Plagiate verjähren in Deutschland nicht: Wer als Forscher von anderen Kollegen abschreibt, ohne dies kenntlich zu machen, arbeitet nicht nur unprofessionell und unwissenschaftlich. Er schafft sich damit ein eigenes Damoklesschwert, das lebenslang über seinem Kopf schwebt und jederzeit mit Getöse herunterfallen kann. Dank Internet und neuester Technologie nimmt das Risiko aufzufliegen für Plagiierer sogar beständig zu. Dann droht ihnen der Verlust aller wissenschaftlichen Ehren. Habilitationsschriften, Doktor- und selbst Abschlussarbeiten können jederzeit eingescannt und dann mit anderen Dokumenten viel leichter abgeglichen werden als noch vor einigen Jahrzehnten – wenn sie nicht ohnehin schon digital vorliegen.
Das wird zunehmend akademischen Titelträgern zum Verhängnis, wie der prominenteste Plagiatsfall des ehemaligen Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg lehrt: Er flog vor rund eineinhalb Jahren auf und führte der Öffentlichkeit vor Augen, wie tief und rasant der Fall sein kann, wenn man wissenschaftlich unsauber arbeitet. Aus dem charismatischen Vorzeigepolitiker wurde über Nacht eine Karikatur. Der Begriff "guttenbergen" landete sogar auf der Auswahlliste zum Jugendwort des Jahres – als Synonym für fälschen und abschreiben. Über die Häme hinaus reagiert die Öffentlichkeit seitdem zu Recht sensibel auf jedes Anzeichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, und nach zu Guttenberg flogen weitere Plagiate von bekannten oder weniger bekannten Politikern auf.
Seit dem letzten Wochenende gibt es nun einen neuen prominenten und vor allem brisanten Fall, der das Zeug für ein richtiges politisches Drama hat. Bildungs- und Forschungsministerin Annette Schavan wird vorgeworfen, in ihrer Doktorarbeit vor 32 Jahren zumindest stellenweise plagiiert zu haben. Die Promotionsschrift wurde eingereicht im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; die Arbeit mit dem Titel: "Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung" bewertete die Hochschule mit der zweitbesten Note "magna cum laude". Und nun das: Die Wissenschaftsministerin und damit oberste Hüterin der deutschen Forschungslandschaft soll damals abgeschrieben haben?! Entsprechend groß ist die Empörung. Doch in die öffentlichen Aufregung mischt sich auch ein bitterer Beigeschmack, wenn der Fall Schavan medial schnell und griffig mit dem Fall Guttenberg gleichgesetzt wird und Oppositionspolitiker reflexartig einen Rücktritt der Ministerin fordern. Denn: Ist der "Fall Schavan" wirklich so gravierend? Oder handelt es sich um eine Vorverurteilung? Wie genau sieht die Faktenlage aus?
Außer dem Gutachter Stefan Rohrbacher – Judaist an der Universität Düsseldorf, der über fünf Monate hinweg eine 75 Seiten umfassende Zusammenfassung zur Doktorarbeit von Frau Schavan verfasst hat –, sieben Mitgliedern einer ebenfalls von der Universität Düsseldorf angesetzten Prüfungskommission sowie einem anonymen Plagiatsjäger, der im Internet den Hinweis auf mögliche unsaubere Stellen gab, kennt aktuell kaum jemand die Arbeit Schavans. Von den sieben Kommissionsmitgliedern soll bislang erst einer signalisiert haben, dass er für einen Entzug des Doktortitels von Annette Schavan plädiert. Ob sich dem die restlichen Prüfer anschließen, ist noch völlig unklar. Am Mittwoch wird sich die Prüfungskommission der Hochschule zusammensetzen und äußern – wie, das ist derzeit ebenso völlig offen. Die Entscheidung über einen Titelentzug würde gegebenenfalls ohnehin ein anderes Gremium treffen: der zuständige Fakultätsrat an der Universität Düsseldorf – nach einem längeren Prozess. Hinzu kommt, dass sich die Hochschule seit einigen Tagen selbst zugeknöpft und wenig transparent zeigt. Die Pressestelle mauert und ist für alle Fragen zum Fall Schavan derzeit nicht wirklich aktiv zu erreichen. Anfragen werden höchstens per Mail und mit enormer Zeitverzögerung beantwortet.
Führende Wissenschaftler üben daher mittlerweile Kritik an der Hochschule. So wirft der Präsident der Humboldt-Stiftung, Helmut Schwarz, in der "Süddeutschen Zeitung" der Universität schwere Verfahrensfehler vor: Zum einen gebe es nur einen Gutachter, mindestens ein zweiter Gutachter sollte Schwarz zufolge die Vorwürfe gegen Schavan sachlich prüfen. Auch dass das interne Gutachten vorab an die Öffentlichkeit geriet, sei "skandalös". Matthias Kleiner, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), sowie Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, sehen das ähnlich.
