Kontroverse
Wie geschieht Bewusstsein?
Die Hirnforscher Christof Koch und Susan Greenfield debattieren ihre Standpunkte zur Hirnaktivität bei Bewusstseinsprozessen.
Wir möchten helfen, dieses Rätsel zu entschlüsseln. In vielen Punkten sind wir einer Meinung. Das gilt für die Einsicht, dass die Frage nach dem Bewusstsein ganz unterschiedliche Phänomene und Aspekte berührt – die auch für sich untersucht werden müssen. Selbstbewusstsein ist einer davon, ein anderer der momentane Gehalt von Bewusstseinserlebnissen. Weitere betreffen


Christof Koch ist Professor für
kognitive und Verhaltensbiologie
am kalifornischen institut für
Technologie (Caltech) in Pasadena.
Seit über zwanzig Jahren erforscht
er die neuronalen Grundlagen von
visueller Aufmerksamkeit und
Bewusstsein.
Susan Greenfield ist Professorin für
Pharmakologie an der Universität
Oxford, Direktorin der Royal Institution
Großbritanniens (Gesellschaft
zur Förderung und Verbreitung naturwissenschaftlicher
Kenntnisse)
und gehört dem britischen Oberhaus
an. Sie erforscht Hirnmechanismen,
so auch Hintergründe von neurodegenerativen
Erkrankungen.
abrufen





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1. Sind Männer bewusster als Frauen?
03.01.2008, Max Happel, MagdeburgZusätzlich begeht sie weitere argumentative Fehler: (1) Stanley Cobb hat in den 1960ern das Vogel-Gehirn als „einzigartig“ beschrieben und zeigte, dass das Hyperstriatum analoge Funktionen zum Cortex erfüllt. Corviden gelten als hoch intelligente Vögel und haben die größten und zellreichsten Hyperstriata, was zwar die Quantitätshypothese stützt, aber ganz und gar nicht gegen Koch´s Hypothese spricht! (2) Ihre Schlussfolgerung: „Gäbe es zum Bewusstsein nichts weiter an neuronalen Korrelaten, als dass sich jeweils bestimmte Neuronen entladen [..], dann befände sich dieses in den Hirnneuronen selbst“ hält keiner Logik stand.
Aber wie bei allen wertvollen wissenschaftlichen Diskussionen, haben beide Positionen ihre Berechtigung. Ich stimme Greenfield zu, dass die Lokalisation von Hirnphänomenen keine Rückschlüsse auf das emergente Entstehen des Bewusstseins erlaubt. Weiterhin unterstütze ich die These, dass das Gehirn ein Set aus Hierarchien ist (sensorisch, motorisch, interpretativ, kognitiv etc…), welches notwendigerweise auch in gewissem Maße holistisch und distributiv funktionieren muss. Allerdings muss dieses Netzwerk über Lernprozesse spezialisiert werden – dabei entstehen zweifelsfrei auch spezialisierte Neuronenpopulationen. Z.B. Friston (2003, Neural Netw.) zeigt, wie lokalisierte Funktionen, verknüpft über holistische Netzwerke, die größte Effizienz neuronaler Verarbeitung bieten.
2. Welche physikalischen Grundsätze verwertete die Evolution?
04.01.2008, Michael Rosengarth, KornwestheimDie beiden im Artikel vorgestellten Theorien gehen zwar bezüglich der Annahme eines synchron tätigen Neuronenensembles in dieselbe Richtung, jedoch basieren beide "nur" auf Experimenten zur kausalen Wechselwirkung der Koalitionspartner.
Im "Zeitalter der Emergenz" (Robert B. Laughlin in "Abschied von der Weltformel", Spektrum Verlag) müssten sich eigentlich zunehmend Physiker mit der Fragestellung befassen, welche physikalischen Grundsätze die Evolution entdeckt und verwertet hat, um das menschliche Genie zu bilden.
3. Stochern im Nebel
04.01.2008, Manfred Schlabbach, BerlinIn dem genannten Artikel wird versucht, die Ergebnisse der Messungen am menschlichen Hirn zu analysieren. Es werden dazu auch Erfahrungen aus dem täglichen Leben herangezogen. Ich beziehe mich hier auf den Kasten auf Seite 45.
