Fast 90 Prozent des in Europa verbrauchten Zuckers werden aus heimischen Zuckerrüben gewonnen - verdickten Wurzeln, die große Mengen von Reservestoffen enthalten. Mit ihrer Hilfe würden die Pflanzen im zweiten Lebensjahr Blüten und Früchte bilden. Daher ernten Bauern die Rüben am Ende des ersten Jahres, bevor die Pflanzen eine Chance haben, zu blühen und dafür die gespeicherten Stoffe wieder zu verbrauchen.
Manchmal kann man dennoch auf Rübenfeldern die ungeliebten "Schosser" sehen: die unscheinbaren Blütenstände von Beta vulgaris, die rund anderthalb Meter hoch hinauswachsen und nicht nur die maschinelle Ernte stören, sondern auch die Erträge mindern. Einzelne Exemplare blühen nämlich schon in ihrem ersten Lebensjahr – und gleichen darin ihren wilden Verwandten. Denn vor der züchterischen Selektion auf immer höheren Zuckergehalt wurde aus der einjährigen Wilde Rübe Beta vulgaris subsp. maritima die zweijährige Zuckerrübe Beta vulgaris subsp. vulgaris.
Lassen sich die Mechanismen, die über den Blütezeitpunkt bestimmen, im Erbgut ausfindig machen? Könnte man daraus weiterreichende Schlüsse auch für andere Pflanzen ziehen? Und ließen diese sich vielleicht sogar nutzen, um den Zeitpunkt von Blüte oder Reife gezielt zu verändern? Solchen Fragen gehen wir am Institut für Pflanzenzüchtung der Universität Kiel in einem internationalen Verbund mit Wissenschaftlern aus Schweden und Großbritannien nach. Seit vielen Jahren beschäftigen wir uns vor allem mit der Entwicklung von Zuckerrüben und ihren wilden Verwandten und blicken dabei mit den modernsten Verfahren der Biobeziehungsweise Gentechnik tief in das Erbgut der Pflanzen

Christian Jung ist Direktor des Lehrstuhls für Pflanzenzüchtung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Am 11. April 2013 diskutiert er mit beim Forum Mensch-Natur-Technik zum Thema "Farbe der Hoffnung? Grüne Gentechnik und ihre Versprechen".
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1. Von wegen Pflanzen nach Maß
01.02.2013, Edith Sachse, BurggrumbachDie Autoren schreiben selbst vom „Zufallsprinzip“, nach dem bis vor Kurzem artfremde Gene in Pflanzengenome integriert wurden, was unerhört ist, wenn man weiß, dass gerade auch die Abfolge der Gene und ihr Zusammenspiel wesentlichen Einfluss auf die Eigenschaften der Pflanze nehmen. Selbst bei genauer Lokalisierung des Integrationsorts bleiben unendlich viele Unwägbarkeiten: Sequenzänderungen, Deletionen, Fragmentinsertionen und Füll-DNA sind Veränderungen, die bei Gentransfer häufig auftreten, aber hier einfach verschwiegen werden. Zudem spielen die jeweiligen Umweltbedingungen eine gravierende Rolle bei der Ausprägung des Phänotyps der genveränderten Pflanze. Epigenetik ist hier das Stichwort. Das kann vor allem auch auf den Sekundärstoffwechsel (z. B. Gifte, Harze, Carotinoide, Duftstoffe u. v. a.) gravierende Auswirkungen haben, die gar nicht sofort als solche erkannt werden und erst viel später zum Tragen kommen.
Selbst das Umweltbundesamt schreibt 2002: „Gene wirken niemals isoliert, ihre Wirkung wird durch den genetischen Hintergrund (also alle anderen Gene, Anm. d. Lesers) und die Umwelt (mit)bestimmt.“
Noch ein Wort zur Verwendung von Resistenzgenen als Marker: Schlimm genug, dass Antibiotika-Resistenzgene beim Menschen schon vorkommen. Muss man sie durch verantwortungslosen Einsatz in der Gentechnik auch noch vermehren und Menschenleben aufs Spiel setzen, wenn kein Antibiotika mehr wirkt?
Zur eingebauten Schädlingsabwehr mittels Bt-Genen in Mais wird im Artikel folgendes verschwiegen: das eingebaute Gift wirkt leider auch auf so genannte Nichtzielorganismen, wie z. B. verschiedene Schmetterlinge, Motten und parasitäre Insekten und kann sie beeinträchtigen oder gar töten. Zudem ist das Gift in hoher Konzentration im Mais enthalten und gelangt so ins Viehfutter und reichert sich über Erntereste und Dung im Boden an. Untersuchungen zu den Folgen für die Pflanzenfresser und Bodenlebewesen gibt es leider kaum.
