Der sächsische Lehrer Lutz Clausnitzer fordert gemeinsam mit anderen die bundesweite Einführung des Fachs Astronomie an Schulen. Zu den 275 Unterzeichnern eines offenen Briefs an Bund und Länder, der heute veröffentlicht wird, gehören die International Astronomical Union ebenso wie renommierte deutsche Wissenschaftler, aber auch Astronauten wie Thomas Reiter und der Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar. "Spektrum der Wissenschaft" hat mit Clausnitzer gesprochen.

Spektrum der Wissenschaft: Herr Clausnitzer, Sie fordern die bundesweite Einführung des Schulfachs Astronomie, das derzeit nur in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg auf dem Lehrplan steht und in Sachsen erst vor zwei Jahren abgeschafft wurde. Warum ausgerechnet dieses Fach?

Lutz Clausnitzer: Die Astronomie erlaubt genau das, was Bildungspolitiker immer suchen: eine fächerverbindende Unterrichtsform, die für Jugendliche zudem nachweislich attraktiv ist. Wenn man sie nicht nur naturwissenschaftlich betrachtet – das Spektrum reicht dabei von Mathematik und Informatik über Physik und Chemie bis hin zur Geografie –, sondern auch philosophisch und kulturhistorisch und dies dem Schüler auch vermittelt, gewinnt dieser eine von Fächergrenzen freie Gesamtsicht auf Natur und Gesellschaft. Die Kultur des Menschen ist seit jeher mit dem Blick zum Himmel verbunden, und dieser hat auch den Wissenszuwachs des Menschen entscheidend geprägt.

Lutz Clausnitzer
© Lutz Clausnitzer
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Lutz Clausnitzer, der bis vor Kurzem Mathematik, Physik und Astronomie an einem Gymnasium im sächsischen Löbau unterrichtete, setzt sich in einem offenen Brief für die bundesweite Einführung des Schulfachs Astronomie ein.
Spektrum: Was genau erhoffen Sie sich?

Clausnitzer: Die Astronomie soll dem Schüler geschlossen begegnen, nicht nur in Fragmenten auf verschiedene Fächer verteilt. Gegen Ende der Mittelstufe, wenn fast alle Schüler noch in den Genuss des Fachs kommen können, sollte sie als eigenständiges Fach in Erscheinung treten. Das könnte erreicht werden, indem man in der zehnten Klasse bundesweit zwei Wochenstunden Astronomie einführt und zudem eine flächendeckende Ausbildung von Astronomielehrern sicherstellt.

Spektrum: Mit Ihrem Anliegen haben Sie viele Unterstützer gefunden.

Clausnitzer: Unseren Aufruf haben acht renommierte Gesellschaften wie die International Astronomical Union, die Berliner Leibniz-Sozietät der Wissenschaften und die European Astronomical Society sowie rund 300 Persönlichkeiten aus der Wissenschaft unterzeichnet. Als besonders bedeutend betrachte ich auch die Unterschrift von Professor Max Fuchs, des Vorsitzenden des Deutschen Kulturrats. Ich sehe darin eine Aufforderung, die Astronomie nicht einseitig physikalisch zu betrachten, sondern in ihrem gesamten geschichtlichen Kontext, der bis hin zur heutigen Raumfahrt und den großen Observatorien reicht.

Spektrum: Müssen tatsächlich eigens Astronomielehrer ausgebildet werden? Könnten nicht einfach Physiklehrer diese Aufgabe übernehmen?

Clausnitzer: Astronomie ist ein Konglomerat aus vielem. Mein eigenes Drittfach-Fernstudium an der TU Dresden war so angelegt, dass Astronomielehrer nahezu Spezialisten für fächerverbindendes Arbeiten wurden. Sie haben verstanden, wie der Mensch seit Jahrtausenden daran arbeitet, seinen Platz im Universum zu finden, und können den Schülern eine der spannendsten Geschichten der Menschheitsentwicklung vermitteln. Entsprechendes Wissen fehlt Physiklehrern oft, wenn sie nicht gerade begeisterte Amateurastronomen sind, zumal hat die Physik viele andere Schwerpunkte. Die Astronomie läuft dort meist als fünftes Rad am Wagen mit und wird mehr oder weniger auf ihre physikalischen Inhalte reduziert.

Astronomie zum Anfassen
© Lutz Clausnitzer
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Bis vor zwei Jahren wurde das Fach in Sachsens Schulen unterrichtet – wie hier auf dem Schulhof des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Löbau.
Spektrum: Können Schulen einen Astronomielehrer denn überhaupt auslasten?

Clausnitzer: Ein zweistündiges Fach in einem vierzügigen Gymnasium, das zudem in den Klassen 11 und 12 noch einen fakultativen Oberstufenkurs einrichtet, erfordert bereits zwölf Wochenstunden, also fast eine halbe Lehrerstelle.

Spektrum: In den westlichen Bundesländern, wo Astronomie nie zum Fächerkanon gehörte, fehlt es sicherlich vielerorts an Grundwissen über den Kosmos. Wenn nun aber das Fächerangebot erweitert werden soll, wären dann nicht Themen erste Wahl, die näher am Alltag der meisten Menschen liegen und ebenfalls fächerübergreifende Kenntnisse erfordern wie der Klimawandel, die Globalisierung oder ökonomische Fragen?

Clausnitzer: Deren Unterrichtung ist gesichert. Diese Themen haben ihren Platz in der Geografie, die ja ohnehin mit viel mehr Stunden ausgestattet ist. Außerdem sind auch zahlreiche Themen unter dem Dach der Astronomie sehr alltagsnah, etwa Kommunikations- und Navigationstechnik auf Satelliten oder entsprechende Umwelt- und Klimabeobachtungssysteme. Gerade die Raumfahrt ist ein Technologietreiber, der die Entwicklung der gesamten Wissenschaft und Technik stark beeinflusst.

Spektrum: Welche Wirkung erhoffen Sie sich nun von Ihrem offenen Brief?

Clausnitzer: Er kann keine Wunder vollbringen. Aber dort, wo geeignete Persönlichkeiten bereit sind, sich mit den Ministerien zu arrangieren, und die Bildungs- und Erziehungspotenzen eines eigenständigen Astronomieunterrichts darzulegen, kann er zusammen mit anderen Informationen, die der Landesverband ProAstro-Sachsen auf seiner Homepage bereitstellt, einen starken Rückhalt bieten.< <

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Lutz Clausnitzer unterrichtete bis vor Kurzem als Lehrer für Mathematik, Physik und Astronomie am Geschwister-Scholl-Gymnasium im sächsischen Löbau. Schon im Jahr 2006 hatte er anlässlich der Abschaffung des Schulfachs Astronomie in Sachsen einen "Professorenbrief" initiiert, der auf eine bundesweite Etablierung des Fachs abzielte. Auf der Homepage des Landesverbands ProAstro-Sachsen stellt Clausnitzer gemeinsam mit anderen Unterstützern zahlreiche Informationen zur Geschichte des Astronomieunterrichts in Sachsen zur Verfügung. Dort sind unter anderem auch der offene Brief 2009, der Professorenbrief 2006 und die jüngste Debatte im "Physik-Journal" nachzulesen.

Text korrigiert am 13.11.2009