Wenn man sich mit einem Anthropologen über die Natur des Menschen unterhält, bekommt man unweigerlich zu hören: "Die Menschheitsgeschichte hat sich zu 99 Prozent in der offenen Savanne abgespielt, wo kleine Gruppen aus Jägern und Sammlern zusammenlebten." Das ist ein Klischee – und es stimmt. Tatsächlich haben sich auf diese Weise im Lauf von Millionen Jahren die für uns Menschen typischen Eigenschaften entwickelt, vor allem der aufrechte Gang und das große Gehirn. Diese ungemein nützlichen evolutionären Errungenschaften hatten allerdings ihren Preis. Das Stehen auf zwei Beinen macht anfällig für Rückenschmerzen, und unsere hoch entwickelte, zur Selbstreflexion fähige Großhirnrinde stürzt uns mitunter gar in existenzielle Verzweiflung.
Hinzu kommt: Die moderne Welt unterscheidet sich dramatisch von der Umgebung, in der sich Körper und Geist entwickelten und an die sie daher auch adaptiert sind. Statt das Abendessen zu Fuß zu jagen, bestellen wir es beim Pizzaservice. Um mit unseren Lieben zu kommunizieren, loggen wir uns bei Facebook ein, statt ein Leben lang den größten Teil des Tages mit ihnen zu verbringen. Wollen wir unser heutiges Dasein

Robert M. Sapolsky ist Professor für Biologie und Neurologie an der Stanford University in Kalifornien. Er erforscht Stress bei wild lebenden Pavianen. Sapolsky hat zahlreiche populärwissenschaftliche Artikel und Bücher über das menschliche Wesen verfasst.
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1. Thema verfehlt?
30.04.2013, Dr. Wolfgang Klein, WehrheimViele Kleinigkeiten kann man zusätzlich bemängeln. So ist zum Beispiel auf S. 49 der gedruckten Version die Rede von Menschenaffen, das sind bekanntermaßen Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen und Menschen sowie im weiteren Sinn Gibbons. Unmittelbar darauf bezugnehmend, fabuliert der Autor über alle möglichen Affen, bis offenbar hin zu Mandrills (auffällige Färbungen des Gesichts), auch mit der Aussage "Gibbons und viele südamerikanische Affen gehören zu dieser Gruppe". Frage: Seit wann gibt es denn in Südamerika Menschenaffen? Da ich einen solchen Patzer einem Professor der Biologie nicht zutraue, kann es sich nur um einen Übersetzungsfehler handeln.
Oder dann die Aussage soziale Intelligenz würde unter anderem darin bestehen, hierarchische Beherrschungsrelationen abstrakt transitiv auswerten zu können. Oh Einfalt! Das Komplexe am modernen Menschen ist ja, dass es keine eindeutigen hierarchischen Beherrschungsrelationen mehr gibt! Mein Chef kann mir in meiner Firma durchhaus hierarchisch was zu sagen haben, aber er kann finanziell viel ärmer sein als ich und außerdem ein Dummkopf, und ich kann ihn das spüren lassen, was ich häufig tue und was dann regelmäßig zu Konflikten führt, die mir aber noch nicht wirklich geschadet haben. Allerdings verhalte ich mich hier nicht asozial, sondern ganz artgemäß. In solchen Konstellationen ist keine ungebrochene Transitivität zu finden.
Ganz schlimm wird es im Abschnitt "Grenzen der Anschauung". Dieser zeugt von einem unkritischen, laienhaften Verhältnis zur Quantenmechanik. Sapolsky quatscht unreflektiert die Ideologie der Kopenhagener Interpretation der QM nach, die bekanntermaßen auf direktem Weg zu vermeintlichen Paradoxien wie Schrödingers Katze führt. In der modernen Physik geht es auch nicht darum, sich irgendetwas "vorzustellen". Das tun nur ahnungslose Laien, die gerne bunte Discovery-Channel-Videos anschauen, wo bunte Strings vor sich hintanzen. In der Tat geht es um statische Verhaltensregeln von Experimentalsituationen, nicht um euklidisch-geometrische Vorstellungen vom Aussehen von Elementarteilchen. Das Erlernen solcher statistischer Regeln gehört zur artgemäßen Grundausstattung des Menschen. Daran ist nichts Unnatürliches.
Ich hätte Stanford etwas mehr Professionalität zugetraut.
Persönlich denke ich, dass die Art Mensch in keinem Fall auf dem Weg zum Supermenschen ist. Dazu würde neben allfälligen Mutationen auch evolutiver Druck gehören. Den gibt es aber nicht mehr, weil die Art Mensch evolutiv zu erfolgreich war und sich vorerst ihr maßgeschneidertes Biotop geschaffen hat. De facto geht die Menschheit in nächster Zeit eher in Richtung Stagnation oder Degeneration bis wieder eveolutive Selektionsmechanismen greifen. Im Grunde sind Menschen wie Kaninchen. Sie vermehren sich exponentiell, bis eine größere Umweltkatastrophe zuschlägt und die Zahl der Individuen der Art drastisch reduziert (bei Kaninchen meist durch Myxomatose). Auf regionaler Ebene kann man diesen Mechanismus in der menschlichen Geschichte häufig beobachten, angefangen vom genetischen Bottleneck der Frühgeschichte über die vielen umweltbedingten Bevölkerungskatastrophen beispielsweise im antiken Ägypten, verschiedenen süd- und mittelamerikanischen Indianervölkern, den Osterinseln oder auch den Khmer (Angkor Wat). Das wird uns global auch noch bevorstehen (hoffentlich nach meinem Ableben).
Die Durchschnittsintelligenz der Menschen ist zu gering, um solche Katastrophen abzuwenden. Das wird in nächster Zeit die Zukunft der Menschheit sein und nicht irgendwelche Supermenschen.
2. Variabilität des Menschen
30.04.2013, Dr.-Ing. Adalbert Rabich, DülmenWas einst die Kunst des Überlebens als Funktion des Nutzens vom Nahrungsangebot war, das ist heute der ökonomische Erfolg; nicht immer gilt die Devise, bin ich klüger als der Nachbar, sondern habe ich mehr. Davon ist heute massenweise etwas in der Politik und Realität zu spüren.
Wenn wir heute für die Zukunft Prognosen heranziehen, so ist der Extremanteil der Verteilung von Intelligenz gefragt, die uns sicher als menschliches Wesen überleben lässt. Ein Supermensch mit Weisheit scheint keinen Vorzug zu genießen.
In der Rubrik "Mensch & Kultur" gibt es noch zwei weitere Artikel, die zur Thematik passen und eigentlich zusammen analysiert werden sollten. Zum Nachdenken und geistiges Folgern scheinen sie mir angebracht und dann komme ich wohl wieder darauf zurück.