Hintergrund | 06.08.2013

Kulturgut Fleisch

Der 300 000-Euro-Klops

Unter großem Presserummel wurde nun ein Hamburger aus Kunstfleisch gebraten und verzehrt. Was uns das Laborfleisch bringt.

Am Montag wurde der Öffentlichkeit zum allerersten Mal die Livezubereitung und -verspeisung eines Hamburgers aus Kunstfleisch serviert – frisch per Webcast aus London. Der niederländische Kunstgewebeforscher Mark Post liefert damit die Antwort auf eine Frage, die wir im Februar 2012 aufwarfen: Wann kommt das "Steak aus der Retorte"? Dank der Unterstützung des Google-Milliardärs Sergey Brin konnte Post nun den ersten echten Kulturfleisch-Burger der Öffentlichkeit vorstellen.

Das Geschmacksurteil? "Schmeckt ganz ähnlich wie Fleisch", sagt die Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler, "allerdings nicht so saftig." Den verantwortlichen Chefkoch Richard McGeowan habe das beim Anbraten seines 140 Gramm schweren Hackbatzens allerdings nicht sonderlich gestört – einem großzügigen Stück Butter sei Dank.

Grassierende Fettarmut ist aber nur eine der Tücken, die das im Labor gezüchtete Fleisch aufweist. Wie man es herstellt, zeigt diese Infografik aus dem oben verlinkten Artikel.

Muskelfleisch und Fettzellen eine Verbindung eingehen zu lassen, haben Experten im Tissue Engineering, also der Zucht von Geweben im Labor, bislang nicht zuwege gebracht. Doch das ist eins der geringeren Probleme. Sorgen bereitet vor allem der massive Einsatz von Antibiotika, mit dem die Zellen geschützt und am Leben gehalten werden müssen. Und die Tatsache, dass das Nährmedium aus dem Blutserum ungeborener Kälber aus dem Schlachthaus stammt (zumindest zu einem erheblichen Teil, hinzu kommen außerdem noch unbedenklichere Bestandteile wie Zucker, Proteine und Fettsäuren).

Oder wie es die Biologin Christina Agapakis in einem kritischen Blogbeitrag zusammenfasste: "Zellkulturen gehören zu den teuersten und ressourcenintensivsten Techniken in der modernen Biologie." So benötigen die Zellen zusätzlich zur Versorgung mit Nährstoffen außerdem Training auf einem Spezialgerüst, andernfalls wachsen sie nicht in die gewünschte Form.

Wie viele Nährstoffe hingegen beim Endverbraucher ankommen, ist fraglich. Der Eisengehalt des Laborfleischs beispielsweise könnte sich als Schwachstelle erweisen. Die rote Fleischfarbe stammt jedenfalls nicht aus Blut, sondern aus Rote-Beete-Saft, mit dem die Forscher ihrem Produkt ein ansprechendes Äußeres verleihen. Normalerweise verdankt ein Schnitzel oder Steak seine Beschaffenheit der komplizierten Melange aus Muskeln, Fett, Blutgefäßen und Knochen. Posts Kunstfrikadelle besteht hingegen aus rund 20 000 feinen Streifen reiner Muskelzellmasse.

Trotzdem feiern viele Beobachter das In-vitro-Fleisch nach wie vor als einzige praktikable Möglichkeit, die gravierenden Umweltfolgen der menschlichen Fleischeslust abzumildern. Wie Mark Post erklärt, schätzt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dass die Nachfrage nach Fleisch bis zum Jahr 2050 um über 70 Prozent steigen wird. Bereits jetzt werden 30 Prozent der eisfreien Landfläche zum Anbau von Futtermitteln für die Fleischproduktion genutzt. Schweine und Rinder verwandeln gerade einmal 15 Prozent ihrer Pflanzennahrung in essbares Fleisch. Dafür stoßen vor allem Wiederkäuer gewaltige Mengen an Treibhausgasen aus, besonders das stark aktive Klimagas Methan, das obendrein aus den riesigen Seen ausdünstet, in denen wir die stinkende Brühe ihrer Ausscheidungen auffangen. Alles in allem verursachen Nutztiere knapp ein Fünftel der menschengemachten Treibhausgasemissionen, schätzt die FAO – mehr als Autos, Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge zusammen.

Voilà, ein Hamburger!
  Voilà, ein Hamburger!
Gewebsforscher Mark Post mit dem frisch gebratenen Stück Kunsthackfleisch, appetitlich angerichtet auf zwei Brötchenhälften. Auf In-vitro-Fleisch ruhen die Hoffnungen von Umwelt- und Tierschützern.

Will man daran etwas ändern, muss es freilich gelingen, Kunstfleisch aus anderen Ressourcen zu produzieren, beispielsweise auf der Grundlage von Algen. Leider beißen sich daran die Forscher noch immer die Zähne aus. Sollte es ihnen aber eines Tages im Großmaßstab gelingen (was keineswegs sicher ist), würde das den Methanausstoß um 95 Prozent verringern, während der Bedarf an Ackerflächen um 98 Prozent sinkt. Das errechneten jedenfalls Forscher der University of Oxford für eine Studie im Journal "Environmental Science and Technology". Man könnte alternativ die Algen natürlich auch direkt essen.

Der zweiten Grund für die allgemeine Begeisterung ist ethischer Natur: Philosophen wie Peter Singer oder die Tierschutzgruppe PETA begrüßen die Aussicht, der Tierquälerei in der Massentierhaltung ein Ende zu bereiten. Wäre es nicht besser, durch eine Biopsie an einer einzigen Kuh Millionen von Hamburgern zu züchten statt dafür Hunderttausende Rinder zu schlachten?

Posts Burger war allerdings mitnichten das erste Stück Laborfleisch, das gezüchtet wurde – diese Ehre gebührt einem von der NASA subventionierten Goldfischfilet von Anfang der 2000er Jahre –, noch war es das erste öffentlich verzehrte. Der Biophysiker Gabor Forgacs von der University of Missouri probierte auf einer TED-Med-Konferenz im Jahr 2011 von seinem eigenen Laborfleisch, das er mit Hilfe eines 3-D-Druckers aus "Fleischmehl" hergestellt hatte. "Damit ein Huhn, Schwein oder eine Kuh um ein Kilogramm zunimmt, benötigt man zwei, vier beziehungsweise acht Kilogramm Futter", erklärte Forgacs den Teilnehmern einer Konferenz der New America Foundation über die Zukunft des Essens im April 2012. "Wenn man das in Kauf nehmen muss, um Fleisch zu essen, finde ich das einfach lächerlich!"

Seine Spinoff-Firma Modern Meadows will sich allerdings zunächst an 3-D-gedrucktem Leder versuchen. Das Geld dazu stammt von einem anderen Internet-Milliardär, dem PayPal-Investor Peter Thiel. Auch die in Menlo Park ansässige Firma Sand Hill Foods will eigenes In-vitro-Fleisch herstellen.

Forscher wie Forgacs oder Post schätzen, dass noch zwischen 10 und 20 Jahre vergehen werden, bis Laborfleisch zu marktfähigen Preisen im Ladenregal landet. Zieht man nun in Betracht, dass Posts Filet aus der Petrischale knapp zwei Jahre später erschien als ursprünglich angekündigt, muss man sich wohl darauf gefasst machen, dass auch diese Langfrist-Prognose zu optimistisch geraten ist. Aber wie sagte Post doch so schön auf dem Innovation Meeting der Rockefeller Foundation im Juni 2012: "Es ist nicht einfach, aber machbar."

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Cultured Beef: Do We Really Need a $380,000 Burger Grown in Petri Dishes?" in Scientific American.

© Spektrum.de
Kunstfleisch aus dem Labor

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