Beim Neandertaler ließen Schädelwölbungen jedoch darauf schließen, dass sein Kehlkopf höher gelegen haben muss – und damit die Vielfalt seiner Laute erheblich eingeschränkt hat. Dass die Neandertaler über eine Sprache miteinander kommunizierten, hielten Forscher deshalb für wenig wahrscheinlich.
Hart im Nehmen
Trotzdem meisterte Homo neanderthalensis die Herausforderungen im eiszeitlichen Europa mit Bravour. Er begann mit der Jagd großer Tiere, kleidete sich ein und bezog schützende Behausungen. Vor allem seine ausgefeilten Steinwerkzeuge waren mit viel Geschick gefertigt. Doch wie hätten solche Fähigkeiten von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden können, wenn nicht über Sprache?
Tatsächlich wurden Paläoanthropologen im Jahr 1983 fündig: In der israelischen Kebara-Höhle stießen sie auf das 60 000 Jahre alte Grab eines erwachsenen Neandertalers. Neben dem Unterkiefer entdeckten sie auch ein fast vollständig erhaltenes Zungenbein, das beim Menschen als einziger Knochen nicht mit anderen Knochen verbunden ist, sondern mit dem weichen Gewebe des Kehlkopfes.
Paläoanthropologie geht auf die Knochen
Neue Hinweise liefern genetische Untersuchungen. Als besonders heißer Kandidat gilt das einzige bislang bekannte Sprach-Gen FOXP2, das vermutlich den Menschen befähigt, sich klar zu artikulieren und die Wörter beim Zuhören zu verstehen. Brachte FOXP2 vielleicht auch den Neandertaler zum Sprechen?
Schließlich treten die von FOXP2 kodierten Proteine nicht nur beim Menschen auf: Auch Affen, Menschenaffen und Mäuse tragen solche Eiweiße – ebenso wie vermutlich noch viele andere Säugetiere. Der Unterschied steckt allerdings im Detail: So differieren die Proteine des Menschen in nur zwei Aminosäure-Sequenzen von den Eiweißen des Schimpansen. Sein außergewöhnliches Sprachtalent verdankt Homo sapiens deshalb wohl eben diesem Sequenzunterschied von FOXP2.
Der Neandertaler – ein Sprachkünstler
Um zu prüfen, ob auch der Neandertaler über diese Mutationen verfügte, haben Wissenschaftler um Johannes Krause und Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig nun das Sprach-Gen bei H. neanderthalensis sequenziert. Aus den fossilen Überresten eines Neandertaler-Skeletts, das in der Höhle von Sidron in Nordspanien entdeckt worden war, hatten sie zuvor eine Probe entnommen, aus der sie das Erbgut gewannen.
Ein Vergleich mit den Aminosäure-Sequenzen des von FOXP2 kodierten Proteins beim Menschen zeigte, dass die Eiweiße von Mensch und Neandertaler tatsächlich identisch sind. "Bezogen auf dieses Gen gibt es also keinen Grund, warum der Neandertaler nicht die Fähigkeit zur Sprache gehabt haben sollte", meint Krause. Allerdings könnte die Sprachfähigkeit noch durch weitere, bislang unbekannte Gene beeinflusst werden.
"Bislang gingen wir davon aus, dass die Veränderungen des Sprachgens einsetzten, nachdem sich Mensch und Neandertaler vor etwa 300 000 Jahren getrennt hatten", ergänzt Pääbo. Die neuen Ergebnisse legen nun aber die Vermutung nahe, dass die Evolution des Sprach-Gens bereits bei einem unserer gemeinsamen Vorfahren einsetzte. Über die Sprachfähigkeiten des Neandertalers wird sich in Zukunft dennoch nicht viel sagen lassen – schließlich ist seine Stimme für immer verstummt.




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