Und auch Wolfgang Löwer, Professor für Wissenschaftsrecht an der Universität Bonn und Ombudsmann der Wissenschaft für wissenschaftliches Fehlverhalten, mahnt gegenüber "Spektrum.de" vor voreiligen Reflexen und betont, man müsse Schavan zumindest erst einmal anhören. Als renommierter Ombudsmann steht Löwer nicht im Verdacht, die Politikerin decken zu müssen. Doch er ist überzeugt, dass der Fall Schavan "ganz sicher nicht vergleichbar ist" mit dem Fall Guttenberg. Während der Exverteidigungsminister seitenweise abgeschrieben hatte, gebe es nach dem bisher in den Medien berichteten Kenntnisstand in Schavans Dissertation nur wenige Seiten, wo wörtliche Zitate nicht oder nicht richtig gekennzeichnet seien. "Das eigentliche Problem scheint die Paraphrasierung von Fundstellen zu sein", sagt Löwer. Die Arbeit sei möglicherweise nicht gut gemacht; ob eine Täuschungsabsicht damit verbunden ist, müsse die Fakultät noch prüfen. Dass Schavans Arbeit nun schon 32 Jahre alt und es folglich nicht gerechtfertigt sei, diese mit heutigen Mitteln zu bewerten, lässt Löwer allerdings nicht gelten. Die grundlegenden Maßstäbe, was wissenschaftliches Arbeiten ist, seien damals wie heute die gleichen. Denn: "Plagiieren führt nicht zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen."
Löwer ist im Moment der einzige Ombudsmann, der sich überhaupt zum Fall Schavan äußert. Er hat die Souveränität und auch langjährige Erfahrung im Medienrummel bei prominenten Plagiatsfällen. Auch bei zu Guttenberg wurde Löwer immer wieder um eine Stellungnahme gebeten. Dabei gibt es an den meisten anderen Universitäten ebensolche Experten, die Plagiate und andere Arten von wissenschaftlichem Fehlverhalten aufarbeiten sowie differenziert bewerten sollen und können. Doch ohne jemals die Arbeit der Ministerin in den Händen gehabt zu haben, will von ihnen niemand vorab ein Urteil fällen.
Und das ist tatsächlich der Punkt: Solange nicht alle Fakten auf dem Tisch liegen, ist der öffentliche Angriff auf die Ministerin mit einer großen Portion Unwohlsein verbunden. Schavan hat angekündigt, dass sie sich demnächst zu den Vorwürfen äußern wird. Üblicherweise gibt es dafür auch nicht nur eine, sondern zwei Gelegenheiten: erst schriftlich und danach mündlich. Ein seriöses Prüfungsprozedere dürfte sich also noch einige Wochen hinziehen. Mit einer eventuellen Entscheidung, ob der Ministerin der Doktortitel entzogen werden solle oder nicht, ist nach Löwers Einschätzung daher nicht mehr in diesem Jahr zu rechnen. Rücktrittsforderungen und Guttenberg-Vergleiche sind also zum jetzigen Zeitpunkt weder fair noch seriös: Sie sind momentan nichts anders als Vorverurteilungen.


Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin.
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1. Grundsätzliches + Mitverantwortung der Erst- und Zweitgutachter bei Promotionen
17.10.2012, Thomas BautzErstens: Jeder, der sich eine realistische Meinung bilden möchte, muss die betr. Diss. erst einmal gründlich lesen.
Zweitens: Mehrere Gutachter sollten den Plagiatvorwurf prüfen (auch die Motive der Ankläger).
Drittens: Ich gebe zu Bedenken, dass eine ältere Diss. nicht ohne weiteres via Internet-Recherchen zu überprüfen ist, sondern - ganz "altmodisches" Recherchieren in "verstaubten" Bibliotheken erfordert - so wie eben die Diss. zustande gekommen ist.
Viertens: Was ich bei der bisherigen Diskussion vermisse: Warum werden (m.W.) die Erst- und Zweitgutachter ("Doktorvater" u.a.) des damaligen Promotionsverfahrens nicht herangezogen. Wenn es sich - was von Fall zu Fall geprüft werden muss - wirklich um ein Plagiat handelt, haben die betr. Gutachter diese "Schlamperei" (od. gar den Betrug) offensichtlich übersehen, d.h. sie sind mitverantwortlich!!!
2. Plagiatssuche ist auch wissenschaftliche Arbeit
17.10.2012, Alex. LokowandIch finde es erschreckend, wenn sogenannte "führende Wissenschaftler", die doch eher Politiker an der Spitze einer Wissenschaftsorganisation sind, sich jetzt beschweren, wenn ein Gutachten veröffentlicht wird. Natürlich behindert die vorzeitige Veröffentlichung ihre "Spielchen", missliebige Gutachten zu unterdrücken und so lange Zweit-, Dritt-, ... Gutachten anzufordern, bis ein genehmes Gutachten dabei ist oder bis Gras über die Sache gewachsen ist. Dieses politisch oportune Verhalten beweist fehlendes Rückgrat und ist wissenschaftlich nicht akzeptabel.
