Mit Besorgnis verfolgen wir Forscher seit längerer Zeit die Entwicklung im Bereich der Pflanzenbiotechnologie. Auf Grund der andauernden politischen Diskussion, die in der so genannten grünen Gentechnik nur Risiken und keine Chancen sieht, ist es leider nicht unerwartet und wohl letztlich aus Firmensicht nur konsequent von BASF, diese Sparte an Standorte zu verlagern, die der Technologie und den daraus resultierenden Produkten positiv gegenüberstehen.
Es ist deprimierend mit anzusehen, wie eine Technologie ins Ausland abwandert, die maßgeblich in Deutschland entwickelt wurde: Die ersten transgenen Pflanzen weltweit erstellten Forscher 1983 am Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung gemeinsam mit Kollegen von der Universität Gent in Belgien. Die sich daraus ergebende wirtschaftliche Nutzung wird jedoch unter weit gehendem Ausschluss Deutschlands geschehen.
Anders als Entwicklungen in der Medizin müssen Pflanzen an den Standort angepasst sein, an dem sie wachsen. Pflanzen, die für den nord- und südamerikanischen Markt oder Asien entwickelt werden, lassen sich nicht einfach nach Europa transferieren. Damit ist die europäische Landwirtschaft von jeglicher neuen Entwicklung auf diesem Gebiet abgehängt. Dessen ungeachtet landen deren Produkte am Ende trotzdem auf unseren Tischen, ohne dass Europa Anteil an der entstehenden Bioökonomie haben wird. Darüber hinaus verschweigt man dem Verbraucher auf Grund eines unehrlichen Kennzeichnungsverfahrens, dass der überwiegende Teil der bereits heute in den Supermärkten verfügbaren Lebensmittel direkt oder indirekt mit Hilfe gentechnischer Verfahren hergestellt wird.
Die Situation erinnert an die 1980er Jahre, als sich die Genehmigung zum Bau einer Anlage zur gentechnischen Herstellung von Insulin der Firma Höchst so lange hinzog, bis das Insulin im Ausland produziert wurde. Joschka Fischer war damals als Umweltminister des Landes Hessen maßgeblich an dieser Entwicklung beteiligt. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass heute ausgerechnet Teile der Grünen unter anderem mit ökologischen Argumenten einen verstärkten Einsatz der Gentechik in der roten und weißen Biotechnologie unterstützen. Den Verweis auf eine erhöhte Umweltfreundlichkeit biotechnologischer Verfahren brachten dagegen schon in den 1980er Jahren die Befürworter dieser gentechnischen Verfahren vor, sie wurden aber von den Kritikern unter Hinweis auf angebliche Gefahren für Leib und Leben abgeschmettert.
Die Diskussion um die grüne Biotechnologie erscheint daher als ein Déjà-vu-Erlebnis. Die vielfältigen Umweltvorteile dieser Technologie werden negiert und eine theoretische, durch keinerlei Experimente abgesicherte Gefährdung von Mensch und Umwelt als Totschlagargument verwendet. Das politische "Nein" zur Anwendung mündet nun in dem Rückzug der Pflanzenbiotechnologiesparte eines großen Konzerns aus Deutschland. Damit verbunden ist die Abwanderung anwendungsrelevanter Forschung und in Folge davon auch von jungen Wissenschaftlern, die in Deutschland ausgebildet wurden und für die Praxis forschen möchten.
Das politische "Ja" zur Forschung erweist sich schon längst als Mogelpackung: Durch ein Klima der Nulltoleranz gegenüber der grünen Gentechnik ist nicht nur der kommerzielle Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen betroffen, sondern Freisetzungsversuche zu Forschungszwecken sind so gut wie nicht mehr durchführbar. Und auch der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen im Gewächshaus ist bereits jetzt schon zum Teil nur noch mit Einschränkungen möglich. Forschung ohne Anwendung führt jedoch in eine Sackgasse, unter der die Konkurrenzfähigkeit und die Qualität deutscher Forschung vehement leiden werden.


Der Autor ist geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam.


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1. Deprimierende Entwicklung
19.01.2012, Ulrich HeemannVerbirgt sich dahinter tatsächlich ein Meinungsstreit in der Redaktion (was diese Einschränkung rechtfertigen würde) oder ist es nur die gleiche Angst, die auch andere angesichts des zu erwartenden Widerspruchs einiger gesellschaftlicher Gruppen in solchen Situationen befällt und eine klare Positionsbeziehung oder - besser - substanzielle Positionsabwägung verhindert resp. diese nur einzelnen Vertretern überlässt.