Die Meinung von Frau Greenfield, dass nur die Quantität der Geräusche für das Aufwachen maßgeblich ist, kann ich aus eigener Erfahrung nicht nachvollziehen. Wie wäre es zu erklären, dass man bei erheblichem Straßenlärm oder sogar bei heftigen Gewitter tief schläft, bei leisen aber ungewohnten Geräuschen, zum Beispiel nächtlich schleichenden Schritten in der Nähe des Zeltes, im Bruchteil einer Sekunde hellwach im Schlafsack sitzt, während einem das Grauen im Nacken hoch kriecht?
Der menschliche Organismus hat sich im Laufe der Evolution ein nicht schlafendes Sinnesorgan geschaffen, um den gegenüber Raubtieren kräftemäßig weit unterlegenen Homo sapiens vor Gefahren zu warnen. Deshalb schlafen wir bei bekannten, auch sehr lauten Geräuschen ruhig weiter, sogar das Scheppern des Weckers wird gelegentlich als vorbeifahrender Zug in unsere Träume eingebaut, ohne dass wir erwachen. Anderseits kann schon das leise Knacken der Uhr, wenige Sekunden vor dem Alarm, den Schläfer wecken. Und was passiert eigentlich, wenn man sich vornimmt, zu einer bestimmten Uhrzeit aufzuwachen. Das funktioniert nämlich nach einiger Übung auch. Wie kommt da die große Menge Neuronen zusammen, die das Aufwachen bewirken sollen?
Im Schlaf wahrgenommene Geräusche werden also offenbar im Gehirn analysiert, oder zumindest unterschieden nach Gefahr oder keine Gefahr. Der dafür verwendete Algorithmus ist jedoch so einfach strukturiert, dass man nach dem Erwachen oft feststellt, dass man im Schlaf das beunruhigende Geräusch falsch eingeordnet hat.
Jedenfalls ist nur die Qualität der wahrgenommenen Information für die Entscheidung maßgeblich: Aufwachen oder Weiterschlafen. Leise Wecker erfüllen ihre Funktion ebenso zuverlässig wie laute. Diese Erfahrung kann jeder Mensch an sich selbst beobachten.
Wir können unser Gehirn an Messgeräte anschließen und Theorien über die Kurven aufstellen. In der modernen Hirnforschung können wir aber nur die elektromagnetischen und die chemischen Vorgänge beobachten. Solange wir nicht einmal die blasseste Ahnung haben, welche physikalischen Gesetze es dem menschlichen Hirn in Grenzsituationen ermöglichen, Informationen zielgerichtet und entfernungsunabhängig auszusenden, oder Gegenstände über einige Entfernung zu bewegen, ist das alles nicht viel mehr als ein Stochern im Nebel. Es ist anzunehmen, dass diese Phänomene auch innerhalb des Organs eine Rolle spielen. Ob dabei Quanteneffekte, wie einige Wissenschaftler vermuten, eine Rolle spielen, konnte bisher nicht bestätigt werden.
4. Bewusstsein, Datenverarbeitung mit Hilfe geeigneter Sensorik
08.01.2008, Dr. Jan NeumannDiese Überlegung führt sofort zur nächsten These: Bewusstsein bedarf der Kommunikation mit der Außenwelt über Sinnesorgane. Ohne die Reize von Sinnesorganen gibt es kein "Wiedererkennen" und damit keinen Kontext, in den mein Bewusstsein etwas einordnen könnte. Auch ein noch so komplexer Computer, der nicht über "Sinnesorgane" verfügt, wird nicht in der Lage sein, sich ein Modell über sich selbst - oder etwas anderes - zu schaffen, wessen er dann bewusst werden könnte. Meiner eigenen Körperlichkeit werde ich mir dadurch bewusst, dass ständig Druck-, Schmerz-, Kälte- und Wärmereize u.s.w., die aus meinem Körper stammen, auf mein Gehirn einströmen. Das Gehirn selbst entzieht sich diesem körperlichen Empfinden, was die Beschäftigung mit seinen inneren Strukturen ohne die Hilfe unserer Sinnesorgane, über die wir es naturwissenschaftlichen Experimenten "von außen" unterwerfen können, unmöglich macht.