Transparenz ist das einzige, was der Wissenschaft weiter hilft. Eine Ministerin, die nicht zu ihren Fehlern steht, ist genauso schädlich wie "führende Wissenschaftler", die lieber Politik im Hinterzimmer betreiben.
3. Plagiate sind ein methodisches Problem des Fachs
17.10.2012, Dr. Wolfgang KleinBei den Experimentalwissenschaften liegt die Sache anders. Alte Hüte fallen leichter auf. Die Gefahr liegt eher im Fälschen von Messergebnissen. In den Experimentalwissenschaften gibt es noch viel Handwerk, aber auch hier geht die Entwicklung in Richtung Automatisierung. Schon heute erfolgt die Interpretation von Messergebnissen am CERN durch Servomechanismen. Die Experimentalphysiker entwerfen nur noch die Geräte oder sitzen vor dem Bildschirm und schauen sich an, was der Computer so ausspuckt. Ähnlich in der Gentechnologie. Die Tätigkeiten, die vor 30 Jahren Hauptgegenstand der Dissertation waren, erledigt heute ein Sequenzierautomat in Sekunden. Der Informatik (früher hätte man von finiter Mathematik gesprochen) kommt hier im Zusammenhang mit dem erforderlichen Data Mining eine zentrale Bedeutung zu. Das ist natürlich nur ein Trend und noch nicht überall in den Experimentalwissenschaften so.
Die Mathematik demgegenüber halte ich für inhärent plagiatsicher, wenn man von Randbereichen wie der Anwendung der "echten" Mathematik auf die Realität absieht. Die bekannten Plagiatsfälle in der Mathematik stammen alle aus diesen Randbereichen. Diese Plagiatsicherheit liegt an der mathematischen Methodik mit den Metaobjekten "Axiom", "Satz", "Beweis" usw.. Einen Satz einfach abzuschreiben bringt nichts. Das fällt wegen der normierten Sprache sofort auf. Das Umformulieren eines Satzes bringt einen Doktoranden auch nicht weiter. Das fliegt schnell auf. Genauso wenig bringt es, einen Beweis abzuschreiben. Die Anzahl der Beweisvarianten ist weiterhin meist klein. Außerdem legt die Mathematik Wert auf Eleganz. Wer schreibt schon einen umständlichen Zweitbeweis für einen bekannten Satz. Im Unterschied zu den Experimental- und Geisteswissenschaften ist grundsätzlich jeder, der die geistigen Fähigkeiten mitbringt, in der Lage Beweise ohne spezielle Zusatzausrüstung zu überprüfen.
Worin liegen die Gefahren bei einer mathematischen Dissertation, bei der es meist um ein oder zwei zentrale Sätze geht.
1. Der Satz wurde schon bewiesen und publiziert oder der Beweis war dem Doktoranden aus anderer Quelle (z.B. unveröffentlichtes Papier) bekannt. Ausnahme: Der neue Beweis ist eleganter oder offenbart andere interessante Zusammenhänge.
2. Der Beweis ist fehlerhaft. Ist der Satz trotzdem richtig, kann der Beweis ggf. repariert werden (Beispiel: Andrew Wiles und der Beweis der Fermatschen Vermutung). Der Satz kann aber auch falsch sein. Das ist dann schlecht für den Autor, ist aber auch schon passiert (Beispiel: Ein Artikel mit dem Titel "K-Theory doesn't exist").
3. Der Beweis des Satzes ist trivial oder zumindest einfach. Dann müssen sich die Gutachter nach ihrer fachlichen Qualifikation fragen lassen.
Die Automatisierbarkeit mathematischer Arbeiten gestaltet sich schwierig. Schon in den 1970er Jahren wurden für die nahe Zukunft sogenannte "Beweiser" angekündigt, meist von angewandten Logikern, von denen man seither nicht mehr viel gehört hat. Ich wage die Vorhersage, dass die Mathematik die letzte Wissenschaft sein wird, die automatisiert werden kann.
Man darf die Frage stellen, ob die Methodik der Mathematik in irgendeiner Weise auf die anderen Wissenschaften übertragen werden kann. Auch wenn Physiker, Informatiker, Wirtschaftswissenschaftler oder Soziologen mathematische Verfahren verwenden, heißt das nicht automatisch, dass sie wirklich Mathematik betreiben. Das zentrale Korrespondenzprinzip der Quantenmechanik ist beispielsweise durch keinen mathematischen Satz und keinen Beweis gedeckt. Es ist einfach nur eine physikalische Daumenregel, die irgendwie funktioniert.
4. Politisch motivierte Vorurteile
20.10.2012, Hubert SchmollEin endgültiges wohlbegründetes Urteil ist vor 2013 nicht zu erwarten. Bevor also solches feststeht, sind die Schmährufe von Frau Nahles, Herrn Gabriel u. a., die den Rücktritt von Frau Dr. Schavan und die politischen Konsequenzen daraus öffentlich fordern, niveaulos und offenbaren deren unanständige Gesinnung.