In jedem Falle würde ich mir (mit der Bitte, obige etwas polemische Fragerstellung nicht zu persönlich zu nehmen) wünschen, dass zur grünen Gentechnik endlich einmal eine fundierte Darstellung aller Argumente und Gegenargumente erschiene, die mit solcher Ernsthaftigkeit erstellt würde, dass niemand an dieser Zusammen- bzw. Gegenüberstellung und ggf. auch den entsprechenden politischen Konsequenzen vorbei käme. Mir ist dabei durchaus bewusst, dass hierzu in Ihrer (sehr guten!) Zeitschrift schon einiges zu diesem Thema erschienen ist, aber (nach meiner Erinnerung) eher punktuell.
Mut!
Mit freundlichen Grüßen,
U. Heemann
2. Deprimierende Entwicklung nicht nur für grüne Gentechnik
19.01.2012, E. BieskiDurch diese Einstellung breiter Schichten wird technischer Pioniergeist und die Wissenschaftsforschung gerade für neue und noch nicht weltweit etablierte Grundlagen und Prozesse mehr und mehr nun auch nach außerhalb Deutschlands abwandern. Wen wundert es. Aber gerade diese Prozesse sind es, die vor allem unsere wirtschaftliche Zukunft mitbestimmen. Ohne Risiko keine Weiterentwicklung und kein Fortschritt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Auswirkungen klar erkennbar werden. Hoffentlich ist es dann nicht zu spät für Kurskorrekturen.
3. Mehr Information dringend nötig!
19.01.2012, Jimmy4. Gute Nacht, Europa
19.01.2012, Axel Siegler5. Guten Tag, Europa!
19.01.2012, Philipp K.Die ökologischen Konsequenzen von freigesetzten und sich möglicherweise auskreuzenden Bt-Genen dürfen auch die "Öko"-Skeptiker nicht aus den Augen lassen. Außerdem ist es auch Faktum, dass gerade in den Entwicklungsländern, die ja laut Monsanto & Co. so von eben diesen Technologien profitieren, tödliche Abhängigkeiten entstehen (von der Terminatorsorte bis zur Bodenverarmung).
Ich bin selbst in der Molekularbiologie tätig, also sicher kein polemischer "Ökofritze", und stehe als Kritiker auch in meinem Fach nicht alleine da. Ich sehe die hierzulande herrschende Skepsis gegenüber der grünen Gentechnik auch nicht als "blindwütige Verteufelung" sondern eher als zivilgesellschaftliche Entwicklung: nicht alles schlucken was einem als "toll" verkauft wird!
Was den Herrn Siegler angeht, würde mich interessieren an welche "Gestaltungsmöglichkeiten" er denn denkt... Die technologischen Vorteile sind nach wie vor umstritten, und ebenso kaum je unabhängig geprüft worden.
6. Wohl der Menschheit? Profitinteressen der Konzerne!
19.01.2012, Gerhard Pahlnach meiner Überzeugung dient die Forschung in der Grünen Gentechnik nicht dem Wohl der Menschen sondern der Profitmaximierung von Konzernen – und so lange das so ist, bin ich entschieden für null Toleranz und Umkehrung der Beweislast im Falle von Schädigungen durch GVO-Anbau und -Verwendung!
Bestes Beispiel ist Monsanto (No food shell be grown that we don’t own), ein Konzern, der mit kriminellen Mitteln versucht, Umweltskandale (Dioxin) zu vertuschen, Farmer mit angeblichen Lizenzrechtsverletzungen zu erpressen und ggf. in Konkurs zu treiben, Kleinbauern in Entwicklungsländern von seinen Patenten abhängig zu machen und die Öffentlichkeit über die Eigenschaften seiner Produkte zu belügen. Und das in den USA dank guter Lobbyarbeit mit Unterstützung aus der Politik, z.B. durch zwei Generationen Bush!
Und wo liegen derzeit die Vorteile für die Menschen? Die Roundup-Ready-Technologie führt zu verstärktem Einsatz des Totalherbizids, dessen Grundwasserneutralität stark angezweifelt werden muss. Auch die Unschädlichkeit von BT-Mais im Tierfutter darf angezweifelt werden. Und seit bekannt ist, dass miRNAs aus der Nahrung Auswirkungen auf den Stoffwechsel des Konsumenten haben (können), wird ein weiteres Risikopotenzial von GVOs in Nahrungsmitteln offenkundig. Auf Naturschutzaspekte durch Monokulturen will ich hier gar nicht weiter eingehen.
