Physik ohne Realität: Tiefsinn oder Wahnsinn?
Springer, Berlin
ISBN: 364221889X
Dieses Buch können Sie im Science-Shop für 29,95 € (D), 30,80 € (A) kaufen. »
Unlängst wurden wir noch "Vom Urknall zum Durchknall " getrieben, jetzt finden wir uns irgendwo zwischen "Tiefsinn oder Wahnsinn" wieder. Wo soll das noch enden? Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht die Irrenanstalt sein wird. Denn bei Dieter Zeh, emeritierter Professor der Universität Heidelberg, geht es physikalisch äußerst seriös und fundiert zu. Der Autor ist ein weltweit anerkannter Quantentheoretiker. Wir verdanken ihm unter anderem die Einführung des Begriffs "Dekohärenz", der die Interpretation der Quantenphänomene inklusive der Rolle des Beobachters revolutioniert hat. Nach einer langen Zeit des Stillstands, bedingt durch die starre "Kopenhagener Deutung" von Nils Bohr und seinen Jüngern kam durch Zehs Forschungen ab etwa 1970 frischer Wind auf.
Leider haben das viele Physiker noch nicht mitbekommen. Und so hält sich eisern der Pragmatismus: Warum soll man sich mit den Grundproblemen der Quantenwelt befassen, wenn alle Voraussagen der Schrödingergleichung mit höchster Präzision bestätigt werden konnten und sich überdies zahllose technische Anwendungen ergeben? Dabei wird ignoriert, dass sich nur wenige Schritte abseits vom gewohnten Trampelpfad erkenntnistheoretische Abgründe auftun, die an der Realität unserer Welt ernsthaft zweifeln lassen. Der Titel "Physik ohne Realität" ist also keine Übertreibung!
Die wenigen kritischen Physiker mussten unter Schrödingers Katze leiden, Maxwells Dämon ertragen oder sich mit Wigners Freund herumärgern. Hilflos sahen sie dem (fiktiven) Kollaps der Wellenfunktion zu, wurden von diversen Zeitpfeilen bedroht und suchten verzweifelt Zuflucht in Hugh Everetts "Vielen Welten". Ich werde erst gar nicht den Versuch wagen, diese wichtigen Begriffe hier näher zu erläutern. Dazu sollten Sie das Buch von Dieter Zeh lesen. Es ist eine Zusammenstellung von Artikeln, Vorträgen und Web-Essays des Autors aus der Zeit von 1968 bis 2010 (mit dem Fokus auf neueren Arbeiten).
Positiv ist, dass Begriffe wie Messprozess, Dekohärenz, Verschränkung, Viele Welten, Superposition, Nichtlokalität, Information, Zeit, Relativität oder Quantenkosmologie beharrlich auftreten. Diese Redundanz ist willkommen, denn dadurch werden die Zusammenhänge immer wieder neu formuliert. Langsam, aber sicher erkennt man, worum es eigentlich geht. Bei einer einzigen Quelle besteht oft die Gefahr, dass man etwas missversteht – trotzt bestem Willen des Verfassers. Dieser glaubt fest daran, dass seine Darstellung eindeutig sei, muss sich aber oftmals wundern, was Leser daraus machen. So entstehen Fehldeutungen, die sich gerne auch fortpflanzen. Bei diesem Buch besteht die berechtigte Hoffnung, dass man es mit einer klaren Sicht der Dinge wieder zuklappt.
Der einzige Haken: Das Niveau ist hoch und es geht durchweg abstrakt zu. Da helfen auch der weit gehende Verzicht auf Mathematik oder die wenigen Grafiken nicht weiter. Der Stil ist gewöhnungsbedürftig, und es ist zuweilen anstrengend, die komplexen Sätze zu durchdringen. Sicher, die vielen Wiederholungen sind hilfreich – das garantiert aber noch lange nicht die erhoffte Erkenntnis. Vorrausetzung ist ein breites theoretisch-physikalisches Grundwissen. Nur dann wird klar, dass hier ein völlig neues Fundament für die Quantenphysik vorgestellt wird, das mit vielen gewohnten "Wahrheiten" bricht. Zentral ist für mich Zehs Zusammenstellung der "Populären Missverständnisse über die Quantentheorie". Hier wird mit vermeintlich sinnvollen Konzepten aufgeräumt, wie der Dualismus, die Komplementarität oder die statistische Interpretation der Quantenmechanik. Wichtig ist auch die Betonung des (vieldimensionalen) Konfigurationsraums, der nur bei speziellen Prozessen identisch mit dem Ortsraum ist. Das wird oft übersehen und führt zu fatalen Missdeutungen.
