Es gibt eine Konstante in der Klimadebatte: Alle paar Jahre wieder entdecken die Medien die Sonne als angeblich unterschätzte Kraft im Klimageschehen. Um nur drei Beispiele zu nennen: Vor elf Jahren brachte der "Spiegel" eine große Geschichte "Die Launen der Sonne", in der unser Zentralgestirn für die globale Erwärmung verantwortlich gemacht wurde. Vor fünf Jahren strahlte RTL den Fernsehfilm "Der Klimaschwindel" mit derselben These aus. Und im Januar 2010 veröffentlichte "Focus" ein Heft mit dem Titel: "Forscherstreit: Fällt die Klimakatastrophe aus? Fehlende Sonnenaktivität könnte eine neue Kaltzeit auslösen". In allen Fällen sollte die These mit fehlerhaften Datenkurven oder fragwürdigen Quellen gestützt werden (siehe Belege hier, hier und hier).
Hier soll in aller Kürze der aktuelle Stand der Forschung zur Rolle der Sonne im Klimageschehen betrachtet werden.
Was zeigen moderne Messungen?
Der grundlegende Befund ist die von Satelliten gemessene Leuchtkraft der Sonne (Abbildung 1). Die Daten zeigen vor allem den schon seit dem 19. Jahrhundert bekannten, etwa elfjährigen Schwabe-Zyklus. Erst bei näherer Betrachtung zeigt sich ein leichter Abwärtstrend der Leuchtkraft; das Minimum der letzten Jahre war das tiefste und längste seit Beginn der Messungen. Dieser Zyklus verursacht Schwankungen im Strahlungsantrieb [1] mit einer Amplitude von zirka 0,1 Watt pro Quadratmeter Erdoberfläche; der langfristige Abwärtstrend ist noch deutlich schwächer. Zum Vergleich: der Strahlungsantrieb durch das vom Menschen zusätzlich in die Atmosphäre eingebrachte Kohlendioxid beträgt derzeit 1,8 Watt pro Quadratmeter.
Allein aus der Betrachtung der Energiebilanz der Erde erwartet man also eine sehr untergeordnete Klimawirkung der Sonne. Nimmt man die beste Abschätzung für die transiente Klimasensitivität [2] von 0,4 Grad Celsius pro Watt pro Quadratmeter, sollte der Schwabe-Zyklus Schwankungen in der globalen Temperatur mit einer Amplitude von zirka 0,04 Grad Celsius verursachen.
Neben der Energiebilanz kann man den Effekt der Sonne auch direkt aus einer Korrelationsanalyse mit den globalen Temperaturdaten gewinnen: Zeigen diese einen elfjährigen Zyklus, und wie stark? Die US-Forscher Judith Lean und David Rind haben dies 2008 getan und eine in den letzten Jahrzehnten etwas variable Amplitude von 0,04 bis 0,05 Grad Celsius gefunden. Die Messdaten zeigen also ein Resultat konsistent mit der Modellerwartung. Auch unsere eigene Analyse der fünf verfügbaren globalen Temperaturreihen kommt zum gleichen Ergebnis. Bereinigt man die globalen Temperaturdaten um diesen schwachen Sonnenzyklus und den Effekt von El Niño und Vulkanen (ebenso wie zum Beispiel saison- und witterungsbereinigte Arbeitslosenzahlen berechnet werden), ist der verbleibende Temperaturtrend über die letzten 30 Jahre linear, wie man es durch die steigende Treibhausgaskonzentration erwartet (Abbildung 2).
Zur genaueren Analyse der Temperaturentwicklung im 20. Jahrhundert wurden für den letzten IPCC-Bericht 58 Simulationsrechnungen mit 14 Klimamodellen unterschiedlicher Forschergruppen weltweit durchgeführt (IPCC Kapitel 9), die allesamt die vergangenen Sonnenschwankungen berücksichtigen. Diese zeigen, dass natürliche Faktoren in den letzten 50 Jahren eine leicht abkühlende Wirkung auf das Klima hatten, die der anthropogenen Erwärmung entgegenwirkte.
Die letzten 1000 Jahre
Auch auf längeren Zeitskalen hat man die Sonnenwirkung auf das Klima gründlich untersucht. Der längste gemessene Temperaturdatensatz ist die berühmte Mittelengland-Reihe ab dem Jahr 1695. Der britische Sonnenforscher Mike Lockwood hat gemeinsam mit Kollegen diese Daten mit Sonnenfleckenzyklen korreliert. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Sonnenschwankungen nur fünf Prozent der Temperaturschwankungen erklären können (und auch das nur regional, im Winter). Lockwood sagt dazu: "Die Wirkung der vom Menschen verursachten Treibhausgase auf den Klimawandel der letzten Jahrzehnte ist um ein Vielfaches größer als der Effekt von solaren Schwankungen".
