, das geht schlecht, weil hier ganz verschiedene Weltbilder und Denkweisen aufeinanderstossen. Aber warum soll die eine Denkweise weniger Berechtigung haben als die andere? Nur weil ich vielleicht (als Wissenschaftler oder als Gläubiger) gerade mit der anderen nichts anfangen kann?
Schön wäre es, wenn es weder in der Wissenschaft, noch in Religionen Fundamentalismus geben würde. Unschwer wäre dann weniger Arroganz und mehr Verständnis für die jeweilige "Wahrheit" da. Vielleicht käme dann auch die (dringend nötige) Einsicht, dass auch der Wissenschaftler an seine Sache glauben muss, nicht nur der Religionsangehörige, egal, um welche "Wahrheit" es gerade geht.
12. Diskussion ohne manipulative Vorgehensweise
18.01.2008, Erdmute Wittmann, RemagenEbenso suggeriert er, dass ein unfehlbarer Papst im Vatikan scheinbar bei jeder lehramtlichen Verlautbarung seine Unfehlbarkeit in Anspruch nehme, verschweigt aber absichtlich oder aus Unkenntnis, dass seit 1870 nur zweimal ein Papst in einer innerkirchlichen (!) Lehrfrage ex cathedra gesprochen und damit ein Dogma sanktioniert hat, dessen praktische Bedeutung gering ist und zum Verhältnis von Glauben und Wissenschaft gar nichts aussagt.
Ich und sicher viele andere würden ja gerne der Zweifler Argumente hören und sich mit diesen ehrlich auseinandersetzen, denn der Artikel bietet noch mehr Stoff zur Diskussion, wenn diese Zweifler nicht selber so manipulativ vorgingen, wie es in jenem Artikel geschah.
13. Glaube und Aberglaube
18.01.2008, Paul Morsbach, Berg14. Glauben als Denkprozess verstehen
18.01.2008, Prof. Otto Schult, JülichMan sollte auch sorgfältig klären, was mit jedem Wort gemeint ist. Das Verb "glauben" wird sehr unterschiedlich gebraucht: Glaubt ein Kind, hat es also einen Glauben, oder hält es das für richtig, was ihm die Eltern sagen?
Falls man verstanden hat, dass "glauben" auch ein Denkprozess ist und jeder nur für sich denken kann, dann wundert man sich darüber, dass jemand mit dem Papst und den christlichen Kirchen Probleme hat.
Wenn dann ein Physiker schreibt: "... in allen christlichen
Glaubensgemeinschaften setzen sich zunehmend die Fundamentalisten durch", dann stellt er sich mit dem Wort "alle" auf die gleiche Stufe wie Bush, der von "der Achse des Bösen" sprach und, weil er pauschalisiert, sich selbst zum Fundamentalisten macht. In unserer Welt gibt es auch Muslime, Buddhisten, Hindus und andere Glaubensgemeinschaften. Gilt für diese "Die Kunst, den Zweifel auszuhalten" nicht?
15. 2000 Jahre Gedankenarbeit großer Denker
22.01.2008, Irmgard Stahnke, Bad Segeberg16. Fundamentalistische Plagen bleiben unerwähnt
23.01.2008, Prof. Ernst Schöberl, DittelbrunnLeider blieben die schlimmsten fundamentalistischen Plagen unserer Zeit unerwähnt, der radikal fundamentalistische Islam, aber auch der nicht weniger schlimme hemmungslose Kapitalismus insbesondere der meisten internationalen Wirtschaftsunternehmen, der als Globalisierung verharmlost wird.
17. Warum keine Audio-Datei?
27.01.2008, Siegfried Manhold, Wachtberg18. Nicht Erlösung vom Glauben, sondern Aufklärung
14.02.2008, Dr. Andreas Beyer, EssenAllein: Urban geht erheblich zu weit. Wenn er schreibt, die evangelischen Kirchen vergäßen das Erbe der Aufklärung, oder indem er polemisch über „Offenbarung“ spottet, offenbart er selbst eine erhebliche Unkenntnis der christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Es ist schlichtweg unwahr, dass die „allein etwa 34.000 christlichen Gemeinschaften [auf dieser] Welt“ so etwas wie einen allein-selig-machenden Anspruch vertreten: Die Zeit ist auch an Theologen nicht vorbeigegangen, sie leben wie wir alle in einer Welt der Unsicherheiten, sehenden Auges. Die Ära, in der von der Kanzel herunter unverrückbare Wahrheiten verkündet wurden, ist vorbei. Gemeinden, in denen der Gläubige das eindeutige, klar verstandene und richtig interpretierte Wort Gottes verkündigt bekommt, sind – Gottlob! – immer noch in der Minderzahl: Möge es so bleiben! Auch die Bibelexegese hat die letzten Jahrhunderte nicht verschlafen, aber Urban scheint die Begriffe „aufgeklärte Theologie“, „kritische Theologie“ !
oder „Textkritische Bibelanalyse“ nicht zu kennen, obwohl er sie eine Seite weiter selbst verwendet...
