"Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen." So bringt der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer das auf den Punkt, was oft als die dritte Kränkung des Menschen durch die Wissenschaft bezeichnet wird. Wir sind nicht im Mittelpunkt der Welt (Kopernikus), nicht die Krone der Schöpfung (Darwin) und nun nicht einmal Herr unseres eigenen Willens?
Unsere tief empfundene Überzeugung, dass wir selbst die Ursache unserer willentlichen Handlungen sind, wollen die Hirnforscher

Der Rezensent hat Mathematik und Philosophie an der Freien Universität Berlin studiert. Seither arbeitet er als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Hannover.
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1. Was geredet wird
28.04.2013, Dr. Rainald HahnWir sagen ja immer noch „morgens geht die Sonne auf“ und „abends geht sie unter“, obwohl wir doch spätestens seit dem Kopernikus wissen, dass dies nicht buchstäblich in jeder Hinsicht stimmt. Wollen wir deswegen diese Ausdrucksweise als irreal verwerfen? Nein, denn wir wissen doch, dass solches Reden und Betrachten für den irdischen Standpunkt des Menschen am klarsten und am treffendsten ist.
Nun reden wir auch von „Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit“, von „gut überlegten und konsequent verfolgten Entschlüssen“ und ähnlichem, obwohl wir doch allerspätestens seit den neuesten hirnphysiologischen Experimenten wissen, dass dies nicht in jeder Hinsicht stimmt. Sollen wir deswegen solch eine Ausdrucks- und Betrachtungsweise als irreale Täuschung abtun? Nein, niemals. Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit sind mindestens so real wie der Aufgang und der Untergang der Sonne. Und keine noch so scharfsinnige Interpretation eines Experimentes kann uns im Leben von den Aufgaben der Freiheit entbinden!
Es war übrigens G. W. Leibniz, ein Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler, der das Gleichnis vom „Aufgang und Untergang der Sonne“ verwendete, um „metaphysische Streitfragen“ zu moderieren. Und mit Blick auf die obige Rezension scheint mir das philosophische Buch von Brigitte Falkenburg sehr empfehlenswert zu sein. Ich bin sehr gespannt, ob ein Argument vom Leibnizschen Typ auch darin vorkommt.
2. Neurowissenschaften: Vorsicht, Diebe!
28.04.2013, Univ.-Prof. Dr. August Ruhs3. Kant zum Determinismus
06.05.2013, Hans PröpperDessen Ausgangsposition wird in der Rezension (S.95, 3.Sp., 2.Abs.) wiedergegeben: „Die These der kausalen Geschlossenheit...“
Kant hatte erkannt, dass die Kategorie Kausalität (sowie weitere Kategorien) und die Anschauungsformen Raum und Zeit konstitutiv für das menschliche Erkennen sind: Alles, was wir erkennen, ist von vornherein und unabdingbar den Kategorien und Anschauungsformen unterworfen (siehe auch meinen Leserbrief zu "Ist die Zeit eine Illusion?"). Das macht die Eigenheit unseres menschlichen Erkennens aus. Wie die Realität aber wirklich beschaffen ist, das ist uns nicht zugänglich. Um mit Kant zu sprechen: Wir erkennen nur das Ding in seiner Erscheinung, nicht aber das Ding an sich. Das war eine Essenz seiner "Kritik der reinen Vernunft" (1781, im Folgenden "KdrV").
Es folgt die "Kritik der praktischen Vernunft" (1788, "KdpV").
Die Kernfrage lautet: Wie kann der Mensch frei handeln, wenn doch alles Erfahrbare dem Prinzip der Kausalität unterworfen ist? Denn dieses Prinzip gilt nicht nur für Naturvorgänge, sondern auch für die Erfahrung eigener seelischer und intellektueller Vorgänge. Die KdrV ließ die Möglichkeit eines „Ich an sich“ (eines Ich hinter dem empirisch erfahrbaren Ich) offen. Dieses Ich könnte frei sein, es könnte aus freiem Entschluss so oder so handeln.
Was gemäß der KdrV nur eine Denkmöglichkeit war, wird mit der KdpV zur Gewissheit. Kant zeigt die Freiheit des Willens als Postulat (Forderung) der praktischen Vernunft auf. Es wird kein theoretischer Beweis geliefert (hierzu ist die menschliche Vernunft nicht in der Lage). Es muss aber in einem bestimmten Sinne Willensfreiheit geben, weil sonst die Forderung (Sittengesetz), autonom zu handeln, und die Wertung des autonomen Wollens als sittlich gut (oder ungut) sinnlos wäre. Die Freiheit des sittlich handelnden Menschen besteht darin, das unumstößliche, allgemeingültige Sittengesetz zu wollen oder nicht zu wollen, danach zu handeln oder nicht zu handeln.
Das Sittengesetz manifestiert sich im "kategorischen Imperativ":
„Handle so, dass die Maxime (Richtschnur) deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“
Hiermit tut sich der Nachweis für die Möglichkeit eines freien, nicht kausal bestimmten Handelns auf. Dies liegt jedoch auf einer anderen als auf der naturwissenschaftlichen Ebene mit ihrer methodisch fixierten Forschung. Die mit der Philosophie Kants aufgezeigte Willensfreiheit öffnet jedoch nur ein Fenster, das des Handelns aus Freiheit im sittlichen Bereich. Dies ist das eigentliche konstitutive Element des menschlichen Daseins, das sich seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte durch alle Mythen und Religionen zieht.
4. Physisch oder physikalisch?
24.05.2013, Gertraud Hagner-Freymark"Mentale und physikalische Phänomene sind strikt verschieden." Auf S. 96 hingegen schreibt er statt physikalisch den Begriff physisch: "Mentale Phänomene sind inkommensurabel zu physischen Phänomenen". Bitte erklären, denn unbelebte und belebte Welt sollte wohl nicht gleichzusetzen sein.