Will man noch weiter in der Klimageschichte zurückgehen, kann man dazu auf so genannte Proxydaten aus Sedimentbohrkernen, Baumringen oder Korallen zurückgreifen. Dabei zeigt sich, dass vergangene Kältephasen wie die "kleine Eiszeit" sowohl mit Vulkanausbrüchen als auch mit Sonnenminima korrelieren. Nimmt man die besten verfügbaren Abschätzungen der Sonnenschwankungen in Klimamodellen, erhält man einen realistischen Verlauf der Temperaturen über die letzten 1000 Jahre (der IPCC-Bericht fasst zahlreiche solche Modellsimulationen zusammen, Kapitel 6). Geht man dagegen von einer deutlich stärkeren Sonnenwirkung aus, ergeben sich in der Modellrechnung erhebliche Diskrepanzen zu den Temperaturdaten, wie eine Studie letztes Jahr gezeigt hat.
Insgesamt zeigt die Summe aller Proxydaten der Temperatur, dass auf dem Höhepunkt der mittelalterlichen Warmperiode die Temperaturen der Nordhalbkugel und global etwa gleich hoch waren wie in der Mitte des 20. Jahrhunderts (bis auf Schwankungen von etwa 0,3 Grad Celsius genau). Dies ist konsistent mit der Tatsache, dass die Sonnenaktivität laut Proxydaten vor 800 bis 900 Jahren etwa so hoch war wie heute. Doch seit den 1970er Jahren ist die globale Temperatur um 0,6 Grad Celsius gestiegen; drei Viertel der globalen Erwärmung fanden bei leicht fallender Sonnenaktivität statt (Abbildung 1).
Kosmische Strahlen?
Weil die Schwankungen der Leuchtkraft der Sonne zu schwach sind, um eine nennenswerte Klimawirkung zu entfalten, greifen die Verfechter der Sonnenhypothese zu einem exotischen und unbelegten Mechanismus, der die Sonnenschwankungen kräftig verstärken soll: Kosmische Strahlung, deren Eintreffen auf der Erde im Takt mit der Sonnenaktivität schwankt, soll die Wolkenbildung beeinflussen. Diese These wird seit vielen Jahren vom Dänen Henrik Svensmark verfochten. Am Teilchenbeschleuniger CERN wird sogar in einem millionenteuren Experiment unter Laborbedingungen untersucht, ob solche Strahlen kleine Partikel erzeugen, die eventuell die Wolkenbildung fördern könnten. Die Ergebnisse bislang sind eher ernüchternd: Zwar konnten Partikel nachgewiesen werden, aber viel zu wenige und zu kleine, um die Wolkenbildung zu beeinflussen. Auch ein überzeugender Nachweis, dass die beobachtete Wolkenbedeckung der Erde den Sonnenzyklen folgt, ist bislang in vielen Studien mit widersprüchlichen Ergebnissen nicht gelungen.
Gegen die Svensmark-Hypothese spricht weiterhin, dass sich ja nach Abzug der schon bekannten schwachen Sonnenschwankungen keinerlei Residuum in den Temperaturdaten zeigt (siehe Abbildung 2), das auf einen zusätzlichen, bislang nicht bekannten Sonneneffekt in der globalen Temperatur hinweisen würde. Die in Korrelationsanalysen gefundene Reaktion der globalen Temperatur entspricht schon der Erwartung ohne den Svensmark-Effekt. Und nicht zuletzt: Selbst wenn die kosmische Strahlung die Wolkenbildung und Temperatur beeinflussen würde, könnte damit bestenfalls eine stärkere elfjährige Schwankung, aber kein starker Klimatrend verursacht werden. Denn die kosmische Strahlung wird seit 60 Jahren gemessen und weist keinen nennenswerten Trend auf (Abbildung 3).
Es wäre also mehr als fahrlässig, das Schicksal der Menschheit darauf zu verwetten, dass ein spekulativer Sonneneffekt, der in keiner Weise wissenschaftlich bestätigt ist, in den nächsten Jahrzehnten zu einer Abkühlung führt. Dagegen ist die Klimawirkung des CO2 physikalisch bestens verstanden und in Tausenden von Studien erhärtet. Und die darauf basierenden Prognosen, die bereits vor Beginn der aktuellen Erwärmung in den 1970er Jahren in Nature und Science publiziert wurden, sind durch die Realität bestätigt worden.
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[1] Den Strahlungsantrieb erhält man, indem man die von den Satelliten gemessenen Schwankungen der Solarkonstanten durch vier teilt (da die Kugeloberfläche viermal so groß ist wie eine Kreisscheibe) und 30 Prozent (den reflektierten Anteil der Sonnenstrahlung) abzieht.
[2] Die Klimasensitivität gibt an, wie stark die globale Temperatur auf eine vorgegebene Störung des Strahlungshaushaltes der Erde reagiert. Der akzeptierte Wert im Gleichgewicht liegt bei 0,8 Grad Celsius Erwärmung pro Watt pro Quadratmeter Antrieb, das entspricht drei Grad Celsius globale Erwärmung bei Verdoppelung der CO2-Konzentration. Für kurzfristige Störungen gilt die "transiente Klimasensitivität"; auf Grund der thermischen Trägheit der Ozeane ist die schnelle Klimareaktion nur etwa halb so groß, die beste Schätzung liegt bei 0,4 Grad Celsius pro Watt pro Quadratmeter.