Auf 218 Seiten offenbart der Autor viel von seiner Gedankenwelt und weicht auch den unvermeidlichen philosophischen Fragen nicht aus. Er greift dabei wichtige Themen auf wie etwa Julian Barbours "Zeitlosigkeit" oder die Rolle der Wheeler-deWitt-Gleichung. Das Buch hebt sich wohltuend von vielen anderen ab, die heute den populärwissenschaftlichen Markt überschwemmen. Oft hat man den Eindruck: Das hat man alles schon irgendwo gelesen beziehungsweise der Verfasser will nur einen schnellen Euro machen (da kann ich Stephen Hawking leider nicht ausnehmen). Dieses Gefühl stellt sich hier überhaupt nicht ein: Man liest das Original – und das hat mit Populärwissenschaft nicht viel zu tun.


Der Rezensent ist Physiker und Mitglied der Vereinigung der Sternfreunde e.V., deren Fachgruppe "Geschichte" er leitet. Er ist außerdem Herausgeber des "Praxishandbuch Deep-Sky".
drucken

Graue Substanz |
Natur des Glaubens |
Con Text |
MENSCHEN-BILDER |
Landschaft & Oekologie |
Mente et Malleo |
Polarstern unterwegs |
WIRKLICHKEIT |
Robotergesetze |
NeuroKognition |
bildungslücke |
braincast | 








1. Zeh und Bojowald
09.02.2012, Norbert Hinterberger, HamburgDie Schrödingergleichung ist die wohl bestgestützte Gleichung, über die die Physiker verfügen. Ihre geradezu notorische Bewährung in allen Experimenten legte offenbar schon sehr früh nahe, dass sie universell gültig sein könnte.
Heinz Dieter Zeh kritisierte schon 2008 (im SPEKTRUM, 04, 08, S. 32) erneut die pragmatistische Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik, die permanent inkonsistent zwischen Quantenbegriffen und klassischen wechselt – im Stil des antirealistischen bzw. pragmatischen „doublethink“, dem sich immer noch viele Physiker anvertrauen. Er macht das wieder von seiner konsistenten Theorie der Quantendekohärenz (1970) aus. Konsequent quantenphysikalisch zu argumentieren, heißt für ihn, dass man, anders als bei den Kopenhagenern, „auch den Beobachter und den ‚Rest der Welt’ in die quantenmechanische Beschreibung einbezieht“. Wenn man das täte, lande man „bei der Everett-Interpretation, wonach die Quantensuperposition aller Messergebnisse weiterhin existieren muss“ – eine Konsequenz der Dekohärenz.
Ferner beklagt er zu Recht, dass die Dekohärenz „zwar in aller Physiker Munde“ sei, häufig genug aber ganz und gar missverstanden, bis hin zu der Vorstellung, dass sie „Ensemble erzeuge oder den Kollaps der Wellenfunktion beschreibe und somit Everett-Welten zu vermeiden gestatte. Das ist jedoch reines Wunschdenken, denn genau das Gegenteil ist richtig!“ (H. D. Zeh, Wozu braucht man „Viele Welten“ in der Quantentheorie, 2007, Web-Essay - www.zeh-hd.de)
In seinem Buch von 2012 findet sich nun eine Sammlung von neueren und älteren Aufsätzen und Essays, die sich trotz ihrer fachlichen Schwierigkeiten für einen kritischen Realisten wie eine Erlösung von der antirealistischen Kopenhagener ‚Nicht-Interpretation’ liest. Aber darauf hat ja schon Wolfgang Steinicke sehr schön und kompakt in seiner Rezension aufmerksam gemacht. Ich möchte deshalb unter Bezugnahme auf dasselbe Buch und auf Bojowalds wichtiges Buch Zurück vor den Urknall (S. Fischer Verlag, 2010) in aller gebotenen Kürze versuchen, die Kompatibilität dieser beiden Kosmologen bezüglich der Begriffe „Kollaps“ und „Dekohärenz“ zu überprüfen.
Es scheint bei Bojowald eine nichteindeutige Verwendung der Begriffe Kollaps und Dekohärenz zu geben:
„(…) so bringt eine Messung an einem quantenmechanischen System dieses in einen definitiven Zustand durch den Kollaps der Wellenfunktion.“ - Martin Bojowald, Zurück vor den Urknall (S. 62.)