Richtig stellt Urban fest, „Offenbarung ist ein Totschlagargument, mit dem [alles] begründet werden kann“. Bedauerlicherweise argumentiert er jedoch selber reichlich oberflächlich, indem er Fundamentalisten und deren Denken im Rundumschlag als Hammer gegen jedwede Form von Glauben missbraucht. Empirische Wissenschaft kann Ursachen identifizieren, Erklärungen finden, Unverstandenes und Unbegreifliches erfassbar machen. Sie kann aufzeigen, was an Schöpfungsmythen, Astrologie und Gesundbetern falsch ist. Sie kann, soll, will und darf aber keine Sinnfragen beantworten und taugt zum Gottesbeweis ebenso wenig wie zur Gotteswiderlegung.
Wir brauchen dringend Aufklärung, müssen entschieden gegen Aberglaube und Fundamentalismus vorgehen. Aber wir brauchen ganz sicher niemanden, der uns vom Glauben in allen Formen erlöst. Mal abgesehen davon, dass solches Ansinnen wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen ist, treibt es die Menschen gerade in die Arme derer, vor denen Urban sie retten will.
19. Zu den naturwissenschaftlichen Irrtümern des Artikels
14.02.2008, Dr. Monika Behnke, Münster1. Zu den naturwissenschaftlichen Irrtümern des Artikels:
a) Die Relativitätstheorie Einsteins besagt gerade, dass sich nicht die Sonne um die Erde dreht, sondern dass sich alle Elemente des Weltalls relativ zueinander bewegen. Außerdem hat die Welt keinen Mittelpunkt. Ob sich also die Sonne um die Erde dreht oder die Erde um die Sonne, ist eine Frage der Perspektive. Lege ich also den Koordinatenmittelpunkt auf die Erde, so dreht sich die Sonne um die Erde (wenn auch in komplizierten Hyperzyklen und nicht in Elypsenbahnen).
b) „Die Erkenntnis, dass man mit Hilfe ausgeklügelter Experimente und kluger Beobachtungen Aberglauben als solchen identifizieren kann, hat sich noch nicht bis Rom herumgesprochen.“ Mit diesem Aberglauben scheint der Ausspruch des Papstes gemeint zu sein „Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution“. Dabei hat der Autor nicht berücksichtigt, dass Naturwissenschaftler in Modellen denken. Die (möglichst einfache) Theorie ist nur ein Modell zur Erklärung der Experimente. Wichtig ist für die Akzeptanz einer wissenschaftlichen Theorie also nicht die Wahrheit über die Wirklichkeit, sondern die Brauchbarkeit für Erklärung (und Prognose) von Experimenten. Dieser Gedanke sollte Physikern eigentlich selbstverständlich sein, während er Biologen selten präsent ist.
c) „Homo sapiens hat sich während seiner Evolution entwickelt, um zu überleben, was ihm trotz aller Katastrophen der Erdgeschichte offensichtlich gelungen ist, anders als etwa den Sauriern“. Die ersten Saurier gab es in der Trias, ausgestorben sind sie am Ende der Kreidezeit. Dazwischen liegen etwa 130 Millionen Jahre, den Menschen aber gibt es erst seit etwa 2 Millionen Jahren. Keine wissenschaftliche Theorie sagt etwas darüber aus, wie lange es den Menschen noch geben wird. So eine globale Katastrophe wie zum Ende der Kreidezeit hat die Menschheit jedenfalls noch nicht erlebt.
2. Zu den Folgerungen, die der Autor aus seiner Sicht naturwissenschaftlicher Theorien zieht:
a) „Die fundamentale Erkenntnis einer Evolution des Kosmos und des Lebens als Ergebnis von Zufall und Notwendigkeit“ widerspricht nach Ansicht des Autors der religiösen Überzeugung, dass „jeder von uns die Frucht eines Gedankens Gottes“ ist. Dem ist zu entgegnen: I. Naturwissenschaftliche Theorien sind Modelle und nicht letzte Wahrheit. II. Gott ist nicht Thema von naturwissenschaftlichen Theorien, deshalb kann die Naturwissenschaft hierzu keine Aussage machen. III. Der Begriff des Zufalls wird nicht hinterfragt. Zufall bedeutet, dass wir keine Gesetze kennen und deshalb sein Ergebnis auch nicht berechnen können. Trotzdem widerspricht der Zufall nicht einer Determination. (So ist es Zufall, welche radioaktiven Atome wann zerfallen, aber ihre Anzahl in der Halbwertszeit ist festgelegt). In einem Biologie-Schulbuch fand ich die Definition: „Zufälle sind einmalige Ereignisse, die wir naturwissenschaftlich nicht erklären können“. Wir wissen also kaum etwas über den Zufall, der Autor weiß aber, dass er einer göttlichen Fügung widerspricht.
b) Die Beurteilung des jetzigen Papstes als eines nicht diskussionsfähigen Fundamentalisten ist eine Unverfrorenheit. Gerade dieser Papst ist bekannt für seine Diskussionen mit Andersgläubigen oder Atheisten. Außerdem war er als Universitätsprofessor einer der bekanntesten theologischen Wissenschaftler.