Was ist passiert? Waren die Aufgabenstellungen zu schwierig, oder hatten die Wissenschaftler die Tiere gar misshandelt? Nichts dergleichen. Die Affen hatten lediglich die Aufgabe, kleine Steinbrocken aus ihrem Käfig heraus in die ausgestreckte Hand eines der Forscher zu legen. Damit sie sich nicht so alleine fühlten, hatten die Wissenschaftler ihnen sogar einen Artgenossen zur Seite gestellt, der in einem zweiten Käfig direkt neben ihnen die gleiche Aufgabe absolvierte.
Die um die Leckerei geprellten Probanden jedenfalls ließen sich diese Ungerechtigkeit nicht ohne weiteres gefallen: Hatten sie bei gleicher Belohnung noch in neunzig Prozent der Fälle ohne Murren am Test teilgenommen, verweigerten sie nun in einem von fünf Fällen die Mitarbeit. Die Steine blieben im Käfig, die Belohnung war ihnen egal.
Noch deutlicher fiel die Streikhaltung auf, wenn die Primatenforscher mehr Einsatz von ihren Probanden verlangten – je höher die Anstrengung war, umso seltener hatten die Affen Lust, sich die Gurkenscheibe zu verdienen, wenn sie gleichzeitig mit ansehen mussten, wie ihr Nachbar für weniger Arbeit die schmackhaftere Traube einkassierte. Bekam der andere gar gänzlich ohne Zutun eine Weintraube, während der Proband selbst für dreimaliges Steine-Herausgeben nur eine labberige Gurkenscheibe erhielt, sank die Mitarbeit gar auf unter siebzig Prozent.
Doch die Forscher waren unsicher. Zwar bestätigten die Reaktionen der Tiere ähnliche Versuche aus dem Jahre 2003 [2] – doch kann man hieraus wirklich schließen, dass die Affen mit ihrem Boykott tatsächlich gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordern, sie also den Zusammenhang zwischen ihrer Anstrengung und der ihrer Kollegen erkannten? Möglicherweise waren sie auch schlichtweg frustriert, weil sie selbst lieber eine Weintraube bekommen hätten?
Also variierten die Forscher ihre Tests so, dass die Tiere zwar jeweils Weintrauben erhielten, einer der Probanden hierfür aber mehr tun musste. Zwar verweigerten die Mehrarbeiter bei diesem Test seltener die Kooperation. Dennoch konnten die Forscher auch hier ein deutliches Gefälle erkennen. Die Kapuzineraffen haben also einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – zumindest, wenn es um ihre eigenen Interessen geht.
Der kommt ihnen wahrscheinlich auch in der freien Wildbahn zugute, folgern De Waal und sein Team. Denn in ihrer Heimat, den Wäldern Südamerikas, gehen die Kapuzineraffen gerne auch mal gemeinsam auf die Jagd. Ihr Gespür für den Wert der eigenen Leistung könnte hier dazu beitragen, die Kooperation zu festigen, indem die Beute nach Affenart gerecht verteilt wird: Wer mehr geleistet hat, erhält auch mehr vom Festmahl.

Freie Wissenschaftsjournalistin 


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