Es ist zweifellos eines der größten Rätsel unserer Zeit: Wie funktioniert unser Gehirn? Neurowissenschaftler erforschen unser Denkorgan fieberhaft – allein innerhalb der letzten Dekade wurden zirka 500 000 Fachartikel veröffentlicht. Der "große Wurf" blieb bislang dennoch aus – und die Funktionsweise unseres Denkorgans damit weit gehend im Dunkeln. Schuld daran ist schlicht und ergreifend seine Komplexität: Wir besitzen schätzungsweise 100 Milliarden Nervenzellen, jede mit deutlich mehr als 1000 synaptischen Verbindungen. Die schiere Größe dieses Neuronendickichts in unserem Kopf ist unvorstellbar und zugleich ungemein faszinierend.
Die Europäische Union hat sich nun entschlossen, der Erforschung unseres Denkorgans einen Schub zu verleihen. Mit 500 Millionen Euro wird das European Future and Emerging Technologies Programme (FET) künftig das so genannte Human Brain Project (HBP) fördern. Die über 100 mit dem HBP assoziierten Forschungseinrichtungen verfolgen gemeinsam einen gewaltigen Plan: Sie wollen das menschliche Gehirn in einem Supercomputer simulieren. Ihre Vision: ein künstliches System, das in einem Modell alles integriert – von den Vorgängen in jeder einzelnen Nervenzelle bis hin zur Interaktion verschiedener, aus mehreren Milliarden Neuronen bestehender Hirnareale.
Mit dem so simulierten Gehirn wollen sie eines der Hauptprobleme der Neurowissenschaften überwinden: die Kluft zwischen Befunden mit "unterschiedlich hoher Auflösung". Wie es etwa vom Feuern einzelner Nervenzellen, vom Öffnen und Schließen ihrer Ionenkanäle zur Aktivationsausbreitung in Nervenzellverbänden kommt und wie sich dies wiederum auf die Kommunikation ganzer Hirnareale auswirkt, ist bislang äußerst unklar. Die vollständige Simulation des Gehirns könnte Licht in dieses Dunkel bringen und ein gänzlich neues Verständnis seiner Funktionsweise ermöglichen. Ein "virtuelles Gehirn" brächte zudem viele praktische Vorteile mit sich, argumentieren Befürworter des Projekts. An ihm könnten zum Beispiel Wirkungen und Nebenwirkungen von Psychopharmaka geprüft werden. Tierforschung würde in diesem Bereich dann obsolet.

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So weit die Vision. Ein genauer Blick auf das Projekt wirft jedoch Fragen auf. Woher nimmt beispielsweise Henry Markram, Leiter des HBP, die Gewissheit, dass die Simulation binnen zehn Jahren gelingen kann, wie er 2009 verkündete? Der charismatische Wissenschaftler verweist auf das Vorgängerprojekt des HBP, das Blue Brain Project an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne. Bei diesem sei es ihm und seinen Kollegen gelungen, die Aktivität einer der Grundeinheiten des Gehirns, einer 10 000 Nervenzellen umfassenden kortikalen Säule, per Computer zu simulieren. Die Großhirnrinde des Gehirns besteht aus sechs Schichten; eine kortikale Säule kann man sich als einen winzigen Würfel vorstellen, der alle sechs Schichten umspannt.
Der Sprung von der Simulation eines einzigen kleinen Kortexwürfels, noch dazu einer Ratte, hin zu einem virtuellen menschlichen Gehirn erscheint gewaltig. Markram geht jedoch davon aus, dass sich diese säulenartige Organisation im gesamten Denkorgan immer und immer wiederholt. Ob die Säulen aber tatsächlich essenzielle Einheiten des Gehirns bilden, ist jedoch längst nicht klar.
Davon abgesehen fällt aber noch ein viel schwerwiegenderes Manko ins Auge: Obwohl Markram nicht müde wird, die Simulation der kortikalen Säule zu verkünden, hat seine Forschergruppe diesen Befund nicht in einem einzigen Fachjournal publiziert. Das Blue Brain Project kann zwar eine Reihe herausragender Veröffentlichungen vorweisen, doch die besagte Simulation fehlt. Fachkollegen können daher nicht nachvollziehen, wie und unter welchen Bedingungen das Vorhaben geglückt sein soll. Und da sie nicht wissen, was tatsächlich ablief, können sie Markram und sein Team auch schlecht kritisieren. Wo das Human Brain Project momentan steht, bleibt also sowohl für die Forschercommunity als auch für die Öffentlichkeit schleierhaft.
