Noch nie waren Gene und Genome so populär wie heute. Nachdem Ende Juni die "Rohfassung" des menschlichen Genoms vorgestellt wurde, ist es jetzt nur eine Frage der Zeit, wann die Sequenz komplett vorliegt. Daher konzentriert die wissenschaftliche Avantgarde ihre Arbeitskraft bereits auf die nächste Aufgabe: Sowohl die Forscher als auch Pharmahersteller wollen die Eigenschaften der von den Genen codierten Proteine kennen lernen. Sie wollen wissen, welche Zellen was für Proteine bilden, ob ein Protein mit "Partnern" zusammenwirkt oder allein und wie sich eine gesunde Zelle in ihrer Proteinausstattung von einer kranken unterscheidet. Da die Eiweißmoleküle als viel versprechende Ansatzmöglichkeiten für neue Wirkstoffe gelten, fließt immer mehr Geld in die so genannte Proteomik: die Forschung, die diese Themen abdeckt.

Auf die Frage, was nach dem Genom kommt, lautet also die Antwort: Vor allem Boten-RNA- und Proteinmoleküle: Wenn die Erbsubstanz DNA der Bauplan der Zelle für die Konstruktion von Proteinen verkörpert, dann entspricht die ihr chemisch ähnliche Boten-RNA einem herauskopierten Teil dieses Plans, den ein Subunternehmer täglich mit auf die Baustelle nimmt. Die DNA bleibt im Zellkern; einzig die Boten-RNAs, die an aktivierten Genen als Abschrift entstehen, verlassen ihn und wandern zu den Proteinfabriken der Zelle.

Praktisch jede Körperzelle enthält zwar die gesamte Erbinformation, die einst die befruchtete Eizelle mitbekam, aber viele der Gene verstummen nach Abschluss der Embryonalentwicklung, liefern somit keine Blaupausen mehr. Andere Gene aktiviert der Zellapparat zu verschiedenen Zeiten und inaktiviert sie wieder, je nachdem, welchem Gewebeverband die Zelle angehört und welche Aufgabe ihre Produkte – meist Proteine – im Organismus erfüllen. Die spezialisierten Zellen in der Bauchspeicheldrüse zum Beispiel enthalten in der Regel viel Boten-RNA mit der Anweisung zur Herstellung des Hormons Insulin. In Gehirnzellen dagegen kommt diese RNA n