Ich wage deshalb die Umformulierung von Descartes These: "Ich denke, also bin ich" in "Ich fühle, also bin ich".
Die Frage, ob Bewusstsein durch "Hardware" repräsentiert wird, wie es Koch präferiert, oder durch Software, die mal in diesem, mal in jenem Bereich des Computers Gehirn abläuft, wie Frau Greenfield postuliert, lässt sich sicher irgendwann durch verfeinerte Experimente entscheiden, die die mechanistischen Vorgänge im Gehirn noch besser sichtbar machen als bisher.
Für Frau Greenfields These spricht die ihrem Modell innewohnende größere Flexiblität und der damit einhergehende geringere notwendige Hardwareaufwand, was es wesentlich kleineren Gehirnen als dem menschlichen schon ermöglichen sollte, bewusstseinsähnliche Prozesse zu entwickeln, was evolutionär nur Vorteile bringen kann.
Insgesamt scheint mir Bewusstsein kein qualitatives Merkmal zu sein, das vorhanden ist oder nicht, sondern eine quantiative Eigenschaft komplexer Datenverarbeitung in Verbindung mit geeigneter Sensorik.
5. Begrenzte Wahrnehmungsleistung
19.02.2008, Heinz Krenn, Baden, ÖsterreichWer als „Spotter" (Scheibenbeobachter) dem Schützen Treffer und Fehlschuss ansagen will, sollte die Kugel fliegen sehen. Der Knall des Schusses überlagert aber die Wahrnehmung auf den ersten ca. 25 Metern. Wer die hohe Konzentration (im wahrsten Sinne des Wortes !) aufbringt um mit offener Visierung (Kimme und Korn) mit einer Pistole auf 200 m ein Ziel von der Größe eines Tellers zu treffen, der nimmt das Geschehen um sich nicht mehr wahr.
Jeder Programmierer, welcher in einem Programm z.B. ein bewegtes Bild mit eingeschränkter Hardwareleistung darstellen soll, wird vermutlich sehr schnell darauf kommen, dass die bildwichtigen Teile, auf welchen die Konzentration des Zuschauers gerichtet ist, vorrangig auf Stand gebracht werden. Legt man dies auf die Wahrnehmung um, so sind plötzlich viele Phänomene erklärbar. Der Tunnelblick kommt öfter vor, als die Menschen denken wie z.B. bei dem Kind, dass die Konzentration auf den Ball gerichtet, das Auto nicht wahrnimmt (!).
Bezüglich des Bewusstseins tendiere ich eher zum Standpunkt von Susan Greenfield, denn auch in der Holographie ist das Bild das Abbild der Wellenfunktion, welche mit der Untersuchung von einzelnen Pixeln wohl nicht aufzuklären ist. Es sollten auch Überlegungen angestellt werden, ob sich die Selbstwahrnehmung nicht nur auf den Gegenwartspunkt, sondern auch mehr oder weniger auf Vergangenheit und Zukunft erstreckt.
6. Neurale Gesamtverschaltung betrachten
28.02.2008, Dr. Frank Subke, MehlingenAls Ansatz und potentielles Differentialkriterium für ein neuronales Bewusstseinskorrelat wird von beiden Kontrahenten die synchrone Aktivität von Neuronengruppen häufig korrelierend mit Sinnesimpulsen hervorgehoben. Neurone nun sind spezialisierte Zelltypen, die hauptsächlich der schnellen Informationsweitergabe untereinander (über elektrochemische Impulse) dienen. Eine Ableitung neuronaler Impulse ohne Wissen darüber, was da kodiert ist, lässt genauso wenig stringente Schlüsse zu, wie das Anmessen von Signalen einer Telefonleitung darüber, ob die abgeleiteten Impulse aus einem Gespräch mit Herrn „Bewusstsein“ oder Frau „Unbewusst“ stammen. Erst die Sichtung der Gesamtleitung (Kommunikation: Sender / Empfänger / Code) verschafft Klärung.
Dasselbe Neuron kann potentiell sowohl „bewusste“ als auch „unbewusste“ Informationen tragen. Das Geheimnis des Bewusstseins dürfte daher allein in der Betrachtung der neuralen Gesamtverschaltung (sensorischer Input - interneuronale Verarbeitung – effektorischer Output) zu ergründen sein.