Hirnforschung
Wie Genies denken
Untersuchungen mentaler Prozesse bei Schachmeistern zeigen: Für Staunen erregende geistige Leistungen – gleich auf welchem Gebiet – braucht es keine Ausnahmebegabung, sondern nur stetigen Drill.
Ein Mann geht an einer Reihe von Schachtischen entlang, die kreisförmig um ihn aufgestellt sind. An jedem lässt er zwei bis drei Sekunden lang seinen Blick über eine Partie schweifen und zieht eine Figur. Auf der Außenseite des Kreises sitzen Dutzende von Amateuren, die über den nächsten Zug nachdenken, bis ihr Gegner nach vollendeter Runde wieder bei ihnen angelangt ist. Wir schreiben das Jahr 1909. Der Mann ist José Raúl Capablanca aus Kuba und sein Triumph ist total: Er gewinnt alle 28 Partien. Das Simultan- Turnier absolvierte er im Rahmen einer Tour, auf der er 168 Siege in Folge errang.
Wie schaffte es der Kubaner, in diesem Tempo so gut zu spielen? Und wie tief konnte er in der kurzen Zeit die Partie analysieren? »Ich sehe nur einen Zug im Voraus«, soll Capablanca gesagt haben, »aber der ist immer der richtige.« Mit diesem Bonmot brachte er auf den Punkt, was psychologische Untersuchungen in den hundert Jahren seither ergaben: Die Überlegenheit eines Schachmeisters gegenüber Anfängern zeigt sich vor allem in den ersten Denksekunden.
Auch Experten auf anderen Gebieten brillieren mit solch einem schnellen fachbezogenen Auffassungsvermögen, für das Leibniz einst den Begriff Apperzeption prägte. Ebenso wie sich ein Schachmeister alle Züge einer Partie, die er gerade gespielt hat, merken kann, vermag ein versierter Musiker die Partitur einer nur einmal gehörten Sonate niederzuschreiben. Und wie der Schachmeister den besten Zug im Handumdrehen findet, kann ein erfahrener Arzt in einer nur wenige Augenblicke dauernden Untersuchung eine akkurate Diagnose stellen.
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Philip E. Ross ist externer Redakteur bei Scientific American und selbst Schachspieler. In seiner Spielstärke liegt er 199 Punkte hinter seiner Tochter Laura, einer nationalen Meisterin.
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1. Genie ist Fleiß
21.12.2006, Prof. Dr. Hans Schulte, Karlsruhe2. Bitte nicht nochmal
26.12.2006, Heiner Schilling, DarmstadtDie Behauptung, daß Anlagen, Talent im Vergleich zur Motivation nur eine untergeordnete Rolle spielen, die man nur - möglichst bereits pränatal - kräftig drillen müsse, kommt einer Arbeitsgarantie für Familientherapeuten nahe, die sich bereits kräftig über volle Praxen mit am Ehrgeiz der Eltern gescheiterter Kinder freuen dürfen.
Ich wäre gespannt über die Ergebnisse einer vergleichenden Studie über Alkoholismus von Q1-Fussballern, die es trotz brennender Motivation nicht geschafft haben.
Kleiner Tipp: Der Farbenblinde wird kein Maler, der Zwergwüchsige scheitert im Basketball, wem Gott - an den ich nicht glaube - kein gutes Gehör geschenkt hat, der sollte besser seinen Ehrgeiz nicht auf Musik lenken.
Förderung - auch früh: Ja bitte! Rücksichtsloser Drill, nein Danke.
3. Anmerkungen
28.12.2006, Florian Fruth, HeidelbergAußerdem sollte man erwähnen, dass es heutzutage einfacher ist, einen Großmeistertitel zu erlangen, als dies noch zu Zeiten Robert Fischers der Fall war, da das System damals ein anderes war und es zweitens eine Art Inflation der Elo-Zahl gibt (auch wenn man vielleicht den Flynn-Effekt wieder herausrechnen müsste).
Drittens wollte ich unterstreichen, dass es natürlich auch in der Mathematik notwendig ist, viel "geübt" zu haben, um brillant zu werden. Doch reicht das keinesfalls aus, was Sie in dem Artikel nicht explizit so formulieren, es aber durch das Gauß-Beispiel latent mitschwingen lassen.
In dem Beitrag wird weiter dargelegt, warum Übung wichtiger ist als Talent. Das heißt aber nicht, dass absloute Spitzenkönner (wie Mozart) produzierbar sind (so wie Judit Polgar auch wesentlich schwächer als Kasparow ist). Mit der richtigen Erziehung allein kann man nicht aus jedem einen Mozart machen. Talent bzw. Lernschnelligkeit spielt sicher auch eine Rolle. Ich will nur betonen, dass es sich nicht ganz so einseitig verhält wie in Ihrer bewusst überspitzten Formulierung. Sicherlich wird die Übung zurzeit noch unterschätzt.
4. Zu wenig Genies in Deutschland
02.01.2007, Name und Wohnort sind der Redaktion bekanntZudem werde ich als informierter Lehrer gezwungen, entgegen meinem besseren Wissen nur noch Prinzipien zu unterrichten, die nicht auf “bedeutungshaltige Muster basieren„ dürfen.
Eine noch größere Sorge bereitet mir das lückenhafte und kaum durchdachte Konzept der Ganztagesschule. Der talentierte Schüler, der motiviert ist, mehr können zu wollen als andere, und das besonders, wenn dies auf einem für ihn speziell zugeschnittenem Gebiet ist, kann dies nicht mehr machen, weil ihm keine Zeit dazu gelassen wird. Eine Schachgroßmeisterin zu werden, die von ihrem Vater 6 Stunden täglich trainiert wird, ist in unserem neu geschaffenen und zu schaffenden Schulsystem leider nicht mehr möglich.
