Beliebt für solche Rekonstruktionen ist auch Helicobacter pylori, ein Bakterium, das die Magenschleimhaut besiedelt und neben üblen Magenschmerzen über Gastritis bis hin zu Krebs erheblich die Gesundheit schädigen kann. Lange Zeit hielt man es für ein Mitbringsel der Europäer, als sie die Neue Welt eroberten, denn die Erreger in heutigen südamerikanischen Patienten zeigten typische europäische Signaturen. Dann allerdings entdeckten Forscher 1999 in beinahe 3000 Jahre alten Exkrementen aus den südamerikanischen Anden Antigene des Bakteriums, und 2002 folgte der Nachweis, dass Helicobacter von venezolanischen Ureinwohnern eher asiatische Verwandtschaftsbeziehungen aufweist.
Der Magenkeim musste also mit den ersten Einwanderern vor 11 000 Jahren über die Beringstraße gekommen sein. Aber war er damals bereits ein Krankheitserreger? Oder noch ein harmloser Magenbewohner? Diese Fragen kann nur entsprechendes Gewebe aus vergangenen Zeiten beantworten – und dafür wiederum bietet sich vor allem eine Quelle an: Mumien.
Diese Zeitzeugen aus der Mitte des 14. Jahrhunderts unterzogen die Forscher nun posthum mit moderner medizinischer Apparatur einer Magenspiegelung. Aus den vorsichtig gewonnenen Proben aus dem Magen sowie Vergleichsmaterial aus Mundhöhle und Gehirn extrahierten sie die DNA, vervielfältigten die winzigen Mengen anschließend mit Polymerase-Kettenreaktion (PCR) und durchsuchten sie nach eindeutigen Spuren bakterieller Hinterlassenschaft: Gensequenzen des mikrobiellen Ribosoms, die sich eindeutig von denen des menschlichen Wirtes unterscheiden.
Damit bestätigen López-Vidal und ihre Mitarbeiter nicht nur, dass der Magenkeim tatsächlich bereits vor Kolumbus Amerika erreicht hat, sondern weisen auch erstmals eine wirkliche Infektion nach – und klären so die Frage, ob Helicobacter schon damals nur harmloser Untermieter oder bereits Krankheitserreger war.
Wie schlimm der Betroffene, ein 50- bis 60-jähriger Mann, wirklich litt, lässt sich natürlich nicht mehr feststellen. Seine Wirbelsäule weist deutlich auf ein lebenslange schwere köperliche Arbeit hin – wie bitter wäre es, sollten ihm zusätzlich Magenbeschwerden den Lebensabend vergällt haben.





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