Es ist gerade Halbzeit im Meeting, als Ken McCarthy - Jeans, schwarzes Hemd, schlohweißes Haar und braun gebrannt - das Podium betritt. Der Forscher mit den markanten Gesichtszügen hat das Aussehen eines Filmstars. Aber nicht dessen Selbstvertrauen: "Mir ist ein bisschen flau", sagt er, als er seine Folien organisiert. Der Schauplatz ist eine Satellitentagung der Federation of European Neurosciences in Amsterdam vergangenen Juli. Und jetzt ist McCarthy an der Reihe. Der Genetiker der University of North Carolina in Chapel Hill weiß, dass er gleich Öl ins Feuer einer Debatte gießen wird, die um eine einfache Frage entbrannt ist: Sind Gliazellen, die im Gehirn den größten Anteil der "Nicht-Neurone" stellen, wichtig für die Übertragung elektrischer Signale, oder sind sie es nicht? In den Augen der Forscher war Signalübertragung seit jeher Sache der Neuronen. Gliazellen hielt man für die stillen Hausmeister im Hintergrund. Sie schienen das Milieu zu regulieren, den Neuronen beim Wachsen zu helfen und womöglich sogar nur dem neuronalen Gewebe Stabilität zu verleihen (glia ist das griechische Wort für "Kleber"). In den letzten Jahrzehnten begann sich dieses Bild jedoch zu wandeln. Einige Gliazellen, die Astrozyten, haben tausende buschiger Auswüchse, die sich eng an die aktiven Synapsen zwischen den Neuronen schmiegen. Dort horchen sie anscheinend die neuronale Verarbeitung ab - und nicht nur das: Sie könnten sogar ihrerseits ins Geschehen eingreifen. Studien haben beispielsweise gezeigt, dass Astrozyten auf ein chemisches Signal benachbarter Neuronen Kalzium einströmen...