Mythos Determinismus
Springer, Berlin
ISBN: 3642250971
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"Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen." So bringt der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer das auf den Punkt, was oft als die dritte Kränkung des Menschen durch die Wissenschaft bezeichnet wird. Wir sind nicht im Mittelpunkt der Welt (Kopernikus), nicht die Krone der Schöpfung (Darwin) und nun nicht einmal Herr unseres eigenen Willens?
Unsere tief empfundene Überzeugung, dass wir selbst die Ursache unserer willentlichen Handlungen sind, wollen die Hirnforscher als Illusion entlarven. In der Tradition der Aufklärung propagieren sie einen neuronalen Determinismus, der uns zu Marionetten physikalischer Gesetze degradiert.
Dagegen zu argumentieren, ist nicht einfach. Brigitte Falkenburg, Professorin für Philosophie der Wissenschaft und Technik in Dortmund, ist sowohl in Physik als auch in Philosophie promoviert. In ihrem neuen Buch unternimmt sie es, das "Puzzle der kausalen Zusammenhänge zwischen Gehirn und Geist" auf Lücken zu untersuchen. Werden die Hirnforscher Recht behalten, oder liegen ihrer Argumentation versteckte metaphysische (nicht durch Erfahrung begründete) Behauptungen zu Grunde? Schlägt Aufklärung in Mythos zurück, wenn man den Naturwissenschaften zu viel abverlangt?
Das Grundproblem des Zusammenspiels von Geist und Gehirn präsentiert sie uns als ein "Trilemma" aus drei plausiblen Annahmen, von denen sich jeweils zwei mit der dritten nicht vertragen. Erstens: Mentale und physikalische Phänomene sind strikt verschieden. Zweitens: Mentale Phänomene können physische Phänomene verursachen. Drittens: Der Bereich der physikalischen Phänomene ist kausal abgeschlossen.
Die dritte Aussage entspricht dem Determinismus von Pierre-Simon Laplace (1749 – 1827), nach dem sich jeder Zustand der Welt aus strikten Naturgesetzen und als Wirkung einer physikalischen Ursache ergibt. Die neuronalen Deterministen halten an ihr fest und verwerfen die erste Annahme, womit sich die zweite erübrigt. Falkenburg dagegen löst am Ende das Trilemma auf, indem sie die dritte zur "spekulativen metaphysischen Behauptung" herabstuft.
Doch bis dahin gibt es noch viel Lesestoff. Nach einer Einführung in die Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften bespricht Falkenburg die Methoden, mit denen die Hirnforscher versuchen, einen Zusammenhang von Gehirn und Geist herzustellen. Die so genannten bildgebenden Verfahren spielen eine wichtige Rolle, aber sie zeigen die Arbeit des Gehirns noch längst nicht mit hinreichender Genauigkeit in Raum und Zeit. Vor allem liefern sie ebenso wie das Seziermesser nur physikalische und chemische Fakten.
Will man bestimmten Gehirnarealen geistige Funktionen zuordnen, so hilft die Beobachtung pathologischer Fälle. Ein klassisches Beispiel ist das Schicksal des Eisenbahnarbeiters Phineas Gage, dem eine Eisenstange den Stirnlappen des Gehirns zerstörte, worauf sich seine Persönlichkeit drastisch veränderte. Allerdings muss man bei der Kartografie und beim Zuweisen von Funktionen vorsichtig sein. Das Gehirn baut sich ständig um. Extrembeispiel: Ein kleines Mädchen kam mit nur einer einzigen Hirnhälfte aus und hatte, entgegen der Lehrbuchweisheit, sogar ein vollständiges Gesichtsfeld.
Die klassische "Vermessung des Geistes" findet im Versuchslabor statt. Die Probanden werden einem Reiz ausgesetzt, zum Beispiel einem akustischen Signal, und berichten dann über die mentalen Wirkungen, im Beispiel über die Intensität, mit der sie den Schall empfinden. So gelingt es, mentale Wirkungen zu objektivieren. Ein bekanntes Ergebnis ist das Gesetz von Weber und Fechner, nach dem die Empfindungsstärke logarithmisch mit der Reizstärke wächst.
In anderen, berühmt gewordenen Experimenten konnte Benjamin Libet zeigen, dass unser bewusstes Erleben dem Reiz etwa eine halbe Sekunde hinterherhinkt. Und das gilt nicht nur für einen äußeren Stimulus, sondern auch für die Aktivität des eigenen Gehirns. Die Probanden sollten den Entschluss zu einer Handlung fassen und sich den Zeitpunkt merken. Es zeigte sich aber, dass das im Gehirn messbare Bereitschaftspotenzial diesem Zeitpunkt eine halbe Sekunde vorausgeht. Unser Gehirn hat also den Entschluss längst gefasst, bevor wir ihn zu fassen glauben. Falkenburg argumentiert, dass diese Experimente in keiner Weise naturwissenschaftlichen Standards genügen, da sich mentale Ereignisse nicht isolieren lassen. Zwar kann man einen Bewusstseinsimpuls empfinden und auch davon sprechen, doch lässt er sich nicht gegen andere mentale Zustände abgrenzen, insbesondere kausal relevante, die ihm vorausgehen.
