In den 1960er Jahren war es nicht unüblich, Computer als "Elektronengehirne" zu bezeichnen. Das wirkt bei den beschränkten Fähigkeiten der damaligen monströsen Geräte heute geradezu rührend naiv. Aber man traute ihnen allerhand zu: "Wir stehen an der Schwelle eines Zeitalters, das durch intelligente problemlösende Maschinen nachhaltig beeinflusst, ja vielleicht sogar beherrscht wird." So sprach 1961 Marvin Minsky, einer der Pioniere der Forschungsrichtung, die sich ohne jede falsche Bescheidenheit "künstliche Intelligenz" (KI) nannte.
In der Tat konnten die damaligen Rechner, geeignet programmiert, Dame und Schach spielen, geometrische Sätze beweisen, Analogieaufgaben aus Intelligenztests lösen und Buchstaben erkennen. Da schien es in Reichweite, sie mit jenen Fähigkeiten auszustatten, die wir an uns selbst am höchsten schätzen: logisch zu denken, Probleme zu lösen, kreativ zu sein, aus Erfahrungen zu lernen.
50 Jahre später sind problemlösende Maschinen zu selbstverständlichen Bestandteilen unseres Alltags geworden: Computerprogramme schlagen uns die günstigste Fahrtroute durch die Stadt vor, empfehlen uns Filme, die unserem Geschmack entsprechen, erkennen Gesichter auf Fotos, verwandeln gesprochene Nachrichten in Text und übersetzen Dokumente von einer Sprache in eine andere. In Dame und Schach sind sie mittlerweile unschlagbar. Selbst in der amerikanischen Fernsehshow "Jeopardy", in der Sprachspiele und Mehrdeutigkeiten eine wesentliche Rolle spielen, schlug ein Computer haushoch die bis dahin erfolgreichsten menschlichen Teilnehmer.
Gleichwohl bleibt völlig unklar, ob diese spektakulären Erfolge auf "Denken" oder "Intelligenz" zurückzuführen sind

Brian Hayes ist Verfasser der Kolumne "Computing Science" im "American Scientist", aus dem dieser Artikel stammt. In seinem Blog http://bit-player.org präsentiert er unter anderem ergänzendes Material zu seinen Kolumnen.
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1. "Watson" war gar nicht so intelligent – nur schneller
03.06.2013, Jörg MichaelDie Regeln von "Jeopardy" besagen, dass man erst dann antworten darf, nachdem der Moderator die Antwort durch Drücken des Startkopfs freigegeben hat. Wenn dabei (wie es offenbar wiederholt vorgekommen ist) Mensch und Computer die korrekte Antwort vorher haben, misst man im Wesentlichen, wer von beiden die bessere Reaktionszeit hat. Super.
2. Kleine Kinder haben zwei weitere Informationsquellen
04.06.2013, Martin PiehslingerComputer erlernen Sprache(n) ebenso wie Kinder ohne Grammatik und Konjugationstabellen, sondern durch Analyse von Texten.
Diesen Gedanken möchte ich weiterspinnen:
Kleine Kinder lernen nicht nur durch die gesprochenen Sätze, die sie von Erwachsenen hören, sondern sie haben zwei weitere Informationsquellen: erstens Antworten auf Fragen, mit denen sie die Erwachsenen bis zur Erschöpfung löchern, und zweitens nicht-sprachliche Informationen, die mit dem Gehörten einhergehen. So assoziiert das Kind mit dem gesprochenen Wort "Haus" auch den Anblick eines Hauses, Gerüche beim Betreten einen Hauses, Wärme oder Kühle, die veränderte Akustik und so weiter. Das Kind erlernt auch die Bedeutung des ärgerlichen Tonfalls des Erwachsenen, dem wieder einmal die dauernden Warum-Fragen zu viel geworden sind.
Der Computer wie von Brian Hayes beschrieben würde sozusagen die Reinform des Archetypus "eigenbrötlerischer Bücherwurm" repräsentieren. In diesem Zusammenhang bemerkenswert: "Laut Studien fallen Romanleser oft durch eine erhöhte Sozialkompetenz auf." ("Gehirn und Geist" Juli/August 2012)
Vielleicht wird das Tamagotchi der Zukunft lästige Fragen stellen, sein Besitzer wird ob der dauernden Warum-Fragen entnervt sein. Als Belohnung für seine Geduld wird er einen Gesprächspartner im Westentaschenformat erhalten, der die gesamte Weltliteratur gelesen hat, sich aber auch an alle mitgehörten Gespräche erinnert, Zugriff auf Online-Information vom Fahrplan bis zum Wetterbericht hat und auf jede Frage blitzschnell die Antwort weiß, die sein Besitzer gebraucht hat.