Spektrum der Wissenschaft 2/2014
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Das Phänomen beschäftigt längst auch die Sozialwissenschaften und hat dort das Spezialgebiet der Internetsoziologie hervorgebracht. Ein Vertreter dieser neuen Disziplin, Nicolas Auray vom Pariser Institut für Wissenschaften und Technologie (Télécom ParisTech) berichtet im Februarheft von Spektrum der Wissenschaft über erste interessante Erkenntnisse.

Einen Eindruck vom Ausmaß der losen Beziehungen über das Internet vermitteln statistische Untersuchungen an einer repräsentativen Stichprobe von studentischen Benutzern des sozialen Netzwerks Facebook, die Nicholas Christakis und Kevin Lewis von der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) vorgenommen haben. Demnach betrug der Median für die Anzahl der "Freunde" 130. Die Hälfte der befragten Studenten unterhielt also mindestens 130 Kontakte auf Facebook.

Solchen Beziehungen fehlt allerdings die emotionale Wärme, die sich bei persönlichen Begegnungen in Gesten, Mimik und dem Stimmklang ausdrückt. Dafür bieten soziale Netzwerke meist großzügig Möglichkeiten zum Austeilen von ermutigenden oder anerkennenden Bemerkungen. Das reicht etwa bei Facebook vom "like" ("gefällt mir") über den "poke" (einen freundlichen Knuff) bis zum "hug" (einer Umarmung). Solche Kommentare nehmen den Online-Beziehungen etwas von ihrer Kälte. Zugleich kommen sie einem tiefen Bedürfnis unserer zunehmend anonymisierten Gesellschaft entgegen, die von einem Abbröckeln der üblichen Formen der Solidarität gekennzeichnet ist.

Tatsächlich finden Menschen im Internet auch regelrechte Oasen sozialen Trosts. Auf Trauerseiten können sie zum Beispiel das Andenken an eine verstorbene geliebte Person wachhalten und die eigenen Gefühle mit denen von Leidensgenossen teilen. Allgemein bietet eine stetig wachsende Zahl von Webseiten den Besuchern eine Plattform, um ihre Sorgen und Probleme darzustellen und Erfahrungen oder nützliche Tipps auszutauschen. Dort kommunizieren etwa Mobbingopfer oder Patienten, die an derselben Krankheit leiden. Generell vermittelt das Internet das Empfinden der vernetzten Präsenz über große Distanzen hinweg, was durchaus ein Gefühl von Geborgenheit erzeugt. Man findet immer jemanden, der auf eine Anfrage antwortet.

Aber nicht nur bei den sozialen Beziehungen hat das Internet tiefgreifende Änderungen bewirkt. Der Wandel betrifft auch unseren Umgang mit Wissen und Informationen. Mit seiner Fülle an Inhalten und seinem Übermaß an Angeboten weckt das Web Neugierde. Um sie zu befriedigen, tendiert der Nutzer dazu, sich jeweils nur kurz mit einer Sache zu beschäftigen und stattdessen reihenweise Informationsbröckchen im Schnelldurchlauf zu konsumieren. Allerdings fördert das Internet auch einen neuen kognitiven Stil, den Katherine Hayles von der Duke-Universität in Durham (North Carolina) als Hyperaufmerksamkeit bezeichnet. Sie besteht in der Bereitschaft und der Fähigkeit zum gleichzeitigen Aufnehmen einer Vielzahl von Informationen aus verschiedenen Kanälen. Diese werden dabei umgehend eingeordnet und bewertet.

Letztendlich hat sich auch unser Menschenbild gewandelt. Das Netz eröffnet völlig neue Möglichkeiten der Selbstdarstellung und Abgrenzung von anderen. Als Folge davon ist es mehr und mehr die Zugehörigkeit zu Internetzirkeln, die Eingeweihten vorbehalten sind, oder zu erlesenen Online-Freundeskreisen, die durch das Adressbuch aufgebaut werden, welche den Wert des Individuums bestimmen. Der wahrhaft bedeutende Mensch ist demnach jener, der im Web geschickt ein Geflecht aus persönlichen Beziehungen knüpft. Die Kunstfertigkeit darin steht im Begriff, den plumpen Besitz von Gütern als Statussymbol auszustechen. Das mag man durchaus als Fortschritt werten.