Doch damit nicht genug. Falkenburg stellt den Kausalitätsbegriff in Frage. Es handle sich nicht um ein klares Konzept – weder in der Physik noch in der Philosophie. Daher könne man auch nicht allgemein von Ursachen und Wirkungen sprechen. Vielmehr gebe es eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Erklärungstypen.
In der Hirnforschung werden dazu oft Mischungen aus deterministischen und indeterministischen Teilprozessen herangezogen. Zum Beispiel enthalten die so genannten neuronalen Netze, deren Komponenten die Signalübertragung in Neuronen hervorragend simulieren, auch stochastische (zufallsabhängige) Algorithmen. Indem sie den Hirnforschern als Modelle für das Gehirn dienen, haben sie eine wichtige heuristische Funktion; aber sie können keine wissenschaftlichen Erklärungen liefern. Falkenburg hält diese theoretische Konstruktion für "eine schwankende Brücke", die mit Hilfe des Informationsbegriffs über "begrifflichen Sumpf" gebaut werde. Denn die Erklärungsleistung stehe und falle damit, "dass sich entsprechende Vernetzungsleistungen im Gehirn finden lassen". Doch die Hirnforscher wüssten bisher nicht, wie die Neurone zusammenwirken und was dafür verantwortlich ist, dass etwas in unser Bewusstsein dringt.
Vor dem Hintergrund der gemachten Untersuchungen möchte Falkenburg das oben angesprochene Trilemma auflösen. Sie bekräftigt und konkretisiert die erste der drei Thesen: "Mentale Phänomene sind inkommensurabel zu physischen Phänomenen", denn sie lassen sich nicht messen, isolieren oder kausal analysieren. Wer das nicht beachte, laufe Gefahr, eine Reihe von Fehlschlüssen zu ziehen.
Für die zweite These, die der mentalen Wirksamkeit, findet sie nicht ganz so starke Worte. Aber sie hält es für sehr unklug, sie aufzugeben. Zumindest heute könne noch niemand erklären, wie es die Neurone schaffen, unser Bewusstsein und unsere Absichten hervorzubringen, womit das Versprechen der Neurowissenschaftler, die zweite These werde sich erübrigen, zumindest vorläufig uneingelöst bleibe. Außerdem spreche die Tatsache, dass wir über Neuroimplantate die physikalische Welt mit unserem reinen Willen beeinflussen können, ebenso für die These wie die alltägliche unmittelbare Selbsterfahrung.
Die These der kausalen Geschlossenheit dagegen erklärt die Autorin zu einer "starken metaphysischen Behauptung". Sie führt viele Gründe an, sich von ihr zu verabschieden. Stattdessen sollten wir wie Kant das Kausalprinzip nicht als eine Tatsache, sondern als methodologische Forderung verstehen. Hinter allem Geschehen eine Ursache anzunehmen, sei eine Grundlage unseres Denkens; ob dieses Prinzip der Realität an sich zukommt, sei hingegen nicht zu entscheiden.
Das Buch von Falkenburg bietet eine sehr gute, allgemein verständliche Einführung in die Geschichte, die Methoden und die Erklärungsleistungen der Hirnforschung sowie einen Überblick über die aktuellen philosophischen Standpunkte. Es liefert einen bedeutenden Beitrag zur gegenwärtigen Debatte, auch da es bisher kaum große wissenschaftstheoretische Abhandlungen zum Thema gibt. Die Autorin übt meist sachliche und differenzierte Kritik. Nicht zuletzt arbeitet sie ihre eigene Haltung konsequent heraus.
Negativ festzuhalten sind die gelegentlich pauschalisierenden Äußerungen über "die" Hirnforscher, die zum Teil etwas ungenauen Darstellungen philosophischer Positionen im ersten Kapitel und eine in weiten Teilen redundante Form der Darstellung. Schließlich erweckt der Einband eher den Eindruck eines wenig fundierten Schulbuchs, was sich in keinem Fall mit dem Inhalt deckt.
Der Titel "Mythos Determinismus" hält, was er verspricht. Falkenburg möchte davor warnen, im Namen der Aufklärung dem Mythos des laplaceschen Weltbilds zu erliegen.

Der Rezensent ist Diplommathematiker und arbeitet als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Hannover. 
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1. Was geredet wird
28.04.2013, Dr. Rainald HahnWir sagen ja immer noch „morgens geht die Sonne auf“ und „abends geht sie unter“, obwohl wir doch spätestens seit dem Kopernikus wissen, dass dies nicht buchstäblich in jeder Hinsicht stimmt. Wollen wir deswegen diese Ausdrucksweise als irreal verwerfen? Nein, denn wir wissen doch, dass solches Reden und Betrachten für den irdischen Standpunkt des Menschen am klarsten und am treffendsten ist.
