Textauszug:

Ein Mann geht an einer Reihe von Schachtischen entlang, die kreisförmig um ihn aufgestellt sind. An jedem lässt er zwei bis drei Sekunden lang seinen Blick über eine Partie schweifen und zieht eine Figur. Auf der Außenseite des Kreises sitzen Dutzende von Amateuren, die über den nächsten Zug nachdenken, bis ihr Gegner nach vollendeter Runde wieder bei ihnen angelangt ist. Wir schreiben das Jahr 1909. Der Mann ist José Raúl Capablanca aus Kuba und sein Triumph ist total: Er gewinnt alle 28 Partien. Das Simultan- Turnier absolvierte er im Rahmen einer Tour, auf der er 168 Siege in Folge errang.

Wie schaffte es der Kubaner, in diesem Tempo so gut zu spielen? Und wie tief konnte er in der kurzen Zeit die Partie analysieren? »Ich sehe nur einen Zug im Voraus«, soll Capablanca gesagt haben, »aber der ist immer der richtige.« Mit diesem Bonmot brachte er auf den Punkt, was psychologische Untersuchungen in den hundert Jahren seither ergaben: Die Überlegenheit eines Schachmeisters gegenüber Anfängern zeigt sich vor allem in den ersten Denksekunden.

Auch Experten auf anderen Gebieten brillieren mit solch einem schnellen fachbezogenen Auffassungsvermögen, für das Leibniz einst den Begriff Apperzeption prägte. Ebenso wie sich ein Schachmeister alle Züge einer Partie, die er gerade gespielt hat, merken kann, vermag ein versierter Musiker die Partitur einer nur einmal gehörten Sonate niederzuschreiben. Und wie der Schachmeister den besten Zug im Handumdrehen findet, kann ein erfahrener Arzt in einer nur wenige Augenblicke dauernden Untersuchung eine akkurate Diagnose stellen.
*****************************************************