In einem anderen Experiment ließen die Forscher Dreijährige ein aus neun verschiedenen Bildern bestehendes "Puzzle" betrachten. Die Kleinkinder sollten eine Blume, einen Frosch oder eine Schlange in dem Bilderpuzzle entdecken. Sie identifizierten die Schlangenbilder sehr viel schneller als die Blumen- oder Froschbilder. Die Kinder, die bereits Angst vor Schlangen hatten, waren dabei nicht schneller, als diejenigen, die angstfrei waren. "Wir glauben, dass die menschliche Wahrnehmung darauf ausgerichtet ist, Tiere wie Schlangen schnell zu entdecken und sie mit negativen Emotionen, wie Ekel oder Angst zu verknüpfen", erklärt LoBue.
Schon Versuche mit Affen hatten gezeigt, dass die Angst vor Schlangen nicht angeboren ist, aber zügig erlernt wird: Susan Mineka vom Karolinska Institut in Stockholm, konnte zeigen, dass im Labor aufgewachsene Affen – die noch niemals zuvor eine Schlange gesehen hatten – keine Angst vor den Kriechtieren hatten. Wurde den Laboraffen dann ein Videoband gezeigt, in dem andere Affen deutliche Angstreaktionen vor Schlangen zeigten, lernten sie schnell, sich vor ihnen zu fürchten. Die Angst vor Blumen oder Kaninchen – ebenfalls Dinge, die die Laboraffen niemals zuvor gesehen hatten – lernten sie hingegen wesentlich schlechter.
Demnach besitzen Menschen und Affen also durchaus eine Veranlagung dazu, die Angst vor Schlangen schleunigst zu lernen – doch lernen müssen sie dieses Verhalten, es ist nicht von Geburt an vorhanden. Evolutionär ist dies sinnvoll, weil es lebensrettend sein kann: Nicht wenige Schlangen – und Spinnen, für die das Gleiche gilt – sind giftig und damit potenziell gefährlich. Der Sinn der Angst ist die Aktivierung des Körpers, um schnellstmöglich fliehen zu können.
Bei einigen Menschen schlägt die Angst jedoch in eine Phobie um. In diesem Fall sind die Ängste zu groß und der Situation nicht angemessen. "Weder für Menschen noch für Affen ergibt es einen Sinn, beim Anblick einer Schlange eine lähmende Panikattacke zu bekommen", erklärt Claus Normann, Psychiater am Universitätsklinikum Freiburg. Menschen, die an Phobien leiden, empfinden die Aktivierung des Körpers, also das Herzklopfen, die Anspannung, als unangenehm. Die negative Wahrnehmung verstärkt die Angst und das die Aktivierung. Die Folge: Die Angst auslösende Situation – etwa der Anblick einer Schlange – wird vermieden.
Doch Phobien lassen sich genau durch das Gegenteil bekämpfen: zum Beispiel durch die direkte Begegnung mit einer Schlange. Der Patient muss sich der Angst so lange auszusetzen, bis die Aktivierung des Körpers nachlässt, was nach ein paar Minuten unweigerlich der Fall ist. "Dieser Angstabfall trotz Gegenwart des befürchteten Objektes, ist für die Betroffenen eine extrem positive und erstaunliche Erfahrung", so Normann. Auf diese Weise ließen sich einfache Phobien durchaus gut und schnell behandeln.



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