Nun reden wir auch von „Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit“, von „gut überlegten und konsequent verfolgten Entschlüssen“ und ähnlichem, obwohl wir doch allerspätestens seit den neuesten hirnphysiologischen Experimenten wissen, dass dies nicht in jeder Hinsicht stimmt. Sollen wir deswegen solch eine Ausdrucks- und Betrachtungsweise als irreale Täuschung abtun? Nein, niemals. Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit sind mindestens so real wie der Aufgang und der Untergang der Sonne. Und keine noch so scharfsinnige Interpretation eines Experimentes kann uns im Leben von den Aufgaben der Freiheit entbinden!
Es war übrigens G. W. Leibniz, ein Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler, der das Gleichnis vom „Aufgang und Untergang der Sonne“ verwendete, um „metaphysische Streitfragen“ zu moderieren. Und mit Blick auf die obige Rezension scheint mir das philosophische Buch von Brigitte Falkenburg sehr empfehlenswert zu sein. Ich bin sehr gespannt, ob ein Argument vom Leibnizschen Typ auch darin vorkommt.
2. Neurowissenschaften: Vorsicht, Diebe!
28.04.2013, Univ.-Prof. Dr. August Ruhs3. Kant zum Determinismus
06.05.2013, Hans PröpperDessen Ausgangsposition wird in der Rezension (S.95, 3.Sp., 2.Abs.) wiedergegeben: „Die These der kausalen Geschlossenheit...“
Kant hatte erkannt, dass die Kategorie Kausalität (sowie weitere Kategorien) und die Anschauungsformen Raum und Zeit konstitutiv für das menschliche Erkennen sind: Alles, was wir erkennen, ist von vornherein und unabdingbar den Kategorien und Anschauungsformen unterworfen (siehe auch meinen Leserbrief zu "Ist die Zeit eine Illusion?"). Das macht die Eigenheit unseres menschlichen Erkennens aus. Wie die Realität aber wirklich beschaffen ist, das ist uns nicht zugänglich. Um mit Kant zu sprechen: Wir erkennen nur das Ding in seiner Erscheinung, nicht aber das Ding an sich. Das war eine Essenz seiner "Kritik der reinen Vernunft" (1781, im Folgenden "KdrV").
Es folgt die "Kritik der praktischen Vernunft" (1788, "KdpV").
Die Kernfrage lautet: Wie kann der Mensch frei handeln, wenn doch alles Erfahrbare dem Prinzip der Kausalität unterworfen ist? Denn dieses Prinzip gilt nicht nur für Naturvorgänge, sondern auch für die Erfahrung eigener seelischer und intellektueller Vorgänge. Die KdrV ließ die Möglichkeit eines „Ich an sich“ (eines Ich hinter dem empirisch erfahrbaren Ich) offen. Dieses Ich könnte frei sein, es könnte aus freiem Entschluss so oder so handeln.
Was gemäß der KdrV nur eine Denkmöglichkeit war, wird mit der KdpV zur Gewissheit. Kant zeigt die Freiheit des Willens als Postulat (Forderung) der praktischen Vernunft auf. Es wird kein theoretischer Beweis geliefert (hierzu ist die menschliche Vernunft nicht in der Lage). Es muss aber in einem bestimmten Sinne Willensfreiheit geben, weil sonst die Forderung (Sittengesetz), autonom zu handeln, und die Wertung des autonomen Wollens als sittlich gut (oder ungut) sinnlos wäre. Die Freiheit des sittlich handelnden Menschen besteht darin, das unumstößliche, allgemeingültige Sittengesetz zu wollen oder nicht zu wollen, danach zu handeln oder nicht zu handeln.
Das Sittengesetz manifestiert sich im "kategorischen Imperativ":
„Handle so, dass die Maxime (Richtschnur) deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“
Hiermit tut sich der Nachweis für die Möglichkeit eines freien, nicht kausal bestimmten Handelns auf. Dies liegt jedoch auf einer anderen als auf der naturwissenschaftlichen Ebene mit ihrer methodisch fixierten Forschung. Die mit der Philosophie Kants aufgezeigte Willensfreiheit öffnet jedoch nur ein Fenster, das des Handelns aus Freiheit im sittlichen Bereich. Dies ist das eigentliche konstitutive Element des menschlichen Daseins, das sich seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte durch alle Mythen und Religionen zieht.
4. Physisch oder physikalisch?
24.05.2013, Gertraud Hagner-Freymark"Mentale und physikalische Phänomene sind strikt verschieden." Auf S. 96 hingegen schreibt er statt physikalisch den Begriff physisch: "Mentale Phänomene sind inkommensurabel zu physischen Phänomenen". Bitte erklären, denn unbelebte und belebte Welt sollte wohl nicht gleichzusetzen sein.