Diese Bemerkung ist, angesichts des immer noch sehr einflußreichen (‚Kopenhagener’) Verständnisses des Begriffs „Kollaps der Wellenfunktion“ mindestens ambivalent. Man könnte sie sogar als falsch bezeichnen, wenn man nicht aufgrund des Kontextes, den Bojowald insgesamt anbietet, annehmen müsste, dass er damit den Vorgang der Dekohärenz meint – und einen „scheinbaren“ Kollaps, wie auch Zeh. Der erklärt den beschriebenen Vorgang mit dem Dekohärenz-Begriff. In seinem neuesten Buch Physik ohne Realität: Tiefsinn oder Wahnsinn? (Springer, 2012, S. 25.) schreibt er:
„Die empirisch begründete Dynamik der Wellenfunktionen führt (…) dazu, dass zwei wechselwirkende Systeme nicht einzeln, sondern nur gemeinsam eine solche ‚besitzen’ können.“
Durch die Bezeichnung ‚Dekohärenz’ gerät im Übrigen wohl zumindest für den physikalischen Laien auch gerne mal in den Hintergrund, dass ja bei jeder Dekohärenz des jeweils gestörten Systems (also des vermeintlichen „Kollapses“), wenn man nur dessen Störung betrachtet, zwangsläufig eine neue und größere Superposition des nun übergeordneten Systems (‚gestörtes System’ mit ‚störendem System’, also eine Weiterverzweigung der Wellendynamik) entsteht.
Zeh schreibt:
„Genau diese Nichtlokalität hat zur Vorhersage der Ergebnisse der Bellschen Experimente geführt. Denn wenn die beiden Quantenobjekte, die ursprünglich in Wechselwirkung standen, nur einen gemeinsamen Zustand (eine gemeinsame Realität) besitzen, so ergibt sich daraus, dass die Messung an einem davon uns auch etwas über das andere sagt. Man muss also konstatieren, dass die Quantenmechanik bei dem Versuch, die Wirklichkeit zu beschreiben, den Begriff lokaler realer Zustände aufgeben muss – nicht aber den einer global definierten Realität.“ (S. 25)
Die Behauptung des Kollapses der Wellenfunktion betrachtet Zeh übrigens an anderer Stelle als Äquivalent zur Behauptung, die Wellenfunktion würde im Falle der Messung ungültig. Das war (insbesondere, da Zeh die Wellenfunktionen nicht nur als formale Gleichungen, sondern auch als physikalisch existent betrachtet) eine scharfe Kritik an der Kopenhagener Interpretation, die sich ja auch für die subatomaren Beobachtungen bzw. Messungen resignativ auf die klassische Physik zurückgezogen hatte. Sie wollten also gar nichts mehr zu den quantenphysikalischen Verhältnissen sagen, außer, dass die Wellenfunktion eben während der Messung kollabiere. Das war natürlich als Erklärung für scheinbare Punktteilchen gedacht. Das hieße aber, dass auch alle anderen Wechselwirkungen in der Natur zu jeweiligen ‚Kollapsen’ führen müssten, denn sie sind physikalisch äquivalent zu Messungen.
Was Bojowald als Kollaps bezeichnet, scheint dagegen der Vorgang der Dekohärenz zu sein, bei dem die physikalische Wellenfunktion in mehrere irreversibel verschiedene Teilwellenfunktionen auf gespalten wird (unsere klassische Welt ist dann nach Zeh nur eine Teil-Sicht dieser physikalischen Funktionen, nämlich die, die wir zufällig – im Sinne von prinzipiell unvorhersehbar - gemessen haben). Alle Eigenschaften, die das beobachtete System besitzt, können dabei aber jeweils eine eigene Teilwellenfunktion gestalten. Der Vorteil dieser physikalischen Interpretation der Wellenfunktion: Redet man über alle Teilwellenfunktionen als globale Einheit, kann man zwanglos alle scheinbaren Widersprüche der Wellenüberlagerungen (Katze tot und Katze lebendig) erklären – sie existieren eben unabhängig voneinander in jeweils eigenen Teilwellenfunktionen. Und wenn man die nicht gleich als verschiedene „Welten“ (im Sinne Everetts), sondern einfach erst mal neutraler als Teilwellenverzweigungen (ohne kausalen Einfluss aufeinander) bezeichnen will, insbesondere da sie ja auch nach Zeh selbst in ein und demselben Universum (nämlich in unserem) existieren (welches die gesamte Superposition aller Wellenfunktionen bildet), gelangen wir damit zu einem Realismus, der nicht nur dem resignativen Antirealismus der Kopenhagener klar überlegen ist, sondern vielleicht auch den Ableitungen proliferativer Universen der String-Theoretiker. Denn Bojowald und Zeh kommen beide mit einem Universum aus. Bojowald insistiert überdies ebenso stark wie Zeh darauf, dass wir uns von dem gängigen (bzw. unverstandenen) Teilchenbegriff verabschieden müssen und hält ebenso die Wellenfunktionen (über die ja ohnedies jedes ‚Teilchen’ verfügt – wie wir aus den Schirm-/Schlitz-Experimenten wissen) für primär.