Meine eigenen Töchter werden ihr Talent im Turnen bald aufgeben müssen, weil sie keine Zeit durch Nachmittagsunterricht und späte Hausaufgaben haben werden, nur um das zu lernen, was nach Ihrem Artikel sowieso weder im Sport noch auf geistigem Gebiet zu großen Leistungen führt.
Auch als Lehrer muss ich immer mehr Zeit in der Schule absitzen, nur um meine schiere Anwesenheit zu bezeugen. Ich werde also auch bald keine Zeit mehr haben meine Ansprüche im Unterrichten zu steigern, indem ich Ihre Zeitschrift aufmerksam lese, „meine Leistung daraufhin analysiere, Lehren daraus ziehe und meinen Unterricht verbessere“.
Das passiert in einer Bildungslandschaft eines Landes, das angewiesen ist auf das geistige Potenzial seiner Staatsbürger.
5. Wie Genies (nicht) denken
06.01.2007, Wolfgang GegnerDieser Beitrag eignet sich bestens als Schlußbeitrag einer Schachzeitschrift. Die Qualität der Argumentation halte ich jedoch einer Zeitschrift mit dem Anspruch Wissenschaft für nicht würdig; schon gar nicht als Titelbeitrag.
6. Besser Denken=besser lernen
15.01.2007, Kristine Pews, Frankfurt (Oder)Sehr gut finde ich die Betonung, dass es weniger auf Talent, sondern auf das Training, die Motivation, ankommt. Ich bin Schachtrainerin und weiß, wenn ein Kind leuchtende Augen beim Anblick von Schachfiguren bekommt, dann birngt jedes Schachtraining etwas. Egal, ob es mal ein Großmeister wird oder ein begeisterter Vereinsspieler.
Die Schüler, die durch das Schachtraining wirklich das Denken lernen - das sind bei weiten nicht alle - haben es auch beim Erlernen des Unterrichtstoffes leichter. Bei einem Mädchen in der Altersklasse U12 konnte ich das sehr gut beobachten. Sie hatte eine leichte Lese-, Rechtschreibschwäche und holte bei Diktaten Zensuren zwischen 3 und 5. Durch das Schachtraining und intensive Betreuung bei Turnieren kam sie im Jahr 2006 auf eine DWZ von 1420 (etwa 1550 Elo) und in Rechtschreibung auf 1.
Ich persönlich erlebte diesen Effekt auch in meiner Jugend, im Alter von 15-18 Jahren. Wenn ich mich intensiv mit Schachproblemen und Eröffnungstheorie beschäftigte, lernte ich auch schneller Vokabeln und anderes.
Dieser Artikel bringt mir einen richtigen Motivationsschub.
7. Genie versus Virtuosität
29.03.2007, Dr. S. Möller, Trakehnerweg 4, 37603 HolzmindenStörend in der aktuellen Diskussion ist der nicht korrekte Gebrauch des Begriffs "Genie". "Genie = ein Mensch, der im Unterschied zum Talent nicht nur im Rahmen des Überkommenen Vollkommenes leistet, sondern neue Bereiche des Schaffens erschließt ...; dass das Genie starke geschichtliche Wirkung auslöst..." Ein Genie wie Mozart oder Newton hinterlässt - aufbauend auf den aktuellen Stand der kollektiven menschlichen Entwicklung - Spuren, die die kollektive menschliche Weiterentwicklung ermöglicht.
Insofern sind Schachspieler ebenso wie hervorragende Interpreten in der Musik eher Virtuosen, aber keine Genies. Dies gilt auch für "Rechengenies" - seien es Nomalbegabte oder so genannte Savants mit Inselbegabungen. Sie gehen virtuos mit Zahlen um, was einen enormen Übungsaufwand erfordert, aber der Stand der aktuellen Mathematik wird weder verstanden noch weiterentwickelt (im Gegensatz zum Aufstellen neuer mathematischer Sätze etwa durch Gauss oder Hilbert). Ein Genie beherrscht nicht nur den aktuellen Stand, sondern schafft über die Ebene der Abstraktion zugleich Neues - dies ist das kreative Element des Genies.
Letztendlich ist die Hypothese vom "angestrengten Üben" verlockend, tatsächlich findet ja eine Weiterentwicklung nur bei stetig steigenden Anforderungen statt. "Angestrengt" klingt aber recht negativ und vernachlässigt den Einfluss der Emotionen auf den Übungserfolg. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Kind freudig neue Herausforderungen sucht - was zu anstrengungsarmem Üben führt - oder eben sich angestrengt neuen Herausforderungen stellt. Die Emotionalität schlägt sich in der unterschiedlichen Aktiverung entsprechender Hirnareale nieder. Auch ist die Freude am Lernen, Ausprobieren und Bewältigen schwieriger Aufgaben eine andere Motivation als das Gewinnenwollen im Vergleich mit anderen. Insofern gefällt mir der Diskussionsbeitrag der Schachtrainerin "Kinder mit leuchtenden Augen" besonders gut: Kinder, deren Augen beim Schachspiel oder Hören von Geigentönen leuchten, werden durch die positiven Emotionen beflügelt; sie fordern immer mehr und üben anstrengungsarm. Dies ist ein eher selbstgesteuerter Prozess, der vermutlich seinen Urprung in der motorischen Disposition hat. Eine solche emotionale Disposition zeigen alle wirklichen Genies - auch von Mozart weiß man, dass er ein sehr liebevolles, zärtliches Kind war.