Porträt: Wolf Singer
"Sie sind doch Ihr Gehirn – wer sonst?"
Ein Forscherleben für das Gehirn: Der Neurophysiologe Wolf Singer erklärt, wie er sich Grundfragen der Hirnfunktion nähert – und welche Folgen das für unser Weltbild hat.
Mitte der 1980er Jahre gelang Singer, von Haus aus Mediziner, ein Durchbruch für die Hirnforschung mit dem Nachweis so genannter Ensembles in der Großhirnrinde: Verbänden aus Hunderten oder Tausenden von Nervenzellen in der Großhirnrinde, die für Millisekunden ihre elektrische Aktivität synchronisieren und damit für Ordnung im Kopf sorgen.
Außer Grundlagenforschung zu betreiben, hat sich Singer in Essays, Reden und Büchern immer wieder an ein breites Publikum gewandt und dabei Querverbindungen zu Philosophie oder Politik gesucht. Im "Spektrum"-Interview berichtet er, wieso er zur Hirnforschung fand – oft ein "ungeheuer frustrierendes Feld" – und wie ihm ein Missgeschick zu seiner Schlüsselentdeckung verhalf


Bernhard Epping ist promovierter
Biologe. Er lebt als freier Wissenschaftsjournalist
in Tübingen.
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1. Die Verantwortung des Ichs
31.08.2009, Dr. J. Krebs, StarnbergDie Konsequenz dieses konsequent naturalistischen Denkens ist m. E. nach eine ganz andere: Wenn die Handlungen eines Individuums letztendlich determiniert sind, dann ist es auch die (gesellschaftliche) Reaktion auf diese Handlungen. Wenn also der Täter nicht anders kann, als die Tat zu begehen, dann kann die Gesellschaft auch nicht anders, als ihn dafür zu bestrafen. Dann ist unser Wille nur ein „Epiphänomen“ unseres physischen Verhaltens; es ist dann ganz egal, was wir wollen, es kommt sowieso alles, wie es kommen muss. Diese Haltung führt geradewegs in einen philosophischen Fatalismus.
Was uns die Hirnforscher hier gerne als eine revolutionäre Erkenntnis ihres Fachgebiets verkaufen, ist im Grunde eine triviale Folgerung aus der Geschlossenheit des naturwissenschaftlichen Weltbildes: Die Physik – und damit die Beziehung von Ursache und Wirkung – gilt eben auch in unserem Gehirn. Was uns Menschen auszeichnet, ist die Vielzahl der komplexen Handlungsoptionen, die uns i.A. zur Verfügung stehen. Wenn wir uns dann aber in einer konkreten Situation für eine dieser Optionen entscheiden, dann hat das auch irgendwelche Gründe – ob sie uns nun bewusst sind oder nicht. Deshalb ist Willensfreiheit weder auf der materiellen noch auf der psychischen Ebene wirklich fassbar und infolgedessen auch nicht nachweisbar.
Trotzdem ist es richtig, die Willensfreiheit als ein soziales Konstrukt beizubehalten. Es ist ein letztlich ein philosophisch–ontologischer Begriff, der untrennbar zu unserer Selbstwahrnehmung als autonomes „Subjekt“ gehört, und als solcher steht er sozusagen per definitionem außerhalb einer wissenschaftlichen Erfassung, die sich auf die „objektive“ Realität konzentriert. Ohne dieses Konstrukt aber kann die menschliche Gesellschaft nicht funktionieren – und die Hirnforscher sollten sich vielleicht einmal bewusst machen, dass auch sie sich in ihrer Forschertätigkeit zwangsläufig als autonome Subjekte erfahren.
2. Die Verantwortung des Ichs
10.12.2009, Univ.-Prof. Dr. Uwe LehnertUm zu verhindern, dass er in vergleichbaren Situationen wieder genau so gesellschaftsschädigend handelt, nimmt sich die Gesellschaft das Recht heraus, solche Handlungen zu sanktionieren und veranlasst therapeutische oder erzieherische Maßnahmen, gegebenenfalls in Form von Geldbußen oder Freiheitsentzug. Ziel ist es, eine veränderte Motiv- bzw. Verhaltensstruktur zu erreichen.
Um die Autonomie des Menschen zu wahren, ist das Konstrukt der Willensfreiheit entbehrlich. Wenn ich mich frei von allen äußeren Zwängen so entscheiden kann, wie es meinem Charakter, meiner Erziehung, meiner Erfahrung und meinen Einsichten entspricht, dann realisiere ich das, was wir Selbstbestimmung nennen. Und nur darauf kommt es an, denn meine persönliche Freiheit drückt sich in der Möglichkeit zur Selbstbestimmung aus.