Fraglich erscheinen auch die Aussichten des HBP: Inwieweit lassen sich überhaupt – sollte es das virtuelle Gehirn á la Markram tatsächlich einmal geben – aus ihm Erkenntnisse gewinnen? Rodney Douglas von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich gab beispielsweise im Magazin "Lab Times" zu bedenken, dass "alles, was eine Simulation erschaffen oder erklären kann, ein Ausdruck der vorab definierten Regeln des Modells ist". In der Tat lässt sich wohl bezweifeln, dass Forscher das Gehirn plötzlich verstehen, wenn sie nur eine ausreichend detaillierte Nachbildung davon im Computer "laufen lassen".
Vor diesem Hintergrund wirkt die Geldspritze an das HBP gewagt. Es bleibt zu hoffen, dass Markram und seine Kollegen mit ihren kortikalen Säulen tatsächlich auf der richtigen Spur sind und dass – sollte sich das Mammutvorhaben als eine Nummer zu groß erweisen – auf dem Weg zum Ziel technische und wissenschaftliche Fortschritte erzielt werden, auf denen andere Forscher aufbauen können. Und vielleicht profitieren am Ende ja sogar die EU-Bürger von dem Flaggschiffprojekt, das sie mit ihren Steuergeldern finanzieren.

Der Autor ist Redakteur bei "Gehirn und Geist". 
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1. Forschung nutzt allen.
26.01.2013, Manfred Eberling2. Nicht ganz so unerreichbar?
26.01.2013, Marcus GröberNach allem, was wir wissen, ist der komplette "Bauplan" für dieses gewaltige System in jeder einzelnen Zelle gespeichert, und macht dort einen gewissen Teil der geschätzten 3 Milliarden Basenpaare aus, von denen vermutlich ein großer Teil "nur" die Grundfunktionen einer Zelle (z.B. Proteinsynthese, Energiehaushalt, Zellteilung usw.) festlegt.
Was für die Architektur des Nervensystems übrigbleibt, reicht bei weitem nicht aus, um auch nur jeder einzelnen Zelle einen Platz zuzuweisen, von den Verbindungen gar nicht zu reden - so überlegt, sind es wohl viel mehr Regeln zur Musterbildung, die das Wachstum des Gehirns beschreiben und die sich in wesentlich weniger "Bits" beschrieben werden können.
Natürlich kommen dazu noch gewaltige Mengen an Informationen aus der Umwelt (einschließlich der menschlichen Kultur), die immer wieder in den Wachstumsprozess einfließen, doch vieles davon scheint leichter beobacht- und beschreibbar zu sein als die inneren Vorgänge eines "ausgelernten" Gehirns.
Um wieder den Bogen zur Simulation (und damit zum Artikel) zu bekommen: Theorien darüber, wie diese einfachen Wachstumsregeln aussehen könnten, die aus dem ständigen Strom von Sinneneindrücken im Laufe der ersten Lebens jahre genau die Regelmäßigkeiten extrahieren, mit denen wir das Geschehen in unserer Umwelt verstehen und zu einem gewissen Grad auch voraussehen können, sind vermutlich zur Zeit nur durch Simulationen zu testen.
Ob ein erfolgreicher Test solcher Wachstumsregeln dann als "Verstehen" betrachtet werden kann, ist evtl. sogar eher eine philosophische Frage - würde aber zumindest die Tür zu einer Unzahl weiterer Theorien öffnen.
Von daher erscheint mir die Annahme, dass Höchstleistungs-Rechner zumindest teilweise zur Lösung der offenen Fragen beitragen können und dass einmal gefundene Bauprinzipien auch auf mehreren Hierarchieebenen vorkommen, nicht so völlig abwegig - solange die resultierende Hardware zumindest im Prinzip offen und flexibel genug ist, um auch Theorien überprüfen zu können, die Wachstumsprozesse umfassen, und nicht ausschließlich auf die Simulation digitalisierter Momentaufnahmen eines ausgewachsenen Gehirns setzt (und dadurch möglicherweise während der Bauzeit von anderen Ansätzen überholt wird, wie es ja auch beim HGP durch die überraschenden Erfolge des "shotgun sequencing" passiert ist...).
3. Frage zu einem Detail
02.06.2013, Stefan PscheraWenn man das Gehirn nachbauen möchte, muss eigentlich dieses Detail bekannt sein.
4. zu einfach
05.06.2013, Stefan Pschera1. Aber ist das "Das Konnektom" Primärliteratur bzgl. Axon? Ein einzelner Forscher kann all die Details nicht erfassen.
2. Es gibt kein einheitliches Neuron. Jedes ist für sich optimiert. Die Neuronen mit langen Axon sind ein Typ, in der Hirnrinde sind die Axon kurz und schwer analysierbar. Welchen Typ bescheibt "Das Konnektom"