Auf die Unehrlichkeit des Kennzeichnungsverfahrens weisen Sie in Ihrem Beitrag zu Recht selbst hin. Aus meiner Sicht ist auch das das Ergebnis von erfolgreicher Lobbyarbeit und durch sonst nichts gerechtfertigt als durch Profitinteressen.
Nicht verkennen darf man meines Erachtens aber auch die Chancen, die die Gentechnik eröffnet: Sie nennen die gentechnische Herstellung von Insulin, und man könnte zahllose Beispiele ergänzen wie Medikamente für Bluter, aber auch Zusatzstoffe für die Lebensmittelgewinnung (z.B. Lab). Der entscheidende Unterschied ist aber der, dass es hier – verantwortungsbewusste und optimal kontrollierte Produktionsbedingungen vorausgesetzt – zu keiner Freisetzung von GVOs kommt, sondern nur das naturidentische Genprodukt zur Anwendung kommt.
7. Angst kann auch gefährlich sein
19.01.2012, Norbert H. Burchartz8. Sauber argumentieren und überzeugen
19.01.2012, Dr. Karl-Heinz KlärZwei Hinweise.
Ökonomie: Die stärksten Widerstände gegen den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen stützen sich nach meiner Erfahrung und Einschätzung in der Europäischen Union schon seit Längerem nicht mehr auf fachliche, pseudofachliche oder ideologische Raisonnements, sondern auf ... ökonomische. Nehmen Sie die Toskana. Dort ist der Widerstand gegen gentechnisch veränderte Organismen nahezu 100 Prozent. Warum? Weil die Marke "Toskana" in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit (nicht nur Italiens) das gerade Gegenteil von Gen-Food ist und ums Verrecken nicht gefährdet werden soll.
Risiko: Ich verbinde mit der grünen Gentechnik ein kleineres Risiko als mit Mutation und Selektion im evolutionären Prozess. Bei der roten Gentechnik bräuchte ich trotz positiver Einstellung zwei, drei Sätze mehr, um meine Haltung zu beschreiben und zu begründen. Was dagegen die so genannte friedliche Nutzung der Atomenergie durch Atomspaltung anlangt: Ich bin nachweisbar seit Anfang der 1970er Jahre ein scharfer Gegner dieser Art der Energiegewinnung.
Warum erwähne ich das? Weil es in die Irre führt, Debatten wie z. B. die zur grünen Gentechnik unter einem allgemeinen Rubrum wie "Risiko", "Risikoabneigung", "Risikoscheu" etc. anzustrengen und weltanschaulich aufzuladen. Es ist nicht wahr, dass es in der gesellschaftlichen Debatte sinnvollerweise um DIE Risiken der technischen Entwicklung gehen könnte. Sinnvollerweise kann es immer nur um je spezifische Risiken und um damit verbundene Argumente gehen.
Wenn alle Leute, denen dies nach ihrer Ausbildung einleuchten müsste, sich an die Regeln des sauberen Argumentierens hielten, wäre etwas für die öffentliche Diskussion gewonnen.
9. Verhindern kann man derzeit weltweit so gut wie keine Anwendung wissenschaftlicher Ergebnisse
20.01.2012, E.Bieski10. Einschätzung von Herrn Willmitzer wird geteilt
04.02.2012, Dr. J.GötzDer Wissenschaft vertraut man eher weniger, weil man zu ihr ein zwiespältiges Verhältnis hat. Einerseits zwar Respekt vor der wissenschaftlichen Leistung, aber auch Furcht, weil von Otto Normalbürger nicht zu verstehen. Die Medien machen ihrerseits aus dieser Situation das große Geschäft: Sie versehen halb Verstandenes mit einer reißerischen Überschrift und verkaufen es.
Und auf diese Art und Weise werden in der breiten Masse Grundhaltungen aufgebaut, die mehr von Halbwahrheiten und Emotionen, aber gerade nicht von Kenntnissen bestimmt sind. Und dann gibt es noch Politiker und Wahlen. Eine hervorragende Darstellung zu deren Rolle findet sich in ZRP 1/2006 S. 10 ff in dem Artikel "Die Wahlabhängigkeit der Politiker als Funktionsmangel der Demokratie" von Herr Prof. Dr. Dr. hc. W. Schmitt Glaeser. Diesem Artikel ist nichts hinzuzufügen, außer, dass so auch die so genannte "Energiewende" 2011 zustande gekommen ist.