Ich halte den scheinbaren Gegensatz von Bojowald und Zeh also für eine reine Begriffsverwirrung bei prinzipiell gleicher Sichtweise, was die Konsequenzen des Messvorgangs angeht. Man sieht das auch ganz gut an Bojowalds Schilderungen (Zurück vor den Urknall, S. 82). Er schreibt dabei ganz ähnlich wie Zeh, dass die „Verschränkung von Wellenfunktionen sehr empfindlich auf winzige Störungen“ reagiert: „Schon einzelne Luftteilchen oder Licht oder, in einem dunklen Vacuum, Wärmestrahlung beeinflusst die Wellenfunktionen so sehr, dass sie in einem Dekohärenz genannten Prozess, gleichsam in Reizüberflutung ihre vorherige Verschränkung vergessen.“ Der Mechanismus, den er für die Dekohärenz angibt unterscheidet sich allerdings etwas von Zehs Interpretation: „ In diesem Meer von unregelmäßigen Störungen gehen die Details der verschränkten Interrelation unter. Ähnlich sieht auch die Welt auf großen Skalen klassisch aus, weil die Fluktuationen und Verschränkungen leicht zerstört werden. Im Kleinen allerdings, in der mikroskopischen Physik oder in sehr genau konstruierten Experimenten, können Störungen oft lange genug in Schach gehalten werden, so dass sich hier die ungewohnte Welt der Quantenphysik enthüllt.“ Und über Schrödingers Katze sagt er: „Die Atome der Substanz befinden sich streng genommen zwar in einer Überlagerung, aber der Beitrag des zerfallenen Zustandes ist sehr klein.“ (S. 82.)
Zeh würde diese Beschreibung vermutlich als inkonsequent betrachten und behaupten, dass die beiden Zustände (zerfallen/nicht zerfallen) in diesem Moment in zwei verschiedenen sich aufspaltenden Wellenverzweigungen (allerdings nun ohne kausalen Einfluss aufeinander) weiterexistieren, denn das folgt aus der Schrödingergleichung. So jedenfalls kann kein Widerspruch und auch keine ‚plötzliche Ungültigkeit’ („Kollaps“) der Wellenfunktion auftreten. Die klassischen Messresultate (zerfallen oder eben unzerfallen) würden rein subjektiv für die jeweiligen Beobachter auftreten. Redet man von der klassischen Position aus von einer Tot-Lebendig-Überlagerung (wie kurz oder schwach auch immer), ergibt sich ein kontradiktorischer Widerspruch. Das findet laut Zeh dann nämlich in einer einzelnen Wellenverzweigung statt, die wir (subjektiv) für die komplette Welt halten. Subjektiv in dem Sinne, dass in jeder anderen Wellenverzweigung andere Kopien von uns existieren, die dann konsequenterweise ebenfalls nur subjektiv urteilen. Das war vermutlich auch der Grund für den resignativen Rückzug der Kopenhagener auf die klassische Messsituation, in der die Quantenverhältnisse einfach als irrelevant ignoriert wurden. Zeh und andere haben dagegen darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Antirealismus nicht die Quantenwirklichkeit beschreiben kann. Quantenphysikalisch schlüssig müssen im Falle von Dekohärenz (die eben bei jeder beliebigen Wechselwirkung auftritt, nicht nur bei Messungen) alle Überlagerungs-Zustände in sich aufspaltenden Teilwellen unabhängig voneinander weiter existieren bzw. sich weiter entwickeln. Nur so kann man anscheinend den logischen Widerspruch A&~A (tot-und-lebendig) vermeiden. In der gesamten Wellenfunktion entwickeln sich beide Zustände zugleich objektiv (jeder in seiner unabhängigen Wellenverzweigung) weiter.
Wie sich die Wellenvorstellung auch für „scheinbare“ Teilchen bei Zeh sozusagen ‚immer weiter ausbreitet’, kann man in seinem jüngsten Web-Essay („Die sonderbare Geschichte von Teilchen und Wellen“) verfolgen.