Spinat enthält viel Eisen, lesen bei schlechtem Licht schadet den Augen, und einen Kaugummi verschlucken ist schlecht für den Magen. Das Gemeinsame dieser drei Aussagen? Genau – es handelt sich um Mythen. Wissenschaftlich lässt sich keine der Behauptungen stützen. Auch um unser Denkorgan ranken sich Legenden, die trotz zweifelhafter Grundlage in der Öffentlichkeit kursieren. Die Komplexität des Gehirns, der Boom neurowissenschaftlicher Forschung und das große Interesse der Bevölkerung bieten einen idealen Nährboden für die Verbreitung von Halbwahrheiten. Und manch hartnäckigem Mythos sind nicht nur Laien, sondern auch Wissenschaftler – ich eingeschlossen – schon auf den Leim gegangen. Höchste Zeit für eine Klarstellung

Stephan Schleim ist promovierter Kognitionswissenschaftler und Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen (Niederlande). Seine Forschungsschwerpunkte sind Theorie sowie öffentliche Debatte der kognitiven Neurowissenschaft. 

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1. Mythos Mythen
13.04.2012, Prof. Dr. Hans J. Markowitsch, BielefeldMythos 6: "Neurowissenschaftler haben bewiesen, dass der freie Wille eine Illusion ist." Hier kritisiert Schleim den häufig gemachten Rekurs auf die Libet-Experimente, die in seinen Augen nicht relevant sind, weil "das langfristige Planen von Handlungen ... sich ... als sehr wichtig herausgestellt [hat]" (S. 43). Auch in diesem Beispiel sehe ich eher einen aufgebauten Strohmann: Zum einen erlaubte das Versuchsdesign bei Benjamin Libet ja gerade kein langfristiges Planen, zum anderen ist das Paradigma nicht zentral für den Nachweis eines determinierten Willens. Stattdessen sehe ich diesen in der Kombination aus unseren genetischen Anlagen, den lebenslang gemachten und sich im Gehirn manifestierten Erfahrungen und den gegenwärtig auf uns als Person einwirkenden Umfeldvariablen (einschließlich möglicher stochastischer Prozesse). Wie Schleim einfach zu behaupten, dass unsere Entscheidungen dann frei seien, wenn wir sie im Einklang mit unseren Wünschen und Überzeugungen träfen, ist mir zu kurz gedacht. Schließlich kommen unsere Wünsche und Überzeugungen ja auch nicht aus der Luft, sondern sind entstanden aus unserer biologischen Bedingtheit und unseren Erfahrungen und damit durch diese determiniert. Hätte man andere Erfahrungen gemacht, würde man eine andere Aktivitätskonstellation im Gehirn haben, die dann zu genau einer vordeterminierten (und keiner alternativen) Entscheidung führen würde. Ein freier Wille bleibt neurowissenschaftlich betrachtet eine Illusion, wie schon Sigmund Freud formulierte - vielleicht eine nützliche, weil sie, vor allem von limbischen Hirnstrukturen kreiert, unser Überleben fördert.
2. Der freie Wille doch eine Illusion?
06.05.2012, Michael H. GreveIn einem Punkt irrt jedoch Professor Schleim nach meiner Meinung. In seinem "Neuromythos" Nr. 6 ("Neuroforscher haben bewiesen, dass der freie Wille eine Illusion ist") schreibt er zum Thema Determinismus und freier Wille, Zitat:
"Gemäß neuerer philosophischer Entwicklungen im 20. Jahrhundert folgen wieder mehr Fachleute einer so genannten kompatibilistischen Sicht: Nicht ob wir determiniert sind oder nicht, sondern was uns determiniert, ist essenziell (...) Die unlösbare Frage, ob jeder Zustand des Universums eindeutig durch den vorherigen Zustand und die Naturgesetze festgelegt ist, verliert an Bedeutung."
Seit der Formulierung der Unbestimmtheitsrelation durch Werner Heisenberg in den 1920er und 1930er Jahren gibt es in der Tat wachsende Zweifel an der absoluten Determiniertheit der Welt, und die Wissenschaft wird kaum in absehbarer Zukunft diese Frage endgültig klären können. In dem Maße, wie der Determinismus als Argument an Bedeutung verliert, wird aber die Kausalität als Ursache von Handlungen durch neue Erkenntnisse in der Genetik und der Psychologie des sozialen Zusammenspiels hingegen noch erhärtet. Heute erkennen wir, dass alle unsere Handlungen durch Vererbung, Umwelteinflüsse und Erfahrungen geprägt werden, die unsere Ziele, unsere Meinungen, ja selbst unser Weltbild bestimmen. Die Frage ist doch: Kann der Mensch bei gegebenen Zielen, Kenntnissen und Erfahrungen in irgendeiner Weise anders entscheiden, als er dies ohnehin täte? Subjektiv meinen wir, eine Wahl zu haben - doch ist das nicht am Ende nur Illusion?
Das Problem, einen Urbeweger für unsere Entscheidungen zu finden, bleibt: Wir möchten, dass unser freier Wille eine Wahl ohne Regeln ist, eine Wahl, die nicht eingeengt wird durch irgendwelche Gesetzmäßigkeiten. Doch wenn wir unsere Regeln aufgeben, wodurch sollen wir diese dann ersetzen? Vielleicht durch den Zufall von Quantenfluktuationen - wäre das besser oder gar wünschenswerter?
Das Problem mit der geistigen Freiheit ist, dass wir immer so wählen, wie es uns unsere Ziele und Begehren vorschreiben. Harry Frankfurt, Philosophieprofessor in Princeton sagt, dass dazu Gedanken zweiter Ordnung wichtig sind. Solche Gedanken hat man dann, wenn man will, dass ein Begehren zum Wunsch wird. Die Umsetzung dieses Wunsches sei die Handlung die unseren freien Willen belegt. Jedoch wird dadurch das Problem der freien Entscheidung lediglich ins Unterbewusste verschoben, dorthin wo wir keinen Einfluss mehr auf die Wahl haben.
Warum ist es für uns wichtig, einen freien Willen zu haben? Wenn wir durch unsere Gefühle und Ansichten zu Entscheidungen getrieben werden, entspricht das nicht genau unserem Wunsch? Nehmen wir an, wir wüssten sehr genau über unsere Werte und Ansichten Bescheid. Dann wäre es doch in unserem eigenen Interesse, wenn unsere Entscheidungen stets durch unsere Bedürfnisse bestimmt wären. Müssen wir nicht sogar hoffen, dass es so ist, weil unsere Entscheidungen sonst bloße Akte der Willkür wären?
Die Kausalität unseres Denkens ist also ebenso schwer anzuzweifeln, wie sie zu beweisen ist. Die Tatsache bleibt: Wir legen uns so fest, wie wir entscheiden, und nicht anders. Das Problem des freien Willens ist doch, obwohl wir uns gegenseitig so behandeln, als wären wir in unseren Entscheidungen frei, haben wir in Wirklichkeit keine echte Alternative zur Vorstellung, dass unser Verhalten durch ein verinnerlichtes Regelwerk von Psychologie und Genetik gesteuert wird. Was bleibt davon noch übrig als die bloße Illusion eines freien Willens?