Stefan Rahmstorf ist Professor für "Physik der Ozeane" an der Uni Potsdam und arbeitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).





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1. Liegt hier ein Konsens vor?
09.02.2012, Werner KohlWenn ich beispielsweise den Artikel "In der Glaubwürdigkeitsfalle" von Prof. Hans von Storch (http://www.wissenschaft-online.de/artikel/1128896) lese, erscheint mir dieser Anspruch von Dr. Rahmstorf zweifelhaft. Meinem Eindruck nach wird doch sehr heftig in der Forschergemeinschaft über die Zukunft des Weltklimas und über die bestimmenden Parameter gestritten. Ist das in Bezug auf den Sonneneinfluss anders?
2. Einseitige Betrachtung der Aussagen Vahrenholts
09.02.2012, Denis Meyer3. Wem nutzt der Klimastreit und können wir uns das noch lange erlauben?
10.02.2012, Eberhard Bieskiwissenschaftlich beurteilen, wie hoch der Wahrheitsgehalt in den unterschiedlichen Auffassungen zu einem eventuellen von Menschen verursachten Klimawandel sind. Auch wissenschaftliche Hypothesen und ihre Ergebnisse sind immer subjektiver Natur und stark von der grundsätzlichen Einstellung des Einzelnen abhängig.
Gefährlich wird es aber, wenn andere Auffassungen und Argumente verteufelt werden. Wer annähernd Recht hatte, entscheidet sich leider immer erst in der Zukunft. Wenn tatsächlich eine von Menschen verursachte Erwärmung sich wissenschaftlich abzeichnet, werden weder die unterschiedlichen Auffassungen der Klimaforscher, noch die Menschen in Europa einen wesentlichen Beitrag zur Beeinflussung der Ursachen leisten können. Allein schon die weiter anstehende enorme Zunahme der Menschheit, gepaart mit einem immer weiter zunehmenden globalen Energiehunger stehen dem im Wege.
Außerdem sind ja noch längst nicht alle das Klima verändernden Fakten eindeutig erforscht. Wenn es wissenschaftlich unstrittig ist, das die globalen Temperaturen steigen, sollte man sich auf ein Leben mit diesen einstellen. Statt wissenschaftlichen Streit über die derzeit nicht zu ändernden Ursachen und bei noch längst nicht ausreichenden Fakten unter das breite Volk zu bringen, wäre es dringend notwendig sich mit den Auswirkungen einer solchen Katastrophe zu befassen und sich auf geeignete Maßnahmen zu Minimierung der Folgen einzustellen. Wissenschaft sollte sich sehr davor hüten, auch nur den Anschein zu erwecken, ihre Erkenntnisse von wirtschaftlichen-, ökonomischen-, aber auch politischen Interessengruppen beeinflussen zu lassen.
4. Vahrenholt arbeitet nicht als Wissenschaftler - er ist Angestellter von Europas größtem CO2-Emittenten
11.02.2012, Raimund Kamm1. Er arbeitet nicht als Wissenschaftler, geschweige denn als Klimaforscher
2. Er arbeitet als Angestellter von RWE. Und diese Firma ist mit ihren veralteten Kohlekraftwerken Europas größter CO2-Emittent.
3. Er hat sich in den letzten Jahren mit vielen abstrusen Äußerungen selber disqualifiziert.
5. Stellungnahme eines neutralen Wissenschaftlers wünschenswert
20.02.2012, Werner KohlNachdem in diesem Buch die Methoden/Ergebnisse von IPCC und auch PIK kritisiert werden, wäre es vielleicht wünschenswert gewesen, diesen Artikel von einem nicht dem PIK zugehörigen Wissenschaftler verfassen zu lassen - beispielsweise von Prof. Hans von Storch, der auch international sehr renommiert ist. Ich rege hiermit an, dies auf "spektrum.de" oder in "Spektrum der Wissenschaft" nachzuholen.
Die IPCC-Prognose der Weltklimaentwicklung scheint den Kontroversen zufolge nicht gesichert zu sein. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass Ihre Leserschaft dieses Thema von mehreren Seiten beleuchtet sehen will.
6. Wechselwirkung des Biosystems
24.02.2012, Peter KainhoferEs wäre wünschenswert, die neuesten Forschungsergebnisse aus der Klimaforschung mit denen der Forschung aus der Biologie zusammenzulegen, um die Wechselwirkungen genauer zu analysieren.
Vor allem sollten die Medien mehr Verantwortung übernehmen, und die von der Wirtschaft gesteuerten Falschinformationen kritisch hinterfragen.
7. Stellungnahme von Henrik Svensmark und Jasper Kirkby
15.03.2012, Bernard Neelen( Physiker und Direktor des Centre for Sun-Climate Research) und
des Teilchenphysikers Jasper Kirkby ( vom Cern- CLOUD-Experiment)
einholen.
Mir scheint doch das der Herr Rahmstorf sich nur sehr oberflächlich mit den Ergebnissen dieser Wissenschaftler befasst hat.