Neben Neugier, Forscherfreude und dem Willen zur Verbesserung landwirtschaftlich wichtiger Eigenschaften von Pflanzen ist wohl auch die Befriedigung von Industrie-Interessen als wichtige Triebkraft für Pflanzenzüchter, insbesondere im Bereich der Gentechnik zu nennen. Fast alle Saatgutfirmen sind heute in Konzernhand und entweder mit der Pflanzenschutzindustrie eng verbunden oder gar mit ihr identisch. Die Lobby, die auf die Saatgutforschung einwirkt, ist sehr finanzkräftig und mächtig. Die Industrie hat vor allem an den Genpflanzen ein spezielles Interesse, da sie hier gleich mehrere Geschäfte auf einmal machen kann: Die Pflanzen sind patentiert und dürfen von den Landwirten nicht nachgebaut werden. Die Bauern müssen jedes Jahr neues Saatgut kaufen und erhalten nur eine Lizenz für den Anbau. Bei Roundup-Ready-Pflanzen muss auch das entsprechende Herbizid der gleichen Firma gekauft werden. Insofern stimmt die Überschrift aus dem Artikel: „Kommerzieller Großerfolg“. Dass dabei die Landwirte vor die Hunde gehen, weil sie immer größere Probleme mit Resistenzen ihrer Pflanzen bekommen und bei großflächigem Besprühen der Felder mit Flugzeugen massive gesundheitliche Probleme der Anwohner auftreten, wird hier geflissentlich unterschlagen.
Auch weitere Problemfelder der Agro-Gentechnik wie Koexistenzfragen, Nichtrückholbarkeit und Bedrohung der Artenvielfalt werden im Artikel von Jung und Möhring völlig außer Acht gelassen. Es entsteht so der Eindruck, die Gentechnik bei Nutzpflanzen sei zwar mit ein paar kleinen technischen Problemen behaftet, aber dank „genauer Kenntnis der Zielgene und ausgeklügelter Technik“ ein Segen für die Züchtung. Der Übergang zwischen biotechnologischen Methoden in der konventionellen Züchtung und dem, was gemeinhin als „Agro-Gentechnik“ bezeichnet wird, nämlich dem Einfügen artfremder Gene in das Genom einer Nutzpflanze, wird irreführend als fließend dargestellt.
Zugutehalten muss man den Autoren, dass sie als Motivation für die Agro-Gentechnik nicht die Befriedigung des Welthungers anführen. Denn dieses Argument ist längst widerlegt. Soja, Raps, Mais und Baumwolle sind die zurzeit genutzten Transgenpflanzen. Sie dienen nicht der Ernährung in den Entwicklungsländern, sondern größtenteils der Fütterung unserer Masttiere! Spätestens seit dem Erscheinen des Weltagrarberichts ist klar, dass der Hunger auf der Welt nicht mit industrieller Landwirtschaft, wie sie die Gentechnik impliziert, gelöst werden kann. Nur eine klein- und mittelbäuerliche, nachhaltige und vielfältige Landwirtschaft wird in der Lage sein in Zukunft die Menschheit zu ernähren.
Auch wenn im Anschluss und im „Kasten“ noch auf alle möglichen humanitären oder der Menschheit zuträglichen Zwecke der Gentechnik verwiesen wird, erscheint es fast wie eine Farce, wenn im letzten Kapitel mit aufgesetzter Ehrfurcht vor der Biologie des Lebens bekannt gegeben wird, dass man die Rückschläge der letzten 30 Jahre zwar zur Kenntnis nimmt, aber dennoch weiter „genauer hinschauen“ wird, frei nach dem Motto „Wir wissen nicht was wir tun, aber wir fangen schon mal damit an.“
Siehe dazu auch:
Das unterschätzte Risiko, Interviews mit neun WissenschaftlerInnen zum Thema gentechnisch veränderter Pflanzen, Greenpeace, Hamburg, 2005
2. Dank an Edith Sachse
04.02.2013, Hubert Kreft, BerlinIch möchte aber nicht versäumen, meine Missbilligung über einen wieder beschönigenden Artikel auszudrücken, so dass ich schon eine Weile überlege, das Abo zu kündigen, zumal auch spekulative Artikel immer mehr Raum einnehmen.
3. Pollenflug
15.05.2013, G. Trixl, Zürich