Noch leben im Tana River mehrere hundert Nilpferde. Zudem kommen nur hier zwei bestimmte Affenarten vor, und für hunderte Vogelarten bietet das Feuchtgebiet Rast- und Brutmöglichkeiten.
Rund 100 000 Menschen hängen direkt vom Fluss ab, weil sie hier Ackerbau betreiben oder regelmäßig als Nomaden während der Trockenzeit ihr Vieh weiden lassen und tränken. Biologen schwärmen von dem Gebiet als Afrikas zweitem Okavango-Delta – dem berühmten Tierparadies in Botswana im Süden des Kontinents: "Das Tana-Delta ist Heimat hunderter Vogelarten, zweier nur hier lebender Affenspezies und von Nilpferden, deren Zahl in ganz Afrika rapide abnimmt. Elefanten, Löwen und andere Großtiere streifen umher", schwärmt Byron von dem Potenzial der Region für Naturtourismus.
Plantagen statt Safari?
Doch ausgerechnet auf diesem Stück Erde möchte die kenianische Regierung mit Hilfe ausländischer Investoren ein groß angelegtes Landwirtschaftsprojekt durchziehen. Das Ziel: der großflächige Anbau von bewässertem Mais, Zuckerrohr und Jatropha für den einheimischen Markt, aber auch in großem Stil für den Export. Der internationale Agrarkraftstoffhersteller Bedford Biofuels zum Beispiel will auf mehr als 60 000 Hektar Jatropha pflanzen, deren ölhaltige Samen zunehmend für Agrarsprit genutzt werden sollen. "Wir hängen stark von Erdöl ab. Unsummen wurden aufgewendet, um erfolglos nach Öl zu bohren. Wenn wir dieses Geld in die Produktion von Biodiesel investiert hätten, wären Treibstoffengpässe seltener", äußert Bernard Muok vom African Centre for Technology Studies in Nairobi, der hofft, dass die Ölsaat Energie für sein Land liefern wird.
Während der saisonalen Trockenzeit bietet das Tana River Delta auch ein Refugium für Nomaden mit ihrem Vieh – erst recht gilt dies für epochale Dürren. Doch das kann gewaltsame Konflikte schüren, wenn sie mit ortsansässigen Bauern plötzlich um Wasser konkurrieren müssen.
Konflikte mit der ortsansässigen Bevölkerung scheinen deshalb vorprogrammiert, zumal die Landnutzungsrechte vor Ort teilweise völlig ungeklärt sind: Dörfer, die seit Jahrhunderten das Land traditionell nutzen, besitzen mitunter keine entsprechenden Besitzurkunden. "Das meiste Land wurde weder jemandem zugewiesen noch wurden Landtitel bewilligt. Und es kommt bisweilen zu Verstößen gegen bestehende Rechte: So sollte bereits Land versteigert werden, auf dem sich verschiedene Gemeinden befinden ,– das hat die Menschen schockiert", sagt Byron.
Vertreibung vom eigenen Land
Andernorts im Delta wurden bereits Nägel mit Köpfen gemacht, wie im Fall eines Projekts von TARDA, der Tana and Athi Rivers Development Authority. Die Behörde erschließt gegenwärtig groß angelegte Felder für Reis, Mais und Zuckerrohr auf Land, das sich bisher 30 Dörfer mit 25 000 Einwohnern teilten. "Im September 2010 mussten die ersten 2000 Menschen vom Volk der Wardai umsiedeln", erzählt Paul Matiku von Nature Kenya, einer Organisation, die zusammen mit der lokalen Bevölkerung versucht, den Tana River zu erhalten. "TARDA riss unser Land an sich und warf uns raus. Sie haben das Land illegal erworben, und wir müssen jetzt abseits leben. Fast alle Kinder gehen nicht mehr zur Schule, weil sie zu weit weg ist. Früher hatten wir Brunnen, nun müssen wir unser Wasser aus dem Abfluss der TARDA-Farmen holen", beklagen sich die beiden Dorfbewohner Ibrahim Dolla und Bule Gedi in einem Brief an den kenianischen Premierminister Raila Odinga.
Die Wasserressourcen des Tana River wollen nun auch Investoren nutzen – unter anderem für den Zuckerrohranbau.
Angesichts stark steigender Landpreise in den klassischen Exportländern für Agrarprodukte wie Australien, Brasilien oder Argentinien, dem schnell wachsenden Bedarf an Lebensmitteln und dem zunehmenden Wohlstand in Staaten wie China suchen Käufer preisgünstige Alternativen. Laut Zahlen der Weltbank verzehnfachte sich der Landkauf in Entwicklungsländern: Während zwischen 1998 und 2008 jährlich vier Millionen Hektar Land an Agrarfirmen verpachtet wurden, wechselten 2009 rund 45 Millionen Hektar den Besitzer – fast drei Viertel davon in Afrika.
Billiges Land gegen Investionsversprechen
Fündig wurden Investoren beispielsweise in Äthiopien, das ebenfalls von der gegenwärtigen Dürre betroffen ist und wo Millionen Menschen auf Hilfsgüter angewiesen sind. Trotzdem vergab die Regierung bereits eine halbe Million Quadratkilometer Land an ausländische Investoren, die darauf nun Schnittblumen, Jatropha, Zuckerrohr und Getreide für den Export produzieren. Teilweise laufen die Pachtverträge über 100 Jahre und kosten nur wenige Dollar pro Hektar. Die veräußernden Staaten hoffen auf Investitionen in die Infrastruktur oder Landwirtschaft: Katar zum Beispiel hat Kenia im Rahmen des Tana-Vorhabens Hilfe beim Bau eines neuen Tiefseehafens zugesagt.
Vielfach scheitern die Projekte, da sie schlecht vorbereitet werden oder nicht an die lokalen Begebenheiten angepasst sind, wie im Tana-Delta bereits geschehen. "Die Planer erwarten, dass sie hier fruchtbares Schwemmland finden. Ein Produzent von Ölsaaten hat sich jedoch schon wieder aus der Region zurückgezogen, weil die Böden untauglich waren", so Byron. Die kenianische National Environment Management Authority (NEMA) fällte ein verheerendes Urteil über den anstehenden Jatropha-Anbau: "Es gibt keinerlei Belege, dass Jatropha-Plantagen hier durchführbar wären. Im Gegenteil: Alles deutet darauf hin, dass der Anbau missglückt", fasst Francis Ole Kaparo von der NEMA die Untersuchungsergebnisse seiner Behörde zusammen – und empfiehlt, alle Anbaulizenzen zurückzunehmen. Und trotz riesiger Investitionen habe das TARDA-Projekt in den letzten zwei Jahren kein einziges Maiskorn für die Ernährung der Kenianer erwirtschaftet.
Längst gelten die Sümpfe, Mangroven und Auen am Tana River als international bedeutendes Feuchtgebiet, und noch leben seine Bewohner im Einklang mit der Natur.


Der Autor ist Redaktionsleiter von Spektrum.de. 






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1. Dank an Spektrum
08.12.2011, Jürg Walter MeyerIch frage mich, wie weit die maßgebenden Deutschen Politiker diese Erkenntnisse zur Kenntnis nehmen wollen - oder besser können - und in ihren Entscheiden berücksichtigen. Ich bin skeptisch: Die deutsche Politikerkaste denkt, wie ihre Bundeskanzlerin alternativlos. Die von Spektrum gelieferten Fakten werden dem Merkelschen